16.06.2021 - 13:35 Uhr
AmbergOberpfalz

Kein Personal: Metzger reduzieren Öffnungszeiten

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Für viele junge Menschen sind Handwerksberufe nicht mehr attraktiv. Das zeigt eine aktuelle Studie. Die Branche bringt das in Bedrängnis. Auch die Metzger. Auch in der Region Amberg-Sulzbach. Die ersten Hinweise sind nicht zu übersehen.

Neue Fachverkäufer/innen im Lebensmittelhandwerk sind schwer zu finden. Das bekommen auch die Metzger im Raum Amberg/Amberg-Sulzbach zu spüren.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Handwerksbetrieben fällt es auch während der Coronakrise schwer, Mitarbeiter zu finden. Bundesweit fehlen laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 54 000 Gesellen. Insgesamt beziffert die IW-Analyse den Fachkräftemangel im Handwerk auf rund 65 000 Arbeitskräfte. Auch die Metzger in der Amberg-Sulzbacher Region sind davon betroffen, wie eine Umfrage von Oberpfalz-Medien anhand mehrerer Beispiele belegt.

Heike Lutter und Sandra Völkl, die Töchter des ehemaligen Amberger Innungsobermeisters Josef Englhard, haben den Familienbetrieb 2018 als gleichberechtigte Inhaberinnen übernommen. Damals sei im Laden an der Georgenstraße die Welt noch in Ordnung gewesen, sagt Heike Lutter: „Da haben andere Betriebe schon lange nach Personal gesucht. Wir mussten das nicht.“

Arbeitsmarkt gibt nichts her

Doch die Zeiten haben sich geändert. Nach der Kündigung von zwei Mitarbeiterinnen stehen Lutter und Völkl nun vor einem Problem: Was sie auch unternehmen, sie finden keinen Ersatz. Heike Lutter will nicht falsch verstanden werden: „Das Problem sind nicht die Kündigungen, sondern der Arbeitsmarkt. Der gibt nichts her. Ich sage immer, der Arbeitsmarkt ist nicht auf Null, der ist im Minus.“ Mittlerweile würden die Schwestern sogar Bewerber ohne Schulabschluss mit Handkuss bei sich beschäftigen, aber auch die gibt es nicht. Die Konsequenz: Heike Lutter arbeitet nicht nur Vollzeit im Büro, sondern auch im Laden. Gleiches gilt für ihre Schwester Sandra Völkl, die sich um die Produktion der Fleisch- und Wurstwaren kümmert – und sich nach getaner Arbeit ebenfalls in den Verkaufsraum stellt: „Wir haben beide eineinhalb Jobs. Das war so nicht vorgesehen. Aber wir hatten keine andere Wahl.“ In Zahlen bedeutet das: Beide Frauen kommen pro Woche auf 70 bis 80 Arbeitsstunden.

Das könne man „mal sechs oder sieben Wochen so machen“, aber letztlich werde das Problem dadurch nur verschoben, „und wir gehen dabei krachen“, wie es Heike Lutter formuliert. Also mussten die Töchter von Josef Englhard eine Entscheidung treffen, obwohl Sandra Völkl zunächst zweifelte: „Ich bin seit 30 Jahren im Betrieb und hatte echt Bauchschmerzen, an die Öffnungszeiten ranzugehen.“ Doch dieser Schritt musste sein. Der Laden ist seit 1. Juni montags wie gewohnt von 8 bis 14 Uhr geöffnet, doch diese Regelung gilt nun auch von Dienstag bis Donnerstag, wo zuvor bis 18 Uhr Kunden bedient wurden. Am Freitag (8 bis 18 Uhr) und Samstag (8 bis 12.30 Uhr) bleibt es bei den gewohnten Zeiten.

Öffnungszeit verkürzt

Dreimal pro Woche vier Stunden weniger offen, diese Entscheidung halte den Laden am Laufen, sagt Heike Lutter. Die Kunden reagieren laut ihrer Schwester rücksichtsvoll: „Die verstehen das, wenn man ihnen das erklärt.“ Wie es jetzt weitergeht? Die Antwort gibt Heike Lutter: „Wir hören nicht auf, zu suchen. Aber wir werden es über den Sommer definitiv so durchziehen müssen.“ Selbst an diese Variante haben die Schwestern bereits gedacht: Wenn sich eine Bürokraft finden ließe, könnte Heike Lutter stressfreier die Waren im Laden verkaufen. Aber auch da zeichne sich keine schnelle Lösung ab. Eine andere Idee existiert aber bereits in den Köpfen der beiden. Sie wollen Wurst in Automaten verkaufen und vorbestellte Waren in gekühlten Schließfächern hinterlegen, um auch die Stammkunden bedienen zu können, die mit den neuen Öffnungszeiten nicht klarkommen. So hatten sie sich die Zukunft ihrer Branche aber nicht vorgestellt.

Innungs-Obermeister Daniel Hirsch aus Hohenkemnath bestätigt das Dilemma: "Nachfrage nach unseren Waren gibt es gerade genug. Aber wir können nicht alle Aufträge annehmen, weil Personal fehlt." Auch er hat bereits seit einiger Zeit die Öffnungszeiten seiner Metzgerei reduziert. Um 14 Uhr sperrt er zu, weil er nicht genügend Leute hat, die ihm hinter der Theke helfen. Dabei geht es längst nicht nur ums Verkaufen. "Der Beruf ist vielseitiger als die meisten denken. Wir beraten unsere Kunden, bereiten Veranstaltungen mit vor." Hirsch hofft, dass das auch bald nach außen besser dargestellt werden kann. Die Berufsbezeichnung Metzgereifachverkäufer/in sei längst überholt. "Wir arbeiten dran, das umzubenennen", erzählt er. "Aber das dauert ewig. Es ist Wahnsinn, durch wieviele Gremien das gehen muss."

Metzgermeister will ausbilden

„Die Situation ist sicher nicht einfach, aber wir haben natürlich weiterhin großes Interesse, junge Leute im Verkauf oder als Metzger auszubilden“, sagt Johannes Lotter aus Sulzbach-Rosenberg. Seine beiden Azubi-Stellen – eine Verkäuferin und ein Fleischer – sind in diesem Jahr besetzt, was der Metzgermeister positiv wertet. Er sieht in den Praktika einen guten Weg, um das Interesse der jungen Leute zu wecken. Auch seien Betriebe in seiner Größenordnung oft familiengeführt, was Vorteile biete. „Bei uns sind die Mitarbeiter keine Nummer, es gibt Aufstiegschancen, wir vermitteln Werte und die Chefs sind immer als Ansprechpartner greifbar“, wirbt Johannes Lotter um Personal. Er verweist für seinen Betrieb auch auf die Arbeitszeiten, die für das Team eine gute Freizeitplanung ermöglichen würden.

Im Betrieb von Hans-Jürgen Rötzer im Sulzbach-Rosenberger Stadtteil Lohe, gibt es schon seit etlichen Jahren keine Auszubildenden mehr. „Dieser Trend mit einer hohen Fluktuation herrscht seit ungefähr zehn oder zwölf Jahren vor. Und erschwerend kommt hinzu, dass auch nicht jeder Bewerber geeignet ist“, so der Metzgermeister. Allerdings könnte bei ihm heuer der Trend mit einem Auszubildenden zumindest kurzfristig gestoppt werden, was aber noch nicht ganz sicher sei. Auch Rötzer sieht in einem Praktikum die beste Möglichkeit für Berufseinsteiger, um sich ein richtiges Bild vom Fleischerhandwerk zu machen. Zunächst setzt sein Betrieb aber auf das bewährte Stammpersonal und mit Sohn Christian stünde im Normalfall auch einer Fortführung der traditionsreichen Metzgerei auf der Lohe nichts im Wege.

Seit Jahren keine Bewerbungen

„Seit Jahren haben uns schon keine Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz erreicht“, berichtet Klaus Bär. Seine Metzgerei im Herzen der Sulzbach-Rosenberger Altstadt leidet auch unter der geringen Nachfrage von jungen Kräften für das Metzgerhandwerk. „Ein Riesenproblem ist hier aber auch die Qualität der Interessenten. Nicht jeder Bewerber ist für unseren Handwerkszweig geeignet“, gibt Bär gegenüber Oberpfalz-Medien zu bedenken. Auch er zählt mittlerweile nur Stammpersonal zu seinem Team. Und um weiter bestehen können, hat er den Schlachtbetrieb eingestellt, lässt das Fleisch und die Rohwaren liefern und hat die Arbeitsabläufe für die Veredelung seiner Produkte entsprechend angepasst. Die Zukunftsaussichten für seine Branche sieht der Metzgermeister aber alles andere als rosig.

Auch in der Gastronomie fehlt Personal

Amberg
Kommentar:

Darf's a bisserl mehr sein? Ja!

Handwerk hat goldenen Boden. Das stimmt absolut. Wer einen klassischen Meisterberuf erlernt, sich weiterbildet und auf eigene Beine stellt, der verdient oft mehr als so mancher Akademiker. Anders sieht es bei den angegliederten Berufen aus. Der Lohn für die Gesellen, für Verkäufer/innen oder Bürokräfte könnte durchaus etwas attraktiver gestaltet werden. Der Spruch, den man oft an der Metzgertheke hört, "Darf's a bisserl mehr sein?" gilt auch für die Bezahlung des Personals. Auch hier schlägt das Prinzip von Angebot und Nachfrage durch - die Handwerksbranche könnte da durchaus "a bisserl" was drauflegen.

Uli Piehler

 

 

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