28.07.2021 - 18:42 Uhr
AmbergOberpfalz

Aus der Drille wird die Brille: Kurioses rund um die Amberger Stadtbefestigung

Woher kommen die Riefen am Vorgänger des Wingershofer Tores? Hat hier der Teufel seine Spur hinterlassen? Und warum wird aus dem nahen Schloss ein Wasserschloss? An der Amberger Stadtmauer gibt es viel zu entdecken.

Das Schloss zur Landseite mit Fluchttor, links über der Grasnarbe einstige Schießscharten, rechts an der Stadtbrille die Türen zu den Toiletten, Maulscharten, am Übergang zum Turm die Tür zur ehemaligen Bastei und daneben, als Teil des Zeughauses, der einzige im Original erhaltene Stadtturm mit den Zinnen oben auf.

Von Dieter Dörner

Seien es bauliche Veränderungen, Streit mit den Landesherren oder praktische Erwägungen - Gründe der "Zweckentfremdung" der Stadtbefestigung gab es viele.

Beginnen wir mit dem heutigen Wingershofer Tor. Der Datierung über dem Torbogen entsprechend entstand dieses 1579. Rund 125 Jahre zuvor, nach dem Bürgeraufstand 1453, wurde das ursprüngliche Wingershofer Tor in das Schlossareal einbezogen, war also nicht mehr zugänglich. So ist es immer noch ein Rätsel, wie bis zur Schaffung des neuen Tores der "Ausgang" gestaltet und gesichert war. Oder bezieht sich die Datierung nur auf die damals errichtete Barbakane und der Mauerdurchbruch entstand bereits unmittelbar nach "Schließung" des ersten Tores?

Aberglauben

Blickt man in den Stumpf des Vorgängertores sieht man einen Gewölbebogen. Dieser wiederholt sich auch an einigen Stellen der Stadtmauer. Damit galt es Baumaterial einzusparen. Doch zu sehen sind auch in den Sandstein gekratzte Riefen. Generationen haben sich den Kopf über deren Entstehung zerbrochen. Kaum zählbar befinden sich diese, zusammen mit sogenannten Schüsselchen, auch an der Martinskirche und vielen anderen mittelalterlichen Kirchen und Bauwerken. Man habe Wetzsteine aufgeraut, Waffen geschärft, sie seien vom Teufel verursacht - alles Interpretationen aus Unkenntnis oder Aberglauben.

Doch Aberglauben war und ist (noch in Italien) tatsächlich der Grund dafür. Die Kirche, ein von Gott gesegnetes Bauwerk. Der Sand von diesem Bauwerk kranken Tieren verabreicht oder selbst eingenommen, trug im Aberglauben zur Heilung bei. In Italien wird Sand und Staub aus Kirchen heute noch in Amuletten um den Hals getragen.

Segen "transferieren"

Und weshalb an der Stadtmauer? Nun, berührt man die Kirche mit einem Gegenstand und dann ein anderes Bauwerk, zum Beispiel die Stadtmauer, wird der Segen "transferiert". Die Aberglauben-Theorie belegt auch, dass an (fast) keinem Bauwerk, welches zur Zeit der Reformation oder später entstand, diese Riefen vorzufinden sind.

Pfalzgraf Philipp, geboren 1448, kam im Alter von fünf Jahren an die Kurfürstenwürde. Sein Vormund war Friedrich I. Er wollte die Kurfürstenwürde für immer an sich reißen, doch die Amberger spielten nicht mit. Es kam 1454 zum Bürgeraufstand, der niedergeschlagen wurde. Doch der Kurfürst befürchtete, es könnte sich Gleiches wiederholen. So begann er, das Schloss systematisch zur Stadt hin zu befestigen. Das alte Wingershofer Tor wurde in das Schlossareal eingebunden, die drei Bögen über die Vils 50 Jahre später mit dem im Bau befindlichen kurfürstlichen Zeughaus verbunden, mit Wehrgängen versehen und das Schloss als Wasserschloss ertüchtigt.

Die Stadtbrille war einst eine Stadtdrille. Umgeben war das Schloss von Vils und Stadtgräben vor der ersten und der heutigen Stadtmauer. Lediglich an der Westseite des Schlosses musste ein neuer Graben angelegt werden. Mit dem Erdaushub verfüllte man den dritten Bogen der Stadtbrille.

Zugbrücke über den Graben

Zum Land hin entstand ein Tor mit einer Zugbrücke über den Stadtgraben. Diese zu zwei Dritteln feste Brücke vom Land her, der Rest "klappbar", sollte den hohen Herren bei Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung eine Flucht ermöglichen beziehungsweise ihnen Zutritt zum Schloss gewähren, ohne städtischen Grund betreten zu müssen.

Und die Schießscharten direkt über der Grasnarbe? Beleg dafür, dass der Stadtgraben früher erheblich tiefer war. An der Stadtbrille unmittelbar über der Vils zwei Türen, eine davon mit davor angebrachten Kragsteinen: Es waren, wie auch bei Burgen üblich, Außentoiletten.

Als man aus Platzmangel in den Wehrgängen Dienstbotenwohnungen einrichtete, wurden diese erforderlich. Die Benützer mussten sich nur mit der Schifffahrt arrangieren.

Original erhalten

Jenseits der Vils der mächtigste noch im Original erhaltene Turm der Stadtbefestigung mit den Zinnen im ursprünglichen Zustand. Etwas verloren wirkend die "einsame" Tür an der Stadtbrille unmittelbar vor dem Turm.

Sie war Zugang zu einer in den Stadtgraben ragenden Bastei. In sie gelangte man über die gleichgeartete Tür aus Original Amberger Blechen aus dem 15. Jahrhundert im unteren Wehrgang der Stadtbrille. Der Fußweg durch die Stadtbrille ist eine Baumaßnahme der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Wie haben unsere Vorfahren so hohe und noch höhere Bauwerke erstellen können? Natürlich hatten sie ein Gerüst. Doch Steine, oftmals weit über einen Zentner schwer, da hinaufschleppen? Man bediente sich wie bereits die alten Römer eines Tretrades.

Je nach Größe liefen darin ein oder zwei Knechte. Am Tretrad war ein Ausleger mit einem Flaschenzug. Über dessen Rolle lief ein Seil, an dem am Ende eine Zange angebracht war. Jeder zu transportierende Stein hatte beidseitig eine kleine Mulde, in welche die Zange eingriff.

Das Seil auf Zug belastet, konnte der Stein gehievt werden. War das Bauwerk zu hoch, wurde wie bei St. Martin im Turm heute noch sichtbar, auf halber Höhe ein zweites Tretrad gesetzt. Apropos Bastei: Unschwer vorstellbar, dass es bei Niedrigwasser Probleme mit der Schifffahrt geben konnte.

So kam im 15. Jahrhundert ein findiger Handwerksbursche auf die Idee, die Bastei unmittelbar vor der Stadtbrille zu einem Wehr auszubauen. Das dann im Stadtgraben aufgestaute Wasser wurde, nachdem die Schiffe abgelegt hatten, diesen ratierlich "nachgeschickt".

Hatten die Schiffe Schmidmühlen erreicht, verbesserte sich die Situation durch das Wasser der Lauterach. Auch die Wehre an den an der Vils liegenden Hammerwerken sorgten für einen höheren Wasserstand. Gleichzeitig bot der höhere Wasserstand im Stadtgraben im Angriffsfall mehr Sicherheit.

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