25.07.2019 - 19:30 Uhr
AmbergOberpfalz

Kindheitserinnerungen im US-Sperrgebiet

Früher war die Schloudmarie in Lutzmannstein ein Bauernhof. Heute fühlen sich hier Fledermäuse wohl. Und die ehemaligen Bewohner auch – wenn sie alle zwei Jahre in „ihr“ Dorf zurückkehren.

von Heike Unger Kontakt Profil

Die meisten der einstmals rund 60 Gebäude gibt es heute nicht mehr. Die Lutzmannsteiner wurden 1951 ausgesiedelt, als der Truppenübungsplatz Hohenfels erweitert wurde. Seither ist das Dorf, oder das, was davon noch übrig ist, nicht mehr frei zugänglich: Es liegt mitten im militärischen Sperrgebiet, im Übungsplatz Hohenfels.

Ingrid Blodig und ihre Schwester Edeltraud Gleißner stehen vor einer der vielen Tafeln, die mit Texten und historischen Bildern an die Zeit erinnern, als Lutzmannstein noch ein sehr lebendiges Dorf war. Blodig zeigt auf ein Schwarzweiß-Bild – ein Klassenfoto. Sie ist die Vierte von links. Neun Jahre alt war sie, als sie, ihre zehnjährige Schwester Edeltraud und "die Mutti" Lutzmannstein verlassen mussten. Der Vater, eigentlich der Lehrer im Dorf, war damals im Krieg vermisst. Viele der alten Fotos, die zum Ehemaligentreffen gezeigt werden, stammen von ihm.

Info:

Ehemaligentreffen

Die US-Armee, die Hausherr des Truppenübungsplatzes Hohenfels ist, ermöglicht den ehemaligen Lutzmannsteinern alle zwei Jahre einen Besuch in der alten Heimat. Diese Ehemaligentreffen hatte einst der Lutzmannsteiner Pfarrer Hans Eichenseer ins Leben gerufen und bis zu seinem Tod auch organisiert. Diese Aufgabe hat inzwischen der Velburger Bürgermeister Bernhard Kraus übernommen. Rund 400 Teilnehmer hatten sich diesmal zum Treffen angemeldet. Unter ihnen noch etliche, die früher tatsächlich in Lutzmannstein gelebt haben, aber auch Nachkommen und Freunde, die sich für diesen außergewöhnlichen Blick in die Vergangenheit interessierten. Rund 400 Besucher hatten sich diesmal dazu angemeldet.

Solche Treffen gibt es auch noch in zwei weiteren ehemaligen Orten, die heute im Übungsplatz liegen, wie Norbert Wittl aus dem Büro für Öffentlichkeit der US-Armee sagt: in Pielenhofen alle zwei Jahre, in Schmiedheim jedes Jahr zur Kirchweih im Juli. "Wir gehen davon aus, dass es noch eine Weile weitergeht", blickt Wittl in die Zukunft. "Und dann sind wir gespannt, wie es weitergeht - denn irgendwann wird es keine Ehemaligen mehr geben." In Pielenhofen seien es heute noch etwa 30, in Lutzmannstein vielleicht noch etwa 50, schätzt Wittl.

Andere Interessierte haben die Chance, bei den Busfahrten durch den Übungsplatz, die die US-Armee regelmäßig anbietet, einen Blick auf die verlassenen Dörfer zu werfen. "Da ist Lutzmannstein immer dabei", sagt Wittl. Es gebe viele Vereine und Gruppen, die sich jedes Jahr zu so einer Busfahrt, "Boxtour" genannt, anmelden. Dazu wenden sie sich im Januar an die Army, die die Termine nach dem Belegungsplan des Übungsplatzes vergibt. Die Gruppen organisieren sich dann ihre Busse selber "und wir machen die Reiseleiter". In Pielenhofen noch 30 Ehemalige, dürften Lutzmannstein noch etwa 50 da sein.

Manch einer, der heute nach Lutzmannstein gekommen ist, denkt mit Wehmut zurück. Die Gleißner-Schwestern gehören nicht dazu. Sie erinnern sich an eine arme, aber trotzdem schöne Kindheit in Lutzmannstein. Und ja, es sei schön, dass es die Möglichkeit gibt, zurückzukommen, meint Ingrid Blodig. Aber es sei doch ganz anders als damals – die drei Gebäude, die unter Federführung der US-Armee restauriert wurden, haben die Schwestern anders im Gedächtnis.

Für den Außenstehenden präsentieren sich die Schloudmarie, der alte Hof, und das Schloss, hübsch hergerichtet. Die Kirche St. Lucia ist noch eingerüstet, hier laufen die Bauarbeiten noch. Nächstes Jahr soll auch dieses Gebäude, das dritte und letzte, das gerettet wird, fertig sein. Wie lange wohl die alte Schule, das Elternhaus der Gleißner-Schwestern, noch da sein wird? Die Maurerrste, die noch übrig sind, sind schon stark zugewachsen. Hier haben die Schwestern als Kinder gelebt, hier ist Ingrid zur Welt gekommen. "Die Fenster der Küche sind zur Straße hinaus gegangen", erzählt Edeltraud Gleißner: "Wir haben am Fenster gespielt - und genau gewusst, wenn ein Kuh- oder ein Ochsenkopf aufgetaucht ist, der gehört zu dem oder dem Bauern. So, wie die Kinder heute die Traktoren-Marken kennen."

Bis zur Ablösung 1951 war dies ihr Zuhause. Als die Familie wie alle anderen Lutzmannsteiner wegziehen musste, gingen die Schwestern aber schon in Amberg in der Schule. Ihre Mutter bekam dort eine Wohnung zugewiesen. Der Vater war damals vermisst. Eine Frau mit zwei Kindern hätte damals eigentlich mit einem Zimmer und Küche Vorlieb nehmen müssen. Die Gleißners hatten Glück, sie bekamen eine etwas größere Wohnung, aber mit der Auflage, eines der Zimmer zu vermieten.

Für die alteingesessen Bauern sei die Aussiedlung damals sicher schlimmer gewesen, meint Ingrid Blodig. Aber ihre "Mutti war zu der Zeit eigentlich fast froh, dass wir weggekommen sind" und eine Bleibe in der Stadt bekamen. "Um die Zeit hat man ja fast nirgends eine Wohnung bekommen." Für die Schwestern war der Umzug mit Annehmlichkeiten verbunden – fließend Wasser, Strom. In Lutzmannstein gab es Wasser nur aus der Zisterne. "Das heißt: Dachrinnen-Wasser, keine Quelle", betont Edeltraud Gleißner: "Wenn das Wasser ausgegangen ist, musste es aus der Lauterach oder aus Velburg oder irgendwo her geholt werden." Und der elektrische Strom sei in Lutzmannstein erst ein, zwei Jahre vor der Aussiedlung angekommen. "Bis dahin gab es nur nur Petroleum- und Karbidlampen", berichtet Gleißner. "Es war wirklich ein ärmliches Dorf."

Zwei Läden gab es - einen bei der Schloudmarie und einer gegenüber der Schule, bei der Bäckerei Rupp. Für alles andere mussten die Lutzmannsteiner nach Velburg. "Mit dem Rucksack", sagt Gleißner. Und natürlich zu Fuß: "Ein Auto hat man damals nicht gehabt." Aber ein Radio gab es im Lehrer-Haus. "Mit Akku. Der musste geladen werden." Auch dazu musste man nach Velburg marschieren. Eine Bus-Verbindung habe es erst später gegeben. Bis dahin sei es schon "abenteuerlich" gewesen , von Parsberg oder Seubersdorf nach Lutzmannstein zu kommen, berichten die Schwestern lachend. Einträge in einem Gästebuch, das ihr Vater und Großvater führten, zeugten heute noch davon.

Auch Pfarrer Hans Eichenseer musste von Krumpenwinn zu Fuß nach Lutzmannstein kommen. "Die Schulkinder mussten in der Früh um 7 Uhr immer erst in die Kirche", erzählt Blodig. "Und die war kalt, nicht beheizt", fügt ihre Schwester hinzu. Blodig erinnert sich, dass Eichenseers Großmutter ihm immer aus dem Dämpfer, in dem Kartoffeln fürs Vieh gekocht wurden, "eine warme Kartoffel mitgegeben hat, dass er sie sich in die Tasche stecken kann, damit er die Hände warm hat".

Und doch seien es glückliche Kindertage gewesen, meinen die beiden Zeitzeuginnen. "Für uns war das Dorfleben ein Event, würde man heute sagen", meint Gleißner. Die Schwestern liefen mit den anderen Dorfkindern herum, waren mit beim Gänsehüten und früh morgens "Klee fahren mit dem Karl".

"Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit, haben von den Schwierigkeiten nichts mitbekommen", bilanziert Gleißner. Und weiß sehr wohl, dass es für ihre Mutter nicht so leicht war. Der Vater war vermisst, also musste die Mutter dafür sorgen, dass die Familie über die Runden kam. Tagsüber habe sie sich um die Kinder gekümmert und um den Garten, der Nahrung lieferte. "Und dann hat sie abends im Schein der Karbidlampe angefangen zu nähen und zu stricken für die Bauern, damit wir Lebensmittel bekommen haben."

Diesmal nehmen die Schwestern vom Ehemaligentreffen in Lutzmannstein nicht nur Erinnerungen mit. Sie haben einen Blumentopf mit einem Weinstock geschenkt bekommen. Die Rebe ist ein Ableger. Nicht irgendeiner. Sondern einer von dem Weinstock, der heute noch die Überreste des alten Lehrer-Hauses in Lutzmannstein umrankt.

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