30.11.2020 - 11:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Entbinden in Coronazeiten: Wenn Ruhe gut tut

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Eine Geburt gehört zu den aufregendsten Momenten überhaupt. Corona belastet zwar die Gemütslage von Schwangeren zusätzlich, doch nach der Entbindung am Klinikum Amberg haben die Besuchsregeln auch Positives: himmlische Ruhe im Wochenbett.

Die Wochenstation am Klinikum St. Marien: Remi Szewczyk hält seinen neu geborenen Sohn auf dem Arm. In Coronazeiten gelten strenge Besuchsregeln. Für frisch gebackene Familien ist diese Ruhe nicht schlecht.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

1309 Geburten gab es in diesem Jahr bisher im Klinikum St. Marien in Amberg. Der Großteil davon lief unter den besonderen Coronaregeln ab. Eine der Frauen, die in Amberg entbunden hat, ist Angelika Sitter. Ein paar Tage vor dem errechneten Entbindungstermin Ende August 2020 platzt die Fruchtblase. Gemeinsam mit Freund Remi Szewcyk fährt sie ins Krankenhaus. Angelika Sitter soll bleiben, allerdings ohne ihren Freund, so wollen es die Corona-Regeln. Selbst die Klinik-Tasche muss er vor der Station abstellen. "Die ganze Nacht war ich alleine im Zimmer. Auch als die Wehen eingesetzt haben. Wir haben zwar telefoniert, aber man fühlt sich schon sehr alleine. Für mich war es ja die erste Geburt. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Da hätte man schon gern seinen Partner an seiner Seite gehabt."

Leitende Hebamme Klaudyna Golkowski weiß, dass diese Situationen für werdende Mütter manchmal schwer zu ertragen sind. Sie erinnert sich an den Beginn der Pandemie im März und die damalige Regelung, dass die Männer zwar mit in den Kreißsaal, aber später nicht mit auf die Station durften. "Da hat mir manchmal das Herz geblutet. Manche wollten deshalb auch länger im Kreißsaal bleiben." Aus diesen Erfahrungen heraus wurde für das Klinikum St. Marien ein neues Konzept zur geburtsbegleitenden Anwesenheit der Väter im Kreißsaal und auf der Wochenstation erarbeitet, das seit Oktober gilt: Väter haben die Option, die Patientin ab der stationären Aufnahme während der gesamten Geburt auch außerhalb der regulären Besuchszeiten zu begleiten, ebenso nach Verlegung auf die Wochenstation bis zu zwei Stunden. Golkowski findet das sehr wichtig. Geschwisterkinder dürfen während der Besuchszeiten übrigens ebenfalls dazukommen.

Remi Szewczyk konnte seine schwangere Freundin in den Wehen erst wieder an der Türschwelle zum Kreißsaal in die Arme schließen. "Hätte ich während der Besuchszeit Wehen gehabt, hätte mein Freund da sein dürfen. Das ist dann etwas, was sich nicht mehr so ganz nachvollziehen lässt." Die Maskenpflicht endete für Angelika Sitter auf dem Entbindungsstuhl im Kreißsaal. "Es hieß, es sei unzumutbar, eine Frau in den Wehen mit Maske liegen zu lassen. Da könne man nichts veratmen. Ich war aber auch die einzige im Zimmer ohne."

Gemeinsam mit dem kleinen Baby Paul ging es zurück auf die Station. Dass die großen Besuchstiraden ausbleiben mussten, findet Angelika Sitter nicht schlimm. "Man will ja niemanden abweisen. Aber man ist geschwächt von der Geburt. Deshalb fand ich es ganz angenehm, dass nur mein Freund gekommen ist. Einmal kam kurz meine Mutter vorbei." Auch Hebamme Klaudyna Golkowski kann der Ruhe auf der Wochenstation viel Positives abgewinnen: "Mein Eindruck ist, dass die derzeitige Situation den Müttern gut tut. Vielleicht wollen viele ihre Familie nicht verletzen und sagen deshalb nicht, dass sie eigentlich ihre Ruhe bräuchten."

Sofern es frei ist, können werdende Eltern auch ein Familienzimmer belegen. "Hier kann der Vater bleiben, wenn er sich vorher im Haus testen lässt", erklärt Privatdozent Dr. Thomas Papathemelis, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Amberg. Der Vater dürfe dann die Klinik während des gesamten Aufenthalts nicht mehr verlassen. Auch wenn Väter mit Corona infiziert sind, können sie bei der Geburt dabei sein. Professor Dr. Anton Scharl, Direktor der Frauenkliniken Amberg-Tirschenreuth-Weiden, sagt: "Man sollte aber wissen, ob jemand infiziert ist, damit man Schutzmaßnahmen treffen kann. Menschen nicht zuzulassen ist zwar die einfachste Maßnahme, aber nicht unbedingt die beste." Deshalb sei auch ein Hygienekonzept ausgearbeitet worden, das Vätern ermöglicht, in jedem Fall bei der Geburt dabei zu sein und ihre Lieben später zu besuchen.

"Mein Eindruck ist, dass die derzeitige Situation den Müttern gut tut."

Leitende Hebamme Klaudyna Golkowski

Leitende Hebamme Klaudyna Golkowski

Die Devise lautet: "Möglichst wenig Risiko und möglichst wenig Einschränkungen. Das ist ein schmaler Grat, aber wir haben einen Weg gefunden, das zu ermöglichen", sagt Scharl. Schwangeren nimmt er die Angst vor einer Infektion: "Schwangere gehören zu den Menschen, die die Krankheit relativ gut überstehen." Papathemelis ergänzt: "Eine positiv getestete Mutter überträgt das Virus bei der Geburt auch nicht unbedingt auf das Kind."

Frauen, bei denen das Virus nachgewiesen wurde, können also auch ein Baby zur Welt bringen, das nicht infiziert ist - wie jüngst in Amberg geschehen. Hier greife dann ebenfalls ein neues Konzept, erklärt die Leitende Hebamme: Die betroffene Familie erhalte eine exklusive Betreuung. Es werde zusätzliches Personal angefordert, das - egal wie lange die Geburt dauert - nicht wechselt. "Und das Stillen ist ebenfalls kein Problem, das Kind kann natürlich bei der Mutter bleiben", sagt Klaudyna Golkowski. "Es gibt keinen Grund, wegen Corona Vater, Mutter und Kind zu trennen", macht Scharl deutlich.

Besuchsregeln im Klinikum St. Marien

Amberg

Eine weltweite Begleiterscheinung der Coronapandemie gibt es auch in Amberg: Es kommen weniger Babys zu früh auf die Welt. Die Erklärung dafür ist nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint. Einerseits könne man es positiv formulieren: "Durch geringeren Stress in der Schwangerschaft sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Komplikationen auftreten, die zu einer Frühgeburt führen", sagt Scharl.

Andererseits: "Die negative Überlegung wäre: Frauen, die ein Schwangerschaftsrisiko haben, kommen nicht so früh ins Krankenhaus, dass sie ein lebendes Kind kriegen." Fehl- oder Totgeburten würden in diesem konkreten Bezug nicht benannt. "Wir haben im Moment keine Zahlen, die belegen, welche Hypothese richtig ist", sagt Scharl. Er ist sich jedoch sicher: "Das wird man analysieren."

Ein weiterer Bericht einer werdenden Mutter

Regensburg

Appell aus dem Amberger Klinikum

Amberg

"Eine positiv getestete Mutter überträgt das Virus bei der Geburt nicht unbedingt auf das Kind."

Privatdozent Dr. Thomas Papathemelis

Privatdozent Dr. Thomas Papathemelis

"Es gibt weltweit einen Rückgang an Frühgeborenen. Und in Amberg ist das auch so."

Professor Dr. Anton Scharl

Professor Dr. Anton Scharl

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