25.06.2021 - 17:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Immer mehr Verbraucher sind insolvent: Das steckt dahinter

Nicht nur Firmen gehen pleite, auch zahlreiche Privathaushalte sind überschuldet. Dass aktuell die Zahl der Verbraucherinsolvenzen massiv steigt, hat mehrere Gründe. Corona spielt dabei aber wohl keine große Rolle.

Nur noch ein paar Cents in der Geldbörse, aber Tausende Euro Schulden - Privatpleiten sind gar nicht so selten.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

31821 Privatinsolvenzen wurden deutschlandweit laut der Wirtschaftsauskunftei CRIF Bürgel im ersten Quartal des Jahres 2021 gemeldet und damit 56,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die regionalen Insolvenzgerichte bestätigen den Trend: Im Bereich des Amtsgerichts Amberg haben im Zeitraum von Januar bis einschließlich Mai 2021 die eingegangenen Privatinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 43 Prozent zugenommen. Das Amtsgericht Weiden teilt auf Anfrage mit, dass die Anträge auf Verbraucherinsolvenz im ersten Quartal von 47 im Jahr 2020 auf 52 im Jahr 2021 angestiegen sind. Für den Zeitraum vom 1. Januar bis 1. Juni ergibt sich sogar eine Zunahme um fast 40 Prozent von 66 im Jahr 2020 auf 91 im Jahr 2021.

Teils lange Wartzeiten

"Laut Schuldneratlas von Creditreform waren im Jahr 2020 6,85 Millionen erwachsene Personen bundesweit überschuldet. Das entspricht einer Überschuldungsquote von 9,87 Prozent", erklärt Monika Kortus. Die Diplom-Pädagogin ist unter anderem für die soziale Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas in der Diözese Regensburg zuständig. "In unserer Beratungsstelle in Regensburg haben wir derzeit eine Wartezeit von fünf Wochen für ein Erstgespräch und heute bereits fast doppelt so viele Eröffnungen wie das ganze letzte Jahr", sagt die Expertin.

Der Grund für die hohe Nachfrage sei jedoch nicht die angespannte Situation durch Corona, "sondern aktuell vielleicht noch stärker die Verkürzung der Laufzeit des Insolvenzverfahrens". Die gesetzliche Änderung habe seit Anfang 2020 angestanden, der genaue Umsetzungszeitpunkt sei jedoch nicht sicher gewesen. "Das hatte zur Folge, dass die meisten Klienten mit einer Antragstellung abwarten wollten, und dadurch gab es einen Einbruch bei den Eröffnungszahlen." Seit Dezember gilt bei Privatinsolvenzen nun rückwirkend ab Oktober 2020 eine neue Frist für die Restschuldbefreiung. Statt bisher sechs Jahren beträgt sie nur noch drei Jahre. "Deshalb dürften Anträge aufgeschoben worden sein", heißt es auch vom Amtsgericht Weiden. Bei der Schuldnerberatung des Allgemeinen Rettungsverbandes (ARV) in Weiden indes kann Roswitha Fröhlich-Atilgan keinen Effekt ausmachen. "Momentan läuft alles ganz normal", sagt sie. Allenfalls Anfang vergangenen Jahres seien vermehrt Anfragen eingegangen, "offenbar hatten die Leute damals etwas in den Medien aufgeschnappt". Die entsprechenden Beratungen seien bereits lange gelaufen und momentan müssten Interessenten daher auch nur eine Woche auf einen Termin beim ARV in Weiden warten.

Auswirkungen ab Herbst

Caritas-Expertin Kortus erklärt dazu: "Man muss auch wissen, dass es ein langer Prozess ist, bis ein Schuldner den Antrag tatsächlich stellt." Neben der aufwendigen Vorbereitung und Stabilisierung vor der Antragstellung versuche der Schuldner in der Regel erst einmal, alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen. Überschuldung sei immer noch ein stark schambesetztes Thema. "Wir als Beratungsstelle werden meist erst dann angefragt, wenn das Konto gesperrt ist, der Gerichtsvollzieher vor der Türe steht oder die Miet- und Stromzahlungen nicht mehr geleistet werden können", bedauert Kortus. "Von daher vermute ich, dass die überwiegende Zahl an Personen, die durch Corona in die Überschuldung gerutscht sind, erst ab Herbst verstärkt bei der Insolvenzantragsstellung sichtbar werden." Jedoch sicherten die Beratungsstellen schon jetzt vielen Schuldnern die Existenz, die durch Kurzarbeit oder gescheiterte Selbständigkeit ihre Lebensgrundlage nicht mehr ausreichend finanzieren könnten.

In der Verkürzung der Laufzeit des Insolvenzverfahrens sieht die Caritas-Expertin keine Gefahr. "Bereits seit Juli 2014 gibt es die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen das Verfahren auf fünf oder sogar auf drei Jahre zu verkürzen", erklärt Kortus. Die Fallzahlen seien trotz dieser günstigen Veränderung für die Schuldner weiterhin konstant gefallen. "Deshalb sehe ich in der aktuellen Verkürzung eher die Möglichkeit für viele, die sich bisher nicht an das komplexe und aufwendige Verfahren getraut haben, eine Chance für einen Neustart zu nutzen." Das Verfahren bleibe mit einem hohen Aufwand für die Schuldner verbunden. "Und die anerkannten Beratungsstellen werden weiterhin großen Wert auf die Stabilisierung der Schuldner legen, um damit eine nachhaltige Wirkung des Insolvenzverfahrens zu erzielen." ARV-Expertin Fröhlich-Atilgan sagt: "Als Beratungsstelle vertreten wir die Sicht des Schuldners, und für den ist die Verkürzung der Laufzeit natürlich positiv zu sehen." Aus Perspektive der Gläubiger stelle sich das freilich anders dar. Allerdings seien viele Unternehmen nicht ganz unschuldig an der Misere: "Wir fragen uns öfter, warum da nicht schon früher ,Stop' gesagt wird, wenn ein Kunde nicht zahlen kann."

So stellt sich die Situation in Deutschland dar

Deutschland & Welt

Wir als Beratungsstelle werden meist erst dann angefragt, wenn das Konto gesperrt ist, der Gerichtsvollzieher vor der Türe steht oder die Miet- und Stromzahlungen nicht mehr geleistet werden können.

Monika Kortus von der sozialen Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas in Regensburg

So sah die Entwicklung der Verbraucherinsolvenzen in Deutschland seit dem Jahr 2000 aus (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Hier gibt es die wichtigsten Informationen zum Privatinsolvenzverfahren.

Kommentar:

Zu früh gefreut

Die Zahl der privaten Pleiten ist in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar gestiegen, aber Corona ist dafür nicht verantwortlich, sagen die Experten. Viele Anträge auf Verbraucherinsolvenz sind wohl aufgeschoben worden, um die neuen, günstigeren gesetzlichen Regelungen für die "Wohlverhaltensphase" auszunutzen. Die Corona-Folgen werden sich erst mit einigem zeitlichen Verzug bemerkbar machen. Denn die Lockdowns zwangen viele Menschen in Kurzarbeit, nicht wenige verloren sogar ihre Jobs. Rechnungen, Miete, Nebenkosten, Finanzierungen und Kredite wollen aber dennoch bezahlt und bedient werden. Auf Dauer droht so die Überschuldung. In Sachen Verbraucherinsolvenzen ist es also viel zu früh für eine "Entwarnung" - das dicke Ende kommt wohl erst noch.

Gabriele Weiß

Hintergrund:

Ablauf einer Verbraucherinsolvenz

Die Insolvenzordnung bietet überschuldeten Verbrauchern die Möglichkeit, sich innerhalb von drei Jahren zuzüglich der außergerichtlichen Vorbereitungszeit von ihrem Schuldenberg zu befreien. Das Verfahren verläuft folgendermaßen:

  • Außergerichtlicher Einigungsversuch: Er ist Voraussetzung für die spätere Antragstellung.
  • Antragstellung beim Insolvenzgericht: Hierfür ist die Bescheinigung einer geeigneten Stelle oder Person über das Scheitern des außergerichtlichen Einigungsversuchs erforderlich.
  • Schuldenbereinigungsverfahren: Es kann als weiterer Versuch einer Einigung mit den Gläubigern folgen, diesmal mit Unterstützung des Gerichts, soweit dieses einen erneuten Versuch für sinnvoll hält.
  • Insolvenzverfahren mit Feststellung der Vermögens- und Schuldensituation
    sowie der Verwertung vorhandenen pfändbaren Vermögens.
  • Insolvenzplanverfahren: Kann, muss aber nicht folgen als Sanierungsverfahren im Insolvenzverfahren unter Mitwirkung des Gerichts, der Gläubiger und des Insolvenzverwalters.
  • Wohlverhaltensphase mit Abtretung des pfändbaren Einkommens an Insolvenzverwalter, Verpflichtung zu zumutbarer Arbeit, Mitteilung wesentlicher Veränderungen an Gericht und Insolvenzverwalter. Dauer regelmäßig 3 Jahre, beginnend mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens.

Quelle: Verbraucherzentrale

 

 

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