01.10.2021 - 17:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Foodsharing statt Mülltonne: Von Menschen, die Essbares retten

Elena Singer und Julia Etzold geht es nicht darum, kostenlos Lebensmittel abzugreifen. Wirklich nicht. Sie retten vielmehr Essbares, das ansonsten in der Tonne landen würde. Für Foodsharing würden sie sich aber noch Mitstreiter wünschen.

Karotten, die leicht runzelig sind, Bananen, deren Schale sich ein bisschen bräunlich verfärbt hat, aber auch Brot und Brötchen: Alles noch essbar. Foodsharer wie Elena Singer und Julia Etzold wollen noch essbare Lebensmittel vor der Tonne retten und sie stattdessen auf den Teller bringen.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Elena Singer parkt in der Hofeinfahrt von Julia Etzold in Edelsfeld und öffnet ihren Kofferraum. Julia Etzold macht die Garage auf – und dann laden die Frauen um. Karotten, die ein klitzekleines bisschen runzelig sind, ein paar Äpfel, sehr reife Birnen, eine Handvoll Zwetschgen und braune Champignons, deren Zahl sich an einer Hand abzählen lässt. Dazu eine kleine Kiste voller süßer Weintrauben. Obendrein noch ein halbes Mehrkorn-Kastenbrot und einige Semmeln. Elena Singer wird all das mit nach Amberg nehmen. Sorgen, keine Abnehmer zu finden, hat sie nicht. Vehement schüttelt sie den Kopf. Sie verteilt es an ihre Kommilitonen. „Die freuen sich immer.“

Elena Singer und Julia Etzold sind Foodsharer. Sie engagieren sich dafür, dass Lebensmittel, die noch essbar sind, nicht einfach in der Tonne landen. Sondern den Weg zu anderen Menschen finden, die sie entweder gleich verarbeiten und essen oder einkochen: als Marmelade oder Chutney, ja, selbst als Gemüsebrühe. Elena Singer, die an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Bio- und Umweltverfahrenstechnik studiert, stammt ursprünglich aus Hof. Und von dort hat sie nach ihrem Umzug nach Amberg die Idee vom Foodsharing mitgebracht. Ein Gedanke, der auch Julia Etzold, 31 Jahre alt und von Beruf Erzieherin, gefällt.

Für umweltbewusstes Leben

Julia Etzold ist durch TV-Berichte auf Foodsharing aufmerksam geworden. Elena Singer hatte es entdeckt, weil sie nach umweltbewusstem Leben gegoogelt hatte. Schließlich kamen beide zur Webseite des Projekts Foodsharing. Dass sie da heute mitmacht, hat Elena Singer ihrer Schwägerin zu verdanken: „Die war nämlich schon angemeldet.“ In Hof hatte sie dann schnell erste Abholungen gemacht. Will heißen: Sie fuhr zu Betrieben, die über die Plattform übrig gebliebene Lebensmittel abgeben, und holte dort das noch Essbare ab. In Amberg und Umgebung macht das inzwischen auch Julia Etzold.

In ihrem Esszimmer steht auf dem Tisch eine kleine Glaskaraffe, gefüllt mit Apfelsaft. Selbstgemacht von Julia Etzold, mit Äpfeln aus dem Foodsharing. In der Küche reihen sich Schraubgläser aneinander: eingekochte Tomaten aus dem eigenen Garten, als Grundlage für Saucen oder für Suppe. Und im Keller ist die Marmelade aus allen nur denkbaren Obst-Kombinationen.

Vom Foodsaver bis zum Botschafter

Die beiden Frauen warten mit Fakten auf: 40 Prozent aller Lebensmittel, die in Industriestaaten weggeworfen würden, seien noch genießbar. So wie die leicht runzeligen Karotten, die Zwetschgen, das Brot und die Semmeln, die Elena Singer an ihre Kommilitonen verteilen wird. Auf ihre Initiative hin gibt es seit Mitte 2020 den Foodsharing-Bezirk Amberg und Umgebung. „Ich dachte mir, wenn ich es nicht mache, macht es keiner.“ Julia Etzold macht inzwischen begeistert mit. Bei den Foodsharern gibt es drei Stufen: Foodsaver wie Julia Etzold, die noch Essbares abholen, Betriebsverantwortliche, die Betriebe ansprechen, ob sie bereit wären, übrig gebliebene Lebensmittel abzugeben, und Botschafter wie Elena Singer, die sich um Organisatorisches kümmern und Treffen leiten.

Stellen Betriebe Lebensmittel bereit, rücken Julia Etzold und Elena Singer oder andere Foodsaver aus und holen die Sachen ab, wobei sie damit auch die Haftung für die Lebensmittel übernehmen. Dabei haben sie ihre eigenen Kisten oder Körbe. „Wichtig ist auch, den Abholplatz sauber zu hinterlassen“, sagt Etzold und betont, dass Verlässlichkeit eine große Rolle spielt. „Wir holen die Sachen zu 100 Prozent ab.“ Dann informiert sie Freunde, Bekannte und Nachbarn, dass sie was abzugeben hat – oder nimmt es mit in den Kindergarten, in dem sie als Erzieherin arbeitet, damit sich Eltern ihrer Schützlinge bedienen können. Was dann noch übrig bleibt („Meistens ist es nicht viel“) verwertet die 31-Jährige selbst. Kocht es als Marmelade oder Kompott ein. Oder zaubert daraus Apfelsaft. Oder friert Gemüsereste ein – für später. Oder macht sich ihre Gemüsebrühe daraus selbst.

Kita-Eltern greifen gerne zu

Julia Etzold schildert, dass sie anfangs im Kindergarten die Sachen vor ihre Gruppentür gestellt hatte und Eltern sich nicht getraut hätten, etwas mitzunehmen. Inzwischen platziert sie die Waren nahe der Eingangstür, mit einem Sprüchlein als Verweis auf Foodsharing. Seitdem wird gerne zugegriffen, erzählt sie. „Die Eltern freuen sich.“ Und das wiederum freut Julia Etzold. Sowohl sie als auch Elena Singer betonen, dass die Tafel oder andere soziale Einrichtungen, die Bedürftige versorgen, immer Vorrang hätten. Foodsharing soll, so die beiden Frauen, nur „die letzte Bastion vor der Mülltonne sein“.

Laut Etzold hat das System auch einen Vorteil für den Lebensmittelhändler: Er spart sich Entsorgungskosten. Sie würde sich wünschen, dass aber auch ein Stück weit nachhaltiger produziert wird. Zum Beispiel, dass ein Bäcker, dem täglich eine gewisse Anzahl an Brötchen übrig bleibt, eben weniger produziert. Sie spricht vom „Gedanken des ökologischen Handelns“.

Tipps und Tricks auf Instagram

Der Foodsharing-Bezirk Amberg hat auch einen Instagram-Account (foodsharing.amberg) und betreibt darüber Öffentlichkeitsarbeit. So gibt es dort Tipps zur richtigen Lagerung von Lebensmitteln, beispielsweise in den einzelnen Fächern im Kühlschrank, damit sie länger frisch bleiben. Aber auch Anregungen, was man aus abgeholten Lebensmitteln so alles zaubern kann. Und so manchen Küchen-Trick. Zum Beispiel diesen: Runzelige Karotten werden wieder knackig, wenn man sie ins Wasser legt oder in ein feuchtes Tuch einwickelt. Ob Lebensmittelhändler, Erzeuger wie Bäcker oder Bauern, aber auch Restaurants und Cafés, ja sogar Privatleute, die nicht mehr wissen, wohin mit dem Gemüse aus dem eigenen Garten oder dem Fallobst, dürfen sich nach Worten der beiden Frauen angesprochen fühlen, mitzumachen. Auch über neue Foodsaver würden sich die 21-Jährige und die 31-Jährige freuen.

Weitergabe immer kostenlos Wer in den Urlaub fährt und fürchten muss, dass bis zur Rückkehr Lebensmittel verdorben sein werden, kann diese als Essenskorb auf der Homepage anbieten. Singer und Etzold betonen, dass Foodsharing offen für jeden sei. „Wer mitmachen will, ist bei uns willkommen“, sagt Singer. Und Etzold betont, dass die Arbeit komplett ehrenamtlich sei – und die Weitergabe kostenlos.

Bisher holen die Lebensmittelretter hauptsächlich Obst und Gemüse, aber auch Brot und Backwaren ab: von Bananen über Äpfel bis zu Weintrauben, Zucchini genauso wie Karotten, auch Mangold gab’s schon. Oder Exoten wie eine Drachenfrucht (Pitahaya). Erst kürzlich war etwas dabei, was selbst die Foodsaver nicht kannten: Portulak, ein längst vergessenes, aber vielfältig einsetzbares Küchenkraut. Man kann es als Salat verzehren, roh essen, aber auch anbraten. Auch das findet Etzold am Foodsharing spannend: Man bekommt etwas, was man noch nicht kennt, und probiert aus, was man damit machen kann.

Cotainern: Wenn das Essen aus dem Müll kommt

Amberg
Hintergrund:

Lebensmittel in Zahlen

  • Rund vier Milliarden Tonnen Lebensmittel werden laut Elena Singer und Julia Etzold jährlich weltweit produziert.
  • Über 1,3 Milliarden Tonnen davon werden verschwendet, ebenfalls pro Jahr.
  • 40 Prozent aller Lebensmittel, die in Industriestaaten weggeworfen würden, sind noch genießbar.
  • Zwei Drittel der gesamten Lebensmittelverschwendung könnten durch Betriebe, Foodsaver und Privatleute eingespart werden.
  • Verschwendete Lebensmittel verursachen jährlich 4,4 Milliarden Tonnen Treibhausgase.
  • Der Foodsharing-Bezirk Amberg (E-Mail: Amberg.und.umgebung[at]foodsharing[dot]network) hatte seit seiner Gründung (Mitte 2020) bislang 25 Abholungen. Gerettet wurden so zirka 850 Kilo Lebensmittel.

"Ich dachte mir, wenn ich es nicht mache, macht es keiner."

Elena Singer über ihre Gründungsinitiative

Elena Singer über ihre Gründungsinitiative

"Wir holen die Sachen zu 100 Prozent ab."

Julia Etzold über die Verlässlichkeit beim Foodsharing

Julia Etzold über die Verlässlichkeit beim Foodsharing

Diese Obst- und Gemüsekiste hatte Elena Singer vergangenes Jahr zu einer "Fridays for future"-Demonstration mitgebracht, um auf Foodsharing aufmerksam zu machen.

 

 

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