22.03.2021 - 16:35 Uhr
AmbergOberpfalz

Dossier zum ehemaligen Bürgerspital-Gelände: Wohin führt der Weg?

Im Oktober 2011 ziehen die Bewohner des Bürgerspital-Altenheims in Amberg in ihr neues Domizil. An der Bahnhofstraße bleibt ein marodes Gebäude zum Abriss zurück. Was wird aus dem Grundstück? Ein Dossier von 2018 sammelt die Vorgänge.

Hier stand einmal das Bürgerspital-Altenheim inmitten der Amberger Altstadt. Mit dem Abriss des maroden Gebäudes bietet sich die Gelegenheit, auf einem prominenten Ort in der Stadt etwas Neues zu entwickeln. Nur was? (Bild vom November 2020)
von Redaktion ONETZProfil

Von Andrea Mußemann, Stephanie Wilcke, Andreas Ascherl und Michael Zeißner

Zeitstrahl: Von Januar 2010 bis September 2018

Die Planer bleiben nicht untätig, während das neue Bürgerspital gebaut wird. Bereits 2010 startet ein Architekturwettbewerb, der sich mit der Zukunft des Bürgerspitalgeländes befasst. Als Sieger geht das Stuttgarter Büro Wittfoht hervor, das letztendlich zwei viergeschossige Baukörper und eine Tiefgarage mit rund 100 Stellplätzen auf dem Areal vorsieht. Auf keinen Fall, so heißt es damals, könne diese Tiefgarage wegen des dort verlaufenden Kanalsammlers über die Bahnhofstraße erschlossen werden. Zu diesem Zeitpunkt ist auch noch viel die Rede davon, dass man, angelehnt an das alte Bürgerspital, vor allem Platz schaffen will - für Betreutes Wohnen auf dem Gelände.

So sah der Gewinnerentwurf für den Gebäudekomplex auf dem Bürgerspitalgelände aus. Im Erdgeschoss sollen Läden einziehen, darüber Büros und Wohnungen entstehen.

Doch bereits im Januar 2011 kommt die Amberger CSU mit der Forderung heraus, die Tiefgarage dort müsse unbedingt öffentlich gewidmet werden, um dem darniederliegenden Handel der Innenstadt durch mehr Parkplätze Schwung zu verleihen. Umgehend folgt die Ablehnung dieser Pläne durch die Interessensgemeinschaft Menschengerechte Stadt, die eine Beeinträchtigung der Lebensqualität durch noch mehr Verkehr im Zentrum sieht. Leerstehende Tiefgaragenplätze rund um die Altstadt seien außerdem schon genügend vorhanden, heißt es.

2011: 3400 Unterschriften für eine „lebendige Innenstadt“

Bereits im Februar 2011 rückt der Hauptausschuss vom reinen Betreuten Wohnen auf dem Areal ab und will nun auch den Weg frei machen für Dienstleister, die sich hier ansiedeln wollen. Derweil wird der Ruf nach einer öffentlichen Tiefgarage immer lauter. Er mündet schließlich in einer Unterschriftensammlung eines Bündnisses „Für eine lebendige Amberger Innenstadt“, bestehend aus Stadtmarketing, IHK (Industrie- und Handelskammer), PWG (Park- und Werbegemeinschaft) und anderen, die 3400 Unterschriften für eine öffentliche Garage erbringt. Mitinitiatorin ist übrigens damals schon Christl Lindner, die das Zeitgeist in der Unteren-Nabburger-Straße betreibt. Sie wird Ende 2017 erneut eine entsprechende Unterschriftensammlung auf den Weg bringen.

Daraufhin rücken etliche CSU-Stadträte von der offiziellen Parteilinie ab. Die lautete noch wenige Wochen vorher: Eine öffentliche Variante der Tiefgarage wäre zwar wünschenswert, ist aber viel zu teuer. Trotzdem fordert die CSU-Mittelstandsunion ebenfalls eine solche.

Es war einmal: Das Altenheim auf dem ehemaligen Bürgerspitalgelände in Amberg.

Am 10. Oktober zieht das Bürgerspital in die neuen Gebäude an der Schlachthausstraße, am 15. Oktober ist offizielle Eröffnung. Bereits am 7. Dezember 2011 stellt Architekt Jens Wittfoht im Bauausschuss seine Pläne für die Nachfolgenutzung des Geländes vor: Zwei viergeschossige Gebäude sollen es werden mit 100 Stellplätzen in einer Quartiersgarage. Dieser Planung stimmt im März 2012 der Stadtrat mit der Modifikation zu, dass nunmehr nicht mehr nur von Betreutem Wohnen die Rede ist, sondern von einer Mischung aus „Leben und Gewerbe“. Grund für den Sinneswandel: das neue Einzelhandelskonzept.

Im Herbst 2011 zogen die Bewohner des Altenheims am ehemaligen Bürgerspitals aus. Zurück blieb ein marodes Gebäude.

Etwas verändert geht die Planung im April 2012 erneut in den Bauausschuss. Nun ist von einer Quartiersgarage mit 158 Stellplätzen auf vier Ebenen die Rede. Gegen die Stimme von Barbara Lanzinger (CSU) winkt der Stadtrat diese neue Planung ebenfalls durch.

Doch wenige Monate später eine erneute Wende: Nun vermittelt SPD-Stadtrat Dieter Amann einen Investor, der sich für das benachbarte Forum-Areal interessiert. Der macht eine öffentlich Parkgarage mit 363 Stellplätzen auf dem Bürgerspitalgelände zur Bedingung. Mit 26:15 Stimmen sendet der Stadtrat das Signal in diese Richtung. Das Gremium befürwortet eine Untersuchung, ob diese Lösung technisch überhaupt möglich ist. Baureferent Markus Kühne bezeichnet eine mögliche Tiefgarageneinfahrt in der Bahnhofstraße als „absolute Fehlentwicklung.“

Die Amberger Zeitung startet daraufhin eine Online-Umfrage zu dem Thema: 58,6 Prozent der Teilnehmer (4755) stimmen für die öffentliche Garagen-Variante. Die FDP kündigt ein Bürgerbegehren in diese Richtung an, das im Januar starten soll. Im April 2013 jedoch erteilt der beauftragte Gutachter Harald Kurzak allen möglichen Varianten eines öffentlichen Parkhauses an dieser Stelle ein Abfuhr. „Die Größenordnung, die sich der Investor an dieser Stelle vorstellt, geht einfach nicht“, stimmt ihm der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Dandorfer zu. Bauausschuss und Stadtrat sind fast einstimmig einer Meinung – diesmal votiert nur FDP-Stadtrat Wolfgang Hottner dagegen.

Investor sagt ab – nun greift die Stadt zu

Mit schwerem Gerät rückt man an, um den Komplex des ehemaligen Bürgerspitalgeländes abzureißen. Im April 2014 ist der Abriss beendet.

Am 2. Mai 2013 bestätigt der Oberbürgermeister dann, dass der Investor abgesprungen ist. Nun ist die Stadt an der Reihe und kauft am 26. November 2013 der Bürgerspitalstiftung das Grundstück ab. Kurze Zeit später legt sie den Bebauungsplan für das Sanierungsgebiet K vor. Auf dem eigentlichen Areal sind nach wie vor zwei Gebäude vorgesehen – wie vom Architekten geplant. Dazu kommt eine dringend notwendige Erweiterung der Wirtschaftsschule.

Anfang April 2014 ist dann auch der Abriss der alten Gebäude beendet, im Juni folgt der sogenannte Reichert-Bau an der Bahnhofstraße. Im Juli 2014 tauchen bei der CSU-Fraktion wieder einmal - wenig konkrete - Ideen auf, die beiden gegenüber liegenden „Filet-Stücke“ Bürgerspital und Forum gemeinsam zu entwickeln.

Nichtsdestotrotz laufen ganz konkrete Planungen für den Bereich an. Der Bauausschuss plädiert dafür, zunächst einmal eine Teil-Tiefgarage unter dem Neubau der Wirtschaftsschule zu schaffen, bis dieser Prozess abgeschlossen ist. Später könne dann diese Tiefgarage mit der restlichen Garage verbunden werden, so die Überlegung. Einfahrt dafür soll in der Ziegelgasse bei der Wirtschaftsschule sein, ausfahren sollen die Fahrzeuge dann später über den Spitalgraben und die Kasernstraße. Aktueller Stand: 196 Plätze in einer Quartiersgarage. Zu diesem Zeitpunkt sagt Baureferent Markus Kühne unumwunden, wie es um die Umsetzung der restlichen Vorhaben steht: „Ich habe keinen Investor, keinen Architekten und keine Planung.“

Anwohner protestieren

Umgehend protestieren Anwohner des Spitalgrabens und des Paradeplatzes gegen das Vorhaben. Gegen die Stimmen von Eberhard Meier (erst CSU, dann ÖDP, inzwischen FW) und Emilie Leithäuser (FDP) plädiert der Stadtrat mit Michael Cerny (CSU) an der Spitze für den Bebauungsplan Sanierungsgebiet K. Währenddessen fordert der Amberger Investor Ulrich Schmid zum wiederholten Male, den Beschluss für eine Quartiersgarage noch einmal zu überdenken und diese lieber öffentlich zu machen. Im Dezember wird bekannt, dass Schmid von der Stadt den sogenannten Eckert-Bau neben der Spitalkirche gekauft hat. Die IG Menschengerechte Stadt protestiert gegen die Tiefgaragenausfahrt im Spitalgraben.

In den kommenden Monaten passiert erst einmal gar nichts. Architekturstudentin Anja Trometer entwirft in ihrer Masterarbeit ein neues Konzept für die Bebauung und der neu im Stadtrat vertretenen Gruppierung Amberger Bunt schwebt ein Begegnungszentrum für Handel, Wohnung und Bildung vor, in dem ein zentrales „Amphitheater“ neue Akzente setzt.

Alles auf Null – Wer hat Ideen für das Bürgerspitalgelände?

Im Frühling 2015 erfolgt in Sachen Bürgerspitalgelände die völlige Kehrtwende. Wie erst im August bekannt wird, hat der Stadtrat bereits im Mai in seiner nichtöffentlichen Sitzung den Beschluss gefasst, noch einmal ganz von vorne zu beginnen. „Wir wollen mal schauen was andere – auch Investoren – für Ideen haben“, begründet Oberbürgermeister Michael Cerny die nunmehr erfolgte europaweite Ausschreibung des 4429 Quadratmeter großen Areals. In einem sogenannten Dialogverfahren soll bis Oktober ein geeigneter Investor gefunden werden, der der Stadt das Areal und die damit verbundene Planung und Bebauung abnimmt.

Schon wenige Monate später bekundet der bekannte Investor Ulrich Schmid sein Interesse, kommt aber nicht zum Zuge. Ende Oktober wird in diesem vollkommen nichtöffentlichen Verfahren bekannt, dass noch vier Kandidaten im Rennen sind. Die haben vor allem bezüglich der Einfahrt der zu bauenden Tiefgarage bestimmte Erwartungen. Im November 2015 votiert der Stadtrat mit 25 : 11 Stimmen dafür, die Einfahrt dieser Garage entgegen aller vorherigen Überlegungen nun doch in die Bahnhofstraße zu legen und damit eine gemeinsame Erschließung der Garagen unter dem Bürgerspital und eventuell dem ehemaligen Forum zu ermöglichen.

Vielleicht, so überlegt OB Michael Cerny im Jahresgespräch mit der Amberger Zeitung Anfang 2016, könnte diese Garage dann wenigstens einen teilöffentlichen Status erhalten. Im März sind es nur noch zwei namentlich nicht bekannte Bewerber, die um das Gelände konkurrieren.

Diese Fotomontage hat die Interessengemeinschaft Menschengerechte Stadt 2016 anfertigen lassen.

Mitten in diesem Prozess macht die IG Menschengerechte Stadt mit ihrem Vorsitzenden Achim Hüttner ein neues Fass auf: Sie fertigt eine Fotomontage von einer möglichen Tiefgarageneinfahrt in der Bahnhofstraße. Ein neuer Begriff erblickt das Licht der Welt: das Amberger Loch.

Jenes Loch wird nach Darstellung der IG Menschengerechte Stadt nahezu gigantische Ausmaße haben und die Innenstadt praktisch zerstören. “Völlig überzogen und verzerrt”, so die Antwort der anderen Seite. So eine Tiefgarageneinfahrt lasse sich durchaus gefällig in das Stadtbild integrieren.

Jetzt steigt Investor Ten Brinke ein

Ambergs Stadtspitze und Ten Brinke präsentieren im Juli 2016 die Pläne für das ehemalige Bürgerspitalgelände: (von links) Oberbürgermeister Michael Cerny, Ten Brinke-Geschäftsführer Andreas Kern, Projektleiterin Sandra Kainz sowie die Fraktionsvorsitzenden Birgit Fruth (SPD) und Dieter Mußemann (CSU).

Am 27. Juli 2016 vermeldet die Amberger Zeitung: Der niederländische Immobilienmagnat Ten Brinke, der auch in Regensburg eine Niederlassung unterhält, bekommt den Zuschlag für die Entwicklung des Bürgerspitalgeländes. Das Familienunternehmen will nach Aussagen ihres regionalen Geschäftsführers Andreas Kern rund 25 Millionen Euro in die Hand nehmen, um ein Einkaufs- und Dienstleistungszentrum an der Bahnhofstraße zu schaffen. Für die Architektur soll praktischerweise erneut das Büro Wittfoht zuständig sein, das bereits den ersten Wettbewerb für das Gelände gewonnen hat.

Im Interview betont Professor Jens Wittfoht, dessen Büro neben dem Bürgerspitalgelände auch das Forum überplant hat, dass eine gemeinsame Tiefgarageneinfahrt den Vorteil hätte, den Verkehr dort „abzuholen, wo er entsteht.“ Die IG hingegen publiziert ein Foto von einer Garageneinfahrt in Dresden mit dem Hinweis, so “scheußlich” würde es wahrscheinlich in Amberg auch kommen.

Wer ist Investor Ten Brinke?

Von Michael Zeißner

Mit Ten Brinke hat der Stadtrat Amberg in seinem Bestreben, der östlichen Altstadt wieder mehr wirtschaftliches Leben einzuhauchen, einen ebenso namhaften wie potenten Partner mit ins Boot holen können. Die im Kern niederländische Unternehmensgruppe zeichnet sich trotz ihres europaweiten Engagements durch den Charakter eines in vierter Generation geführten, 115 Jahre alten Familienunternehmens aus. Eigenen Angaben zufolge erwirtschaftet die Ten Brinke Group mit 700 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 700 Millionen Euro.

Die Bandbreite der Geschäftsfelder innerhalb der Baubranche ist umfassend. Ten Brinke beschreibt sich selbst auf seiner Homepage als „ehrgeiziges Unternehmen“. Die Gruppe tritt gleichermaßen als klassische Baufirma, Projektentwickler, Kapitalgeber und Investor auf. Entsprechend viel- bis kleingliedrig ist das gesamte Unternehmen strukturiert. Wer die Liste der Referenzobjekte überfliegt, kommt zu dem Schluss, dass bei Ten Brinke alles zu haben ist, was die Bauwirtschaft und der Immobiliensektor hergeben: Einfamilienhäuser oder Eigentumswohnungen, Wohnanlagen und Autohäuser, Einkaufsmärkte, Shoppingcenter.

Im Freistaat ist die Unternehmensgruppe mit der in Regensburg ansässigen TBB Ten Brinke-Projektentwicklungs-GmbH vertreten. Nicht weit entfernt von Amberg war sie schon aktiv. In der Nachbarstadt Schwandorf und in Nittenau, Landkreis Schwandorf. Das war Anfang der 2000er Jahre und es ging jeweils um zwei großflächige Industriebrachen. Für beide Kommunen erwies sich Ten Brinke damals als nicht einfacher Partner.

Negative Presse vom Tegernsee

Das Brauhaus Tegernsee kam 2015 mit Investor Ten Brinke ins Geschäft und kaufte den Gasthof Maximilian. (Bild vom März 2018)

Die zwei Projekte wurden letztendlich nicht so umgesetzt, wie ursprünglich avisiert und versprochen. Enorme zeitliche Verzögerungen, Wechsel bei den Investoren und auch Insolvenzen von beteiligten Gesellschaften oder Geschäftspartnern warfen mehrfach neue und auch schwerwiegende Probleme auf. Gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen Projektanten und den Kommunen blieben nicht aus.

Für die eine oder andere Negativ-Schlagzeile in der Lokalpresse sorgte Ten Brinke in jüngerer Zeit am Tegernsee. In Gmund hatte das Unternehmen im Ortskern ein zentral gelegenes, geschichtsträchtiges Areal erworben, um dort einen Mix aus Wohnen, Lebensmittelhandel und Gastronomie zu entwickeln. Das Grundstück umfasste auch den vom Verfall bedrohten, 675 Jahre alten Gasthof Maximilian, der unter Denkmalschutz steht.

Ten Brinke sagte ursprünglich eine Sanierung zu, sah sich später trotz einer erteilten Baugenehmigung dazu aber nicht mehr in der Lage. Die Gemäuer drohten zu einer Ruine zu verkommen. Als Retter in der städtebaulichen Not trat schließlich das ortsansässige Brauhaus Tegernsee auf und erwarb den denkmalgeschützten Bau. Irgendwann Anfang 2018, über den genauen Termin schweigt sich die Brauerei noch aus, soll das Traditions-Gasthaus wiedereröffnen. Ten Brinkes Engagement beschränkte sich in Gmund nach der Herauslösung des Maximilian auf den Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses mit Tiefgarage bei einer Verkaufsfläche von 1200 Quadratmeter und zehn Wohneinheiten.

Archäologe gräbt sich durch die Geschichte Ambergs

Von Andrea Mußemann

Der ursprüngliche Auftrag an Archäologen Mathias Hensch lautete: drei Leute, drei Wochen. Schnell wurde den Experten allerdings klar, dass weit mehr im Bürgerspitalareal steckt, als angenommen. Ab Sommer 2016 graben Hensch und sein Team zwei Jahre lang Schicht für Schicht von Ambergs Geschichte frei.

Archäologe Mathias Hensch und sein Team nehmen sich die Geschichte der Stadt Amberg auf dem ehemaligen Bürgerspitalgelände vor.

Heraus kam dabei eine Zeitreise durch drei Jahrtausende, die Einblick in die frühe Siedlungsgeschichte gibt und bis ins 8. Jahrhundert vor Christus zurückreicht. Reste eines Grabhügels aus der Keltenzeit mit Grabbeigaben wie Geschirr oder Lamm, eine Schwanenhalsnadel, Steinkreise, ein weiteres fast vollständig erhaltenes Keltengrab beim Ring-Theater, wo zwei Menschen bestattet und später beraubt worden waren – über all das gingen 2600 Jahre hinweg. Dann kam der große Zeitsprung ins frühe Mittelalter, verbunden mit der Frage: „Wie alt ist Amberg wirklich?“ Zum ersten Mal konnte nachgewiesen werden, wie alt die Siedlung tatsächlich ist.

Archäologe forscht auf ehemaligem Bürgerspitalgelände (Januar 2018)

Es wurde beispielsweise eine Straße gefunden, die das Areal im frühen Mittelalter durchzog, ausgestattet mit einer Drainage, um Wasser abzuleiten – „ein sehr interessanter Fund zur Infrastruktur“. Vom 9. bis 11. Jahrhundert waren Kleingärtner auf dem Gelände zugange. Hier entdeckten die Archäologen Spatenstichspuren und Pfostengruben sowie Abfallschichten der Eisenverhüttung. Aus dem 11. bis 12. Jahrhundert stammt Ambergs ältestes Pferd. Das Skelett wurde allerdings von einer modernen Rohrleitung abgeschnitten. Ebenfalls in diese Zeit datierte der Archäologe ein kleines Spielzeugpferd, das über Jahrhunderte im Boden schlummerte.

360-Grad-Video von der Grabungstelle

Aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt wohl ein herrschaftlich genutztes Gebäude aus Holz. Hensch legte die Reste des darin befindlichen Kachelofens frei. Die Brennkammer war aus Backstein. Die Kemenate verfügte über Unterbodenheizung und glasierte Ziegel in creme oder olive inklusive Kupfer- oder Bronzeverzierungen. Unmittelbar nachdem dieser Bau abgebrannt war, könnte 1317 die Schenkung durch König Ludwig den Bayer erfolgt sein.

Über- und durcheinander liegen die Toten. Da ist es nicht immer leicht, den Überblick zu bewahren.

Langgestreckter Baukörper des Spitals

Anschließend fingen die Amberger an, einen „qualitätsvollen Bau“ zu errichten – das Spital. Hier gruben die Archäologen eine Zisterne aus dem 15. Jahrhundert aus, die zur Wasserversorgung diente, sowie die Überreste eines langgestreckten Baukörpers, der an die Spitalkirche anschloss – ideal, um zahlreiche Betten unterzubringen.

Aber auch die einstigen Bewohner durften erzählen. Die Skelette der ältesten Amberger auf dem rund um die Spitalkirche liegenden Friedhof geben Einblicke in die Lebensweisen im Mittelalter. Fast zehn Beispiele lieferte Hensch von außergewöhnlichen Bestattungsriten oder Grabbeigaben in dem „extrem dicht“ belegten Friedhof.

Liegt hier der Schlüssel zur Stadtgeschichte begraben?

Als Nächstes steht die Einfahrt in das Areal im Fokus der Ausgrabungen: Vielleicht gibt es dort Anhaltspunkte für die Johanniskirche, die es gegeben hat und die eventuell an der Stelle der heutigen Spitalkirche stand. In seinem Blog „Schauhütte Archäologie“ (https://schauhuette.com) beschreibt Hensch detailliert die interessantesten und außergewöhnlichsten Funde.

Der Ärger geht weiter

Die Diskussion um die künftige Nutzung des Bürgerspital-Areals in Amberg schwelt nun schon seit Jahren und gipfelt Anfang 2021 in einem Bürgerbegehren gegen die Pläne der Stadt und des Immobilien-Investors Ten Brinke.

Gegner der Ten-Brinke-Pläne machen mobil

Amberg

Da sieht sich der Investor selbst veranlasst, den Gegner den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Projektleiter preist die Ideen nochmals an: "Es sieht im Erdgeschoss einen moderneren Lebensmittelmarkt mit knapp 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche sowie einer weiteren Gewerbeeinheit, die beispielsweise als Bäckerei, Café oder Restaurant bespielt werden kann, vor", erklärt er. Der regional ausgerichtete Lebensmittelmarkt soll das Wohnen in der Altstadt attraktiver machen, "speziell auch für die älteren Bürger". Wichtig ist dem Ten-Brinke-Mann: "Der Lebensmittelmarkt wird nach dem Wegfall der zweiten Tiefgaragen-Ebene bewusst keine eigenen Stellplätze in der geplanten Tiefgarage haben, wodurch die Sogwirkung auf Lebensmitteleinkäufer in die Innenstadt deutlich reduziert wird." Vielmehr soll der persönliche Individualverkehr in der Innenstadt spürbar verringert werden. "Im besten Fall können einzelne Bewohner sogar komplett auf ein eigenes Auto künftig verzichten."

Lesen Sie hier ausführlich die Stellungnahme von Ten Brinke

Amberg
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