23.08.2021 - 10:16 Uhr
AmbergOberpfalz

Fachbereich Gefahrgut seit 15 Jahren im Einsatz

Seit 15 Jahren gibt es in Amberg-Sulzbach den Fachbereich Gefahrgut. Dessen Leiter, Kreisbrandmeister Alex Graf, erzählt von der Notwendigkeit dieser Spezialkräfte – die wichtige Arbeit leisten, doch nur selten in den Vordergrund treten.

Schon kurze Wege sind für CSA-Träger körperlich anstrengend. In den hermetisch, also luft- und wasserdicht, verschlossenen Anzügen sorgen Pressluftatmer mit Atemschutzmasken für die nötige Sauerstoffzufuhr.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Sie sehen fast aus wie Astronauten oder Marsmännchen, doch von Schwerelosigkeit kann hier nicht die Rede sein. Die Männer und Frauen in den großdimensionierten, grünen Monturen sind Träger der sogenannten Chemikalienschutzanzüge (CSA). Bei einer Übung in Ursensollen wird deutlich, welche Herausforderung der Einsatz in einer solchen Montur ist. Physisch und psychisch.

Die körperliche Belastung bei einem Feuerwehreinsatz kann groß sein. Der Chemikalienschutzanzug steigert sie noch einmal um ein Vielfaches: Wärme, Feuchtigkeit, Gewicht und die Einschränkungen durch den starren Anzug setzen den Feuerwehrkräften zu. Allein schon die unförmige und schwere Ausrüstung aus säurebeständigen Material anzulegen dauert und ist ohne Hilfe fast nicht möglich. Zur Atemluftversorgung trägt der CSA-Träger einen Pressluftatmer auf dem Rücken, denn im Schutzanzug ist der Träger komplett von seiner Umwelt isoliert. So kann er in chemisch oder bakteriologisch kontaminierter Umgebung arbeiten – das ist zum Beispiel bei einem Gefahrgut-Unfall nötig.

Im Landkreis Amberg-Sulzbach gibt es dafür einen eigenen Fachbereich. Seit 15 Jahren steht Alexander Graf an dessen Spitze. „2006 wurde ich zum Gebiets-Kreisbrandmeister“, erzählt er. „Da hieß es, ich könne doch den Fachbereich Gefahrgut gleich mitmachen.“ Anfangs war Graf skeptisch, doch ihm war klar, wenn er die Aufgabe übernimmt, „dann nicht nur auf dem Papier, sondern richtig“. Bereut habe er das bis heute nicht.

Truppe seit 15 Jahren zusammen

Er machte sich auf die Suche nach Mitstreitern – und fand sie. Außer ihm gehören dem Fachbereich aktuell auch Christian Gräßmann (Schnaittenbach), Markus Held (Auerbach), Jochen Sandig (Sulzbach-Rosenberg), Andreas Färber (Häuslöd), Michael Werner (Amberg) und Kreisbrandinspektor Hans Sperber (Achtel) an. „Diese Besetzung hat sich in den vergangenen 15 Jahren kaum verändert, bis auf einen Kameraden sind alle seit Anfang an dabei“, erzählt Graf von seiner Truppe. In der jeder einen „Gefahrgut Hintergrund“ hat, wie es Graf ausdrückt – ob beruflich oder feuerwehrtechnisch. Die Aufgabe des Fachbereiches bestehe in der Aus- und Fortbildung der Landkreisfeuerwehren zu Einsätzen mit gefährlichen Stoffen.

Außerdem werden Spezialkräfte, also die sogenannten CSA-Träger, vom Fachbereich in speziellen Lehrgängen in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Atemschutz aus- und fortgebildet. Bei Einsätzen mit gefährlichen Stoffen wird der Fachbereich zur Unterstützung alarmiert.

Unterstützung für Spezialkräfte

„Wir wollten mit unserem Wissen in die Fläche gehen und bei den Feuerwehren in der Region Berührungsängste abbauen“, erklärt Graf. So sollten möglichst alle 115 Feuerwehren im Landkreis, die sich in ihrer Größe und Ausrüstung enorm unterscheiden, erreicht werden. Das sei wichtig, denn die Entwicklung zeige deutlich, dass immer mehr Gefahrgut in der Produktion eingesetzt wird und damit auch auf den Straßen unterwegs ist, erklärt Kreisbrandrat Fredi Weiß. „Selbst im Haushalt gibt es immer mehr Chemie.“ Dennoch sei ein Gefahrgut-Einsatz auch für Feuerwehrleute, die sich ja ständig auf neue Situationen einstellen müssten, etwas Besonderes. „Wir sind quasi eine Spezialeinheit außerhalb des regulären Feuerwehrbetriebes“, sagt Graf. Von Alltag sei da keine Spur. Umso wichtiger deshalb: „Üben, üben, üben.“

Wie viele Feuerwehren von dem Angebot des Fachbereiches tatsächlich Gebrauch machen würden, sei zu Beginn nicht absehbar gewesen. „Aber der Wille war überall da, sie sind dankbar für die Unterstützung“, erinnert sich Graf. In den 15 Jahren hätte sich einiges getan. In besonderen Situationen wüssten nun auch Ortsteilwehren, was zu tun ist bis die Spezialkräfte eintreffen, und könnten diese dann unterstützen. „Dazu hat der Fachbereich einen großen Teil beigetragen“, betont Weiß.

Inspiration für andere Landkreise

Auch eine CSA-Landkreis-Reserve wurde vom Fachbereich ins Leben gerufen. Diese Schutzanzug-Träger stehen dann bereit, wenn bei Einsätzen mit Gefahrstoffen die alarmierten Kräfte „verbraucht“ sind, der Einsatz also sehr lange dauert. Der Reserve gehören 120 Feuerwehrfrauen und -Männer aus 19 Feuerwehren an. In Alarmschleife Nord und Süd aufgeteilt können sie über Funkmeldeempfänger von der ILS alarmiert werden und sind so schnell an verschiedenen Orten des Landkreises. „Diese Variante ist in Bayern einmalig“, erzählt Fredi Weiß, der auch der Vorsitzende des Bezirksfeuerwehrverbandes Oberpfalz ist. „Ich habe schon viele Fragen zu diesem System aus anderen Kreisen bekommen.“

Warum diese Reserve nötig werden kann, wird bei der Übung in Ursensollen deutlich. Dort schlüpfen Alexander Streher und Josef Graml von der Feuerwehr Ursensollen, beide gehören zur Landkreis-Reserve, aus den Schutzanzügen. Ihre Aufgabe war es, einen Hänger, der möglicherweise gefährliche Stoffe geladen hat, zu inspizieren und zu sichern. Die beiden Männer schwitzen, obwohl sie nur wenige Schritte gehen mussten, nur einige Minuten im Anzug steckten. „Das kommt einem schnell wie eine Ewigkeit vor“, sagt Graml. Denn selbst einfachste Aufgaben werden in der Montur zur Herausforderung. „Es ist ein total ungewohntes Gefühl, das Sichtfeld ist eingeschränkt, die Kommunikation schwierig und die Hitze staut sich“, erzählt Streher. „Wie eine eigene kleine Welt.“

Damit könne auch nicht jeder umgehen, schildert Fredi Weiß. „Wir haben bei der Ausbildung immer wieder Leute, für die das nichts ist.“ Da komme es gar nicht so sehr auf den Körper als auf den Kopf an. Schließlich sei der Anzug komplett abgedichtet, die Atemluft reiche nur für 20 Minuten und nur mit Hilfe lasse er sich öffnen. Ein beklemmendes Gefühl. Bei einem Einsatz kommt es also auch auf Zeit an. Denn bevor die Kräfte aus den CSA befreit werden können, muss die Ausrüstung in einer Waschstraße dekontaminiert werden. Im Notfall muss jeder Handgriff sitzen.

Gefahrgut-Trupp-Einsatz bei Breitenbrunn

Sulzbach-Rosenberg

Der Fachbereich Gefahrgut im Einsatz bei einer Tierarztpraxis in Vilseck

Vilseck

Als eine der ersten Feuerwehren im Landkreis Amberg-Sulzbach bekam Ursensollen einen Akku-Rettungssatz

Ursensollen

Ehrenamtlicher Einsatz der Feuerwehrkräfte ist lebenswichtig

Ursensollen
Hintergrund:

Der Fachbereich Gefahrgut

  • Aufgabe des Fachbereiches (FB) Gefahrgut ist die Ausbildung der Landkreisfeuerwehren zu Einsätzen mit gefährlichen Stoffen
  • Zudem werden Spezialkräfte, sogenannte Träger von CSA (Chemikalienschutzanzügen), vom FB Gefahrgut fortgebildet
  • Dabei arbeitet der FB Gefahrgut eng mit dem FB Atemschutz, dem ABC-Zug der Feuerwehr Sulzbach-Rosenberg und der Feuerwehr Amberg zusammen, die den „Gerätewagen Gefahrgut“ (bestückt mit Spezialgeräten und Ausrüstungen zum Gefahrgut-Einsatz) bereithält
  • Der ABC-Zug ist eine spezielle Einheit, die bei Unfällen mit atomaren, chemischen und biologischen Gefahrstoffen zum Einsatz kommt
  • Bei Einsätzen mit gefährlichen Stoffen wird der FB Gefahrgut zur Unterstützung mitalarmiert
  • Er hat eine eigene Alarmschleife auf den Funkmeldeempfängern
Hintergrund:

Zur Person Alexander Graf

  • Feuerwehrmitglied seit 1986
  • 1997 bis 2009 1. Kommandant bei Heimatfeuerwehr Ursensollen
  • Träger des staatlichen Ehrenzeichens Silber für 25 Jahre und des Ehrenkreuzes des Kreisfeuerwehrverbands Amberg-Sulzbach
  • Dienstgrad Brandmeister; Gruppen-, Zug- und Verbandsführer; ABC-Führer
  • Seit 2006 Gebiets-Kreisbrandmeister für die Gemeinden Hohenburg, Kastl und Ursensollen
  • Seit 2006 Fach-Kreisbrandmeister für Gefahrgut und Gründer des Fachbereiches im selben Jahr
  • Mit 15 Dienstjahren ist Graf der dienstälteste Kreisbrandmeister im Landkreis Amberg-Sulzbach

 

 

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