18.06.2021 - 19:52 Uhr
AmbergOberpfalz

Fridays for Future fragt Stadträte: Kann Amberg das Klima retten?

Zum ersten Mal haben Vertreter des Stadtrats und von Fridays for Future Amberg miteinander darüber diskutiert, was Amberg zur Rettung des Klimas tun kann. Ein Dialog, der wichtig war. Und bald fortgesetzt werden soll.

„Klimaschutz jetzt“ forderten Anhänger von Fridays for Future bei den Demonstrationen vor der Pandemie auch in Amberg. Jetzt diskutierten Vertreter der Aktivisten-Gruppe online mit Stadträten darüber.
von Heike Unger Kontakt Profil

Die Aktivisten von Fridays for Future Amberg suchten das Gespräch mit den Stadtratsfraktionen – und die Oberpfalz-Medien haben sie zusammen gebracht. Diesmal aufgrund der Pandemie-Lage „nur“ in einer von der Redaktion organisierten Video-Konferenz, moderiert von den Redakteuren Andrea Mußemann und Andreas Ascherl. Schon dieser virtuelle Auftakt zeigte, dass der Austausch wichtig ist. Weshalb ihn die Beteiligten auch fortführen wollen. Was also kann die Stadt Amberg für die Rettung des Weltklimas tun? Rund 40 Interessierte waren als Zuhörer dabei. Und hörten auch manchen Aspekt, den der eine oder die andere bislang noch nicht auf dem Schirm hatte.

Interviwe: Fridays for Future Amberg nimmt beim Klimaschutz den Stadtrat in die Pflicht

Amberg

Warum erreicht Amberg die selbst gesteckten Ziele bei der Reduzierung der CO2-Emission nicht? Diese Frage richtete Michael Zeitler von Fridays for Future eingangs an die Runde. Und gab auch gleich selbst eine Antwort: „Weil wir zu spät gestartet sind – und vor allem zu langsam.“ Jens Rohn (FDP) schickte gleich noch eine Frage hinterher – ob man denn wisse, „was die Emissionstreiber in Amberg sind“, um hier ansetzen zu können. Moderator Andreas Ascherl verwies dazu auf eine Aufstellung der Amberger Klimaschutzkoordinatorin Corinna Loewert: Die Emissionen in Amberg kommen zu je einem Drittel aus den Bereichen Strom, Mobilität und Heizung.

Klimaschutz kostet Geld

Klaus Mrasek (ÖDP) hatte es 2019 bereits ausgerechnet: „Wir haben es geschafft, in zehn Jahren Klimaschutzkonzept eine halbe Tonne pro Einwohner zu reduzieren.“ In Amberg bringe außerdem der Klimawald nochmal eine halbe Tonne. Damit könne man davon ausgehen, „dass wir noch sieben Tonnen reduzieren müssen bis 2035: Das heißt, wir müssen das Tempo um den Faktor zehn steigern.“ Das Problem dabei: „Wir sind als Stadt nicht alleine“, die Bürger und auch die Rahmenbedingungen der Politik spielten ebenfalls eine Rolle. Manuel Werthner (Freie Wähler) sieht deshalb auch alle Bürger in der Pflicht, zu schauen, „was jeder bei sich selber tun kann“. Martin Frey (Liste Amberg) sieht die Stadt bei der Stromerzeugung schon „auf einem halbwegs guten Weg“. Kritischer sei es beim Verkehr. Für Birgit Fruth (SPD) ist „die Klimafrage eine soziale Frage“ – danach, was man sich leisten könne, als Stadt und als Bürger. „Deshalb sind wir noch nicht da, wo wir hin wollen.“

Hans-Jürgen Bumes (Grüne) analysierte, „es fällt natürlich jedem schwer, seine eingefahrenen Wege zu verlassen“ – aber „die werden wir verlassen müssen, da hilft alles nichts“. Die Mobilität ist für ihn das „große Sorgenkind“. Steigende Zulassungszahlen seien kontraproduktiv. Auch bei der Bestandssanierung sieht er Nachholbedarf. „Also es gibt viele Baustellen, vielleicht auch im wahrsten Sinn des Wortes, die wir anpacken müssen.“

Warum "nichts geht"

Matthias Schöberl (CSU) erklärte, warum „nichts geht“ – aufgrund einer Analyse der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden, die der Stadtrat 2012 in Auftrag gegeben habe. Die ergab, dass Amberg 20 Millionen Euro im Jahr für den Klimaschutz ausgeben müsste. Tatsächlich habe die Stadt „im Bereich Elektrik sehr große Einsparungen erzielt – aber alles, was da geschafft worden ist, ist vollkommen aufgefressen und zum Teil überkompensiert worden durch den Bereich Verkehr und Wärme“. Um die Bürger mitzunehmen, seien „zusätzliche Anreize“ nötig: „Wo wir die momentan hernehmen sollen, das weiß ich nicht.“ Michael Zeitler (Fridays for Future) verwies auf wissenschaftliche Studien: „Die Kosten des Klimawandels sind bedeutend höher als die Kosten für Klimaschutz.“ Wie gewaltig die Herausforderung ist, zeigte sich dann schnell: Obwohl die Vertreter von Fridays for Future nur vier Punkte herausgesucht hatten, zu denen sie Antworten der Stadträte hören wollten, reichten auch die gut zwei Stunden nicht, um alles auszudiskutieren. Vier Aktivisten formulierten Thesen, Fragen und Forderungen zu einem Aspekt der Klima-Rettung. Dazu bezogen dann die Vertreter der Stadtratsfraktionen Stellung.

Stichwort Mobilität

Amberg setze immer noch zu sehr auf den Individualverkehr, das Auto: Das betonte Lena Ibler von Fridays for Future. Die Aktivisten wollen das Auto gar nicht komplett aus dem Verkehr ziehen. Ihr Ansatz ist ein anderer, ausgedrückt in Iblers Frage: „Wie erreichen wir in Amberg Gleichberechtigung unter allen Verkehrsteilnehmern?“ Hans-Jürgen Bumes (Grüne) machte daraus die Forderung, „den Verkehrsraum gerechter zu verteilen“, unter anderem durch die Sperrung von Fahrspuren für Autos, „damit der Radverkehr besser vorankommt“. Birgit Fruth warnte davor, „die Verkehrsgruppen gegeneinander auszuspielen: „Jeder von uns ist doch mal Autofahrer, mal Radfahrer.“ Manuel Werthner betonte, „der Park-Suchverkehr muss aus dem Ei raus“, um die Amberger Altstadt herum gebe es genug Parkmöglichkeiten. Matthias Schöberl plädierte beim Parken für „smarte Lösungen“, um Suchverkehr zu vermeiden, etwa durch die Anzeige freier Parkplätze über Google Maps. Klaus Mrasek sagte. „Wir brauchen eine sozialökologische Marktwirtschaft.“ Er will, dass jeder, der Emissionen verursacht, auch dafür zahlen muss: „Das empfindlichste Sinnesorgan, das wir haben, ist der Geldbeutel.“

Stichwort Handel und Konsum

Das Thema Konsum werde „in vielen Klimaschutz-Konzepten eher vernachlässigt, ist aber wichtig“, machte Elena Singer (Fridays for Future) deutlich. Sie hatte sich dazu einen Aspekt ausgesucht – und warb dafür, Amberg zu einer Food-sharing-Stadt zu machen. Andernorts würden Kommunen Räume zur Verfügung stellen, in denen Bürger Lebensmittel, die sie nicht selbst aufbrauchen wollen oder können, abgeben, damit sie sich andere, die dafür Verwendung haben, abholen können.

Singer war auch enttäuscht, dass das Projekt „essbare Stadt“ für Amberg beschlossen, aber „noch nicht umgesetzt wurde“: Die Idee, dass man sich im öffentlichen Raum an markierten Obstpflanzen „bedienen“ darf, sei schon umgesetzt, stellte Matthias Schöberl klar. Aber das Wetter habe nicht mitgespielt. Foodsharing sei eine gute Idee, aber bei solchen Projekten sollte man „nicht immer nach der Stadt rufen“, so etwas könne man auch ehrenamtlich regeln. Fleischerzeugung sei „einer der Haupttreiber“ der Klimaprobleme, betonte Hans-Jürgen Bumes, der deshalb zwar nicht für Verzicht, wohl aber für eine Reduzierung plädierte: Fleischloser, nachhaltiger und regional produziert waren seine Stichworte dazu.

Stichwort Energie

Paul Weidenhammer (Fridays for Future) wollte wissen; „Wie können wir den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen und die Bürger gewinnbringend daran beteiligen?“ Photovoltaik (PV) auf Dachflächen sei eine gute Option ohne zusätzlichen Flächenverbrauch. Moderator Andreas Ascherl gab zu bedenken, dass es bei PV-Freiflächen-Anlagen immer schwierig werde, wenn diese nahe an den Bürger heranrücken – wie gerade am Postweiher. Birgit Fruth merkte an, man müsse „auch die eine oder andere unbequeme Entscheidung treffen, wenn wir die Klimaprobleme lösen wollen“. Martin Frey glaubt: „Die Vorwürfe unserer Kinder werden nicht sein, dass wir zu viele PV-Anlagen und Windräder gebaut haben“, sondern zu wenige. Matthias Schöberl sieht hier auch die Politik in Land und Bund gefordert: „Bei gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen wir Bremsen lösen“, auch zur Ermöglichung neuer Windkraftanlagen. Bei den PV-Anlagen, so forderte Hans-Jürgen Bumes, dürfe auch die Altstadt „keine heilige Kuh bleiben“. Und Klaus Mrasek plädierte dafür, das Erneuerbare-Energien-Gesetz so zu ändern, dass sich Klimaschutz für die Bürger auszahlt: „Mehr Netto durch Öko muss die Zielrichtung sein.“

Stichwort Stadtentwicklung

Kann Flächenfraß in Amberg reduziert werden? Silas Hummel (Fridays for Future) hakte hier nach und wollte dabei auch wissen, wie viele Hektar in Amberg jährlich verbraucht werden. Seine Forderungen zu diesem Thema: Ausgleichsflächen in der Nähe schaffen, Leerstände beheben und ein Flächen-Management etablieren. Hans-Jürgen Bumes räumte ein, dass es nicht möglich sei, den Flächenverbrauch zu beziffern, da es Überlagerungen gebe, zum Beispiel zwischen Wohnen und Verkehr. Die Grünen hätten sich aber von jeher für mehrstöckige Bebauung starkgemacht – sowohl bei Gewerbebauten als auch im privaten Bereich. Dass der Gesetzgeber die Möglichkeit geschaffen habe, Ausgleichsflächen „nicht am Ort des Eingriffs“ schaffen zu müssen, hält Bumes für „fragwürdig“. Das liege aber nicht im Einflussbereich der Stadt. Matthias Schöberl betonte, die CSU wolle „an Brachflächen rangehen und nachverdichten“, was allerdings oft zu Diskussionen führe. Klaus Mrasek verwies hier auf die Idee einer Grundsteuer C für Flächen, die nicht bebaut werden. Birgit Fruth will Nachverdichtung nicht aufs Wohnen beschränken, sondern es auch in der Wirtschaft umgesetzt sehen – auch in der Stadt.

Hintergrund:

Zitate

  • „Es gibt noch viel zu tun. Ich finde es super, dass Fridays for Future das Thema wieder präsenter macht.“
    Martin Frey (Liste Amberg)
  • „Jedes Thema in der Stadtrats-Arbeit hat immer auch Berührung mit dem Klima.“
    Birgit Fruth (SPD)
  • „Mobilität sehe ich als großes Sorgenkind. Die Steigerung der Zulassungszahlen ist kontraproduktiv zu dem, was wir eigentlich bräuchten bei den Emissionen.“
    Hans-Jürgen Bumes (Grüne)
  • „Man muss ein Vorhaben, das möglich ist, in Betracht ziehen, mit den Leuten sprechen – und am Schluss auch sagen, das müssen wir euch zumuten.“
    Matthias Schöberl (CSU)
  • „Mir hat noch nie jemand erklären können, warum Ökostrom teuerer ist als Schmutzstrom.“
    Klaus Mrasek (ÖDP)
  • „Man muss schauen, was jeder bei sich selber tun kann. Für mich heißt das: Die Zügel besser anziehen und bessere Konzepte.“
    Manuel Werthner (Freie Wähler)
  • „Die größeren Emittierer zuerst, um den größten Effekt zu erzielen.“
    Jens Rohn (FDP)
  • „Unser Ziel ist es nicht, die Leute aus ihren Autos zu zerren und sie ihnen wegzunehmen.“
    Larissa Köster (Fridays for Future)
  • „Ziel des Foodsharings ist es, dass man es gar nicht mehr braucht, weil sich das Konsumverhalten ändert.“
    Elena Singer (Fridays for Future)
  • „Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass es um unsere Zukunft geht.“
    Aziza Ernst (Fridays for Future)
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