"Straftaten, die in Justizvollzugsanstalten begangen wurden, stellen wir in der Regel nicht ein", gab Amtsrichterin Michaela Frauendorfer die Marschrichtung vor. Allerdings bestand auch kein Grund zur Bagatellisierung. Denn in einer Fünf-Mann-Zelle des Amberger Gefängnisses war nach Auffassung der Staatsanwaltschaft am 23. November 2021 gegen 19 Uhr ein ebenso heftiger wie aggressiver Übergriff geschehen.
Auf der Anklagebank musste ein gefesselt vorgeführter 40-Jähriger Platz nehmen. Er soll demnächst nach verbüßter Haft entlassen werden. Doch es könnte durchaus sein, dass der Mann "nachsitzen" muss. Er selbst hat am ersten Verhandlungstag den ihm vorgeworfenen Gewaltausbruch vehement bestritten. "Haben Sie zugeschlagen?", wollte die Richterin wissen. "Nein", sagte der Beschuldigte. Die Verletzungen seines Zellengenossen seien wohl geschehen, "weil er bei anderen Gefangenen Tabakschulden hatte."
Faustschläge ausgeteilt
Das mutmaßliche Opfer des abendlichen Angriffs in der Gemeinschaftszelle informierte die Vorsitzende detailliert. Ihm sei vom späteren Täter vorgeworfen worden, Haare in einem Waschbecken zurückgelassen zu haben. Der 58-Jährige will sie nach Aufforderung umgehend entfernt haben, "obwohl es nicht meine Haare waren." Dann, so erfuhr Richterin Frauendorfer weiter, habe er sich wieder an einen neben seinem Bett stehenden Tisch gesetzt "und einen Brief weitergeschrieben".
Was wohl nur wenige Minuten später im Haftraum geschah, untermauerte die Anklage. Der 40-Jährige (Beschreibung eines Zeugen: "Eigentlich sehr ruhig, aber manchmal explodiert er") ging auf den angeblich arglosen Briefschreiber zu und teilte Faustschläge aus. "Es hat patsch patsch gemacht", hieß es in einer Lagebeschreibung. Die Folgen, damals erst am anderen Morgen von Justizbeamten erkannt, sahen so aus: Hämatome im Gesicht, ein ausgeschlagener Zahn, Sehstörungen auf einem Auge bis heute. "Ich habe geblutet wie ein Schwein", schrieb der 58-Jährige im Brief an seine Frau.
Verfahren geht weiter
Was war nun wirklich? Obwohl auf engem Raum beieinander, hatten zwei ebenfalls von Polizisten vorgeführte Mithäftlinge eher wenig bis gar keine Ahnung von dem Ereignis, das sich vor ihren Augen abgespielt haben muss. Der eine döste angeblich mit Ohrstöpseln auf seinem Bett, dem anderen war nach seinen Angaben die Sicht verstellt. In diesem Zusammenhang erschien ein Satz von Bedeutung, der vom mutmaßlichen Opfer stammte. Er lautete: "Sie haben mir gesagt, dass ich nachdenken soll, ob ich Anzeige erstatte." Worte aus einer Welt, die trotz Überwachung ihre eigenen Gesetze hat.
Das Verfahren geht weiter. Jetzt müssen zwei Männer kommen, die den Zwischenfall in unterschiedlichen Rollen erlebten. Der eine war mit in der Zelle untergebracht und ist zwischenzeitlich auf freiem Fuß. Der andere dient als Vollzugsbeamter und hatte seinerzeit Nachtdienst.













Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.