10.11.2019 - 10:16 Uhr
AmbergOberpfalz

Frauen in Führungspositionen: Plädoyer für die Quote

Wie gelingt es, das Fachkräftepotenzial von Frauen zu heben? Darüber debattierte der Soziologe Prof. Dr. Carsten Wippermann mit einer Handvoll erfolgreicher Managerinnen bei der Veranstaltung “Einmal mit allem, bitte!” an der OTH in Amberg.

von links: Maria Obermeier (Inhaberin OBM Baumaschinen), OB Michael Cerny, Nikola Heckmann (Geschäftsleitung Korodur Westphal), Landrat Richard Reisinger, Ramona Grosser (Personalleitung Siemens AG Amberg), Prof. Dr. Carsten Wippermann vom DELTA-Institut für Sozial- und Ökologieforschung, OTH-Präsidentin Prof. Dr. Andrea Klug, Markus Nitsch (Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Schwandorf) und Dagmar Kierner (Vorsitzende Wohnungsbau und Siedlungswerk Werkvolk e.G.).
von Theresia KasparProfil

Die anwesenden Herren, in ihren konformen, dunkelblauen Anzügen, verblassten etwas hinter den strahlenden Haupt-Akteurinnen. Allesamt Frauen, die viel geleistet haben und mit ihrer Erfahrung jungen Nachwuchstalenten Mut machen möchten. Bei der Veranstaltung “Einmal mit allem, bitte!” an der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Amberg standen weibliche Führungskräfte im Mittelpunkt.

Der Abend begann mit einem eindrucksvollen Vortrag von Prof. Dr. Carsten Wippermann. Die überwiegend weibliche Zuhörerschaft im Hörsaal schien nicht sonderlich verwundert über die Zahlen, die der Experte für Gleichstellung an die Wand projizierte.

Zahlen, Daten, Fakten

Im Jahr 2001 wurde der Deutsche Corporate Governance Kodex beschlossen. Eine Art Regelwerk mit Empfehlungen zur Geschlechter-Diversität im gehobenen Management von börsennotierten Unternehmen. Dieser blieb schlichtweg wirkungslos, da er keinerlei Sanktionen bei Nichterfüllung zur Folge hatte. Erst als im Jahre 2016 die allgemein bekannte, verpflichtende Frauenquote für Aufsichtsräte eingeführt wurde, hat sich etwas verändert. Mittlerweile stieg der weibliche Anteil dieser auf 32 Prozent. Dieses Gesetz gilt jedoch nicht für Vorstandsposten. Der traurige Anteil von Frauen, auf jener höchsten Hierarchieebene, liegt zwischen 1 und 3 Prozent. Bei rund 65 Prozent der Unternehmen, welche den Anteil von 30 Prozent Frauen im Aufsichtsrat erfüllen müssen, ist jedoch keine einzige Frau im Vorstand.

Junge Frauen sind bestens qualifiziert. Daran kann es also nicht liegen, dass das vermeintlich schwache Geschlecht in Führungspositionen so deutlich unterrepräsentiert ist.

Die Hälfte der Bachelorabsolventen in Deutschland ist weiblich. Einige Karrierestufen höher, sieht es hingegen mager aus. Bei den Habilitationen, sind es nur noch 25 Prozent. Das Potenzial ist offensichtlich noch lange nicht ausgeschöpft.

Versteckte Ressentiments

In seinem Plädoyer für mehr Frauen in der Führung sprach Wippermann über Widerstände, Sanktionen und Rückschritte. Aber auch davon, dass es Hoffnung gibt. Denn ein klares Ergebnis seiner Untersuchungen sei, dass das Quotengesetz dort Wirkung entfaltet, wo Sanktionen drohen. Bei seinen Studien hat der 53-jährige Soziologe etliche Direktoren, Vorstände und Aufsichtsräte ausführlich befragt. Wobei für die Rolle des Interviewers stets – ganz bewusst – ein Mann gewählt wurde. Damit sei nämlich schnell die gläserne Decke zum Vorschein gekommen. “Als wir in den Interviews tiefer gebohrt haben, wurde die eigentliche Mentalitätsstruktur sichtbar. Diese steht im krassen Gegensatz zu der, einige Minuten zuvor geäußerten, politisch korrekten Antwort. Erst nach circa 30 Minuten Gespräch, haben wir zu hören bekommen, was man in der Öffentlichkeit nicht laut ausspricht”, erklärt Wippermann.

Frauen unerwünscht

Der Professor zitierte einige Aussagen der befragten Manager. “Die Hauptbedingung für Vorstände im Regelfall ist, keine Frau zu sein” oder “Frauen sind eine Irritation im ‘Inner Circle’” sind nur zwei Beispiele. Natürlich gäbe es auch Männer, für die das Geschlecht ihrer Kollegen keine Rolle spielt. Diese beklagen jedoch, dass schlichtweg nicht genug Frauen für diese Positionen zur Verfügung stehen. “Es geht hier nicht um die bösen Männer, sondern um Jahrzehnte gewachsene, tief verwurzelte und selbst reproduzierende, kulturelle Muster. Um diese aufzubrechen, reichen Appelle nicht” erklärte er und fügte noch hinzu: “Ich mag die Quote nicht, aber es ist ein notwendiger Hebel, um einen Schritt weiterzukommen.”

Die Rollenbilder sind im Privatleben ebenso klischeehaft verteilt. Während Männer die Reparaturen am Haus, die Autopflege und Geldangelegenheiten erledigen, kümmern sich bis zu 85 Prozent der Frauen um die Wäsche, das Putzen oder Dekorieren. Soweit nichts Neues. Das Interessante an diesen Zahlen ist allerdings, dass sich die Verhältnisse auch dann kaum ändern, wenn nur die Frau in einer Führungsposition arbeitet. Wippermanns Forschungsergebnisse basieren nicht auf dem Ergebnis einer Studie, sondern sind Erkenntnisse aus empirischen Erhebungen von über elf Jahren.

Was juckt es einen Baum

Im zweiten Teil der Veranstaltung berichteten erfolgreiche Geschäftsfrauen von ihren Erlebnissen. So hat Prof. Dr. Andrea Klug, Präsidentin der OTH Amberg-Weiden, in ihrer Kindheit zu hören bekommen: “Moidl, musst Du wirklich aufs Gymnasium?” Heute setzt sie sich mit Förderprogrammen dafür ein, den Anteil von 30 Prozent an eingeschriebenen Studentinnen an ihrer Hochschule zu erhöhen.

Auch Maria Obermeier, die mit 20 Jahren den Baumaschinen-Handel ihres verstorbenen Vaters übernahm, hatte mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Viele im Unternehmensumfeld waren sich einig: Mit ihr an der Spitze, wird die Firma innerhalb kürzester Zeit den Bach runter gehen. Ihre Lösung: “Dann habe ich mir eben neue, bessere Mitarbeiter gesucht.” Das Ergebnis ihrer Standhaftigkeit kann sich sehen lassen. Seit ihrem Amtsantritt vor sieben Jahren, hat sich der Umsatz des Familienunternehmens auf 5,5 Millionen Euro verdreifacht.

Nikola Heckmann, Geschäftsleiterin in der Baumaterialien-Branche, erzählte, wie sie es gemeistert hat, ihr Baby im Büro, zwischen einzelnen Besprechungsterminen, zu stillen.

Zusammen mit Dagmar Kierner, Vorsitzende einer Wohnungsbaugenossenschaft, und Ramona Grosser, Personalleiterin in einem Technologiekonzern, debattierten die fünf Damen über Lösungen solcher Alltagsschwierigkeiten. Etwa stellte Dagmar Kierner fest: “Einfach das Gerede ignorieren. Was juckt es einen Baum, wenn sich ein Schwein daran reibt?" Der Applaus gab ihr Recht.

Zum Abschluss bat noch eine junge Besucherin Carsten Wippermann um Rat. Ihrer Erfahrung nach, suchen gut gebildete Frauen ihren Traummann ausschließlich in Akademikerkreisen. Sie habe unzählige Freundinnen, die verzweifelt nach Rechtsanwälten und Ärzten Ausschau halten und dabei die vielen, hübschen Polizisten übersehen. Leider hatte der Professor hierfür keinen Ratschlag parat.

Amberg

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