17.09.2021 - 12:59 Uhr
AmbergOberpfalz

Geschichte und Besonderheiten: Orgeln in der Oberpfalz

Sie ist die Queen, die Königin der Instrumente – und das Instrument des Jahres: die Orgel. Sie regiert, singt und spielt mehr als 2000 Dienstjahre, länger als die meisten ihrer klingenden Kolleginnen. Respekt!

St. Josef, Weiden: 1983 erbaut von Eisenbarth (53/III/P), 2009 Revision Thomas Jann
von Peter K. DonhauserProfil

Vom Theater in den Tempel

Erste Spuren finden sich in der griechischen Antike. Um 250 vor Christus konstruierte Ktesibios von Alexandria die „Hydraulis“, auf die schon die Merkmale der Orgeln (von Organum = Werkzeug) zutreffen: Ein Blasinstrument mit Pfeifen (die jeweils nur einen bestimmten Ton spielen), gespeist von einem Blasebalg und bedient mit Tasten (Claves). Ihren Auftritt hatte diese Orgel im Theater, im Zirkus, in Kampfarenen, sie war ein weltliches Instrument, und das über weitere 1000 Jahre hinweg. Nicht zuletzt mit der Entwicklung der Mehrstimmigkeit (Notre Dame Paris um 1150) wurde sie zur klingenden Königin der Kirchen, deren Statussymbol, eine einzigartige Karriere. Das Orgelbauerhandwerk (Meisterschule in Ludwigsburg) verlangt also Können im Holz- und Metallbau, in Konstruktion und Intonation; das ist die Kunst, den Orgelpfeifen ihren charakteristischen Klang zu geben. Sie hat freilich auch wieder zurück in den nicht-sakralen Bereich gefunden: In die englischen Town-Halls, die Stummfilm-Kinos, die modernen Konzertsäle.

Orgel-Ahnen

Die ersten Orgeln im Verbreitungsgebiet des „Neuen Tag“ leisteten sich die Klöster. 1394 baute Bruder Engelhardt in Reichenbach am Regen, 1429 ist Michelfeld bezeugt, 1531 Waldsassen. Nichts Materielles ist erhalten, Orgeln vor 1700 sind rar: Auf 1627 datiert das Positiv des Passauers Stephan Cuntz in der Minoritenkirche Regensburg, die älteste Orgel der Oberpfalz. Es folgen das Manderscheidt-Positiv (1645) in Ensdorf, die böhmische Orgel von 1692 (Kannhäuser?) in Püchersreuth.

Goldenes Orgel-Jahrhundert

Das Barock, speziell das 18. Jahrhundert wurde zum goldenen Zeitalter des Orgelbaus. Ab hier sind auch mehr Instrumente erhalten und zeugen vom technischen Können und den klanglich-musikalischen Ideen der Orgelbauer.

Bei aller Entwicklung gibt es Konstanten: Die Metallpfeifen sind aus einer Zinn-Bleilegierung gegossen, die Holzpfeifen z. B. aus einheimischer Fichte geschreinert. Der „Orgelwind“ wird mit Bälgen erzeugt, heute beliefert durch elektrische Gebläse, früher „handgeschöpft“ durch Blasebalg-Zieher oder –Treter. Bis 1890 hat man die Spielventile mit einer mechanischen Verbindung (Traktur) zwischen Taste und Ventil (auf-) gezogen, ebenso die Register. Dann erfolgte dies pneumatisch, ab den 1920er-Jahren auch elektro-pneumatisch.

Orgellandschaft Oberpfalz

Hier machte einer der frühesten Orgelbauer eine internationale Karriere: Friedrich Pfannmüller (1490-1562) aus Hirschau bei Amberg. Nach St. Martin baute er 1552 in Eger, dann die „Kaiserorgel“ im Veitsdom Prag (gerühmt als „schönste Orgel der Christenheit“) und im Wiener Stephansdom. Erst im 18. Jahrhundert blühte der Oberpfälzer Orgelbau wieder auf: Drei Generationen der Familie Funtsch in Amberg (erhalten: Habsberg bei Velburg, 1767), die Werkstattnachfolger Wilhelm Hepp (Herz Jesu Velburg 1803) und Friedrich Specht (Pittersberg 1862). Mit nord-östlicherem Einzugsgebiet, aber auch bis Regensburg wirkte die Familie Andreas Weiß in Nabburg (Eixlberg bei Pfreimd 1752, Ast bei Waldmünchen 1770). Elias Hößler (evangelisch, Lauf, dann Sulzbach, 1663-1746) wurde vom katholischen Funtsch als „ausländischer Pfuscher und Ketzer“ mit Argwohn beobachtet (Sulzbach, Spitalkirche 1743, Etzelwang 1744).

Heute arbeiten einige kleinere Betriebe in der Oberpfalz: der Amberger Rainer Kilbert in Hönighausen und Markus Bäumler in Rothenstadt. Bäumler unterrichtet auch Orgelbau an der Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg.

Orgel global

Zu beobachten ist eine „Globalisierung“ des Orgelbaus: Bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 beauftragte man hauptsächlich regionale Werkstätten, dann auch solche aus ganz Bayern wie Edenhofer (Deggendorf), Strebel (Nürnberg) Steinmeyer (Oettingen) oder Siemann (Regensburg).

Ab 1965 gingen Aufträge an Firmen im weiteren Donauraum, z.B. an Weise („Orgelbauanstalt mit Dampfbetrieb“ in Plattling), Eisenbarth (Passau), Hirnschrodt (Stadtamhof, 1975 übernommen von Georg Jann, Allkofen) und Hubert Sandtner (Dillingen). Es kamen auch mehr und mehr Unternehmen aus ganz Deutschland wie Walcker (Ludwigsburg), Mühleisen (Leonberg), Vleugels (Hardheim), Weimbs (Hellenthal) und Klais (Bonn) zum Zuge. Selbst Landesgrenzen sind kein Hindernis mehr: Hochwertige Instrumente lieferten Mathis (Schweiz) und Rieger (Österreich).

Orgelbau heute

Orgelbauer Markus Bäumler (Rothenstadt) erzählt über seinen Beruf : „Unser Handwerk verlangt Können im Holz- und Metallbau, in Konstruktion und Intonation; das ist die Kunst, den Orgelpfeifen ihren charakteristischen Klang zu geben. Auch im Jahre 2021 wollen wir das Instrument weiter entwickeln. Bei Neubauten dominiert wieder die sensible mechanische Spieltraktur, wir müssen aber den Bau aller Traktursysteme beherrschen. Die Computertechnik erlaubt elegante Vor-Programmierung von Klängen (Registrierungen), in der Folge können die Spieltische sehr übersichtlich gestaltet werden. An Restaurierungen gehen wir mit Achtung vor der Leistung der einstigen Kollegen heran, wertvolle Substanz wollen wir bewahren.“

Blicken wir zum Abschluss auf das Thema „Orgel und Kirche“: Sie sieht in der Orgel ein Sinnbild der Glaubensgemeinschaft: Von lebendigem Atem inspiriert (Heiliger Geist) sind alle Orgelpfeifen Individualitäten („Der Herr hat dich bei deinem Namen gerufen“) und wirken doch gemeinsam an Gottes Schöpfungsplan mit.

Hintergrund:

Orgelrekorde in der Oberpfalz

Älteste Orgel: Manderscheidt-Positiv (1645) in Ensdorf

  • Jüngste Orgelneubauten: Brand im Fichtelgebirge (Weimbs 2015, 20/II/P). Amberg, Andreas-Hügel-Haus (Münchner Orgelbau Führer, 2016, 7/II/P)
  • Jüngste Reorganisation und Erweiterung: Ettmannsdorf (Weise 1965, Mühleisen & Bäumler 2021, 34/III/P) - Portrait folgt
  • Jüngste Renovierung: Sulzbach-Rosenberg, Spitalkirche (Hößler 1743, Hoffmann & Schindler 2021) - Portrait folgt
  • Größte Orgel: Waldsassen (Georg Jann 1989) mit 103 Registern und zwei 6-manualigen Spieltischen (Bericht im Juli)
  • Größtes Orgelneubau-Projekt: Amberg St. Georg 2024/25, Emporen- und Chororgel, 31+27 = 58 Register
  • Saalorgel: Max-Reger-Gymnasium Amberg (Weise 1982, 17/III/P)
  • Sicherste Orgel: Kirche der Justizvollzugsanstalt Amberg (Steinmeyer 1924, 21/II/P), original erhalten

Wikipedia, Liste von Orgeln in der Oberpfalz

Die Basilika-Orgel in Waldsassen

Waldsassen

Die Orgel in St. Michael Weiden

Weiden in der Oberpfalz

 

 

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