13.02.2019 - 19:03 Uhr
AmbergOberpfalz

Krebskranker verklagt Arzt

Mike Fiedler hat Rückenmarks-Krebs und nur noch wenige Wochen zu leben. Am Mittwoch saß er als Kläger vor Gericht. Er fordert von einem Neurologen Schadensersatz wegen eines Behandlungsfehlers. Das Urteil soll am 6. März verkündet werden.

Mike und Tina Fiedler (von links) kommen in den Sitzungssaal des Landgerichts. Rechts: Rechtsanwältin Deniz Ciyiltepe-Pilarsky
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

"Ob er das noch erlebt?", lautete eine spontane Bemerkung aus dem Kreis der Zuhörer im Sitzungssaal am Ende. Eine Frage, die niemand beantworten kann. Familienmitglieder und Freunde waren ins Landgericht gekommen, um den Ammersrichter moralisch zu unterstützen. Alle Behandlungen für den 48-Jährigen sind mittlerweile eingestellt worden. Mit starken Schmerzmitteln erträgt Mike Fiedler den Alltag, ein Palliativ-Team erleichtert ihm den Endspurt auf der letzten Gerade des Lebens. Der Verhandlungstermin bei der Zivilkammer war für ihn ein wichtiger Termin, den er unbedingt noch erleben wollte.

Die Geschichte von Mike Fiedler

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Hatte sich der Tumor aufgrund eines Behandlungsfehlers 2015 ein Jahr lang ungehindert ausbreiten können? Hat der beklagte Arzt grob fehlerhaft behandelt? Hätte der Krebs von ihm entdeckt werden müssen? Hätte eine frühzeitigere Behandlung der Krankheit die Chance bedeutet, sie zu besiegen? Diese und andere Fragen sollten vor der Zivilkammer unter Vorsitz des Richters Markus Fillinger aufgeklärt werden. Ihm zur Seite saßen die Richter Dr. Claudia Arlt und Jan Prokoph.

2015 hatte sich der selbstständige Messebauer Mike Fiedler wegen immer wiederkehrender Rückenschmerzen und Taubheitsgefühlen in den Beinen zu seinem Hausarzt begeben. Bereits 2012 war eine Kernspintomographie (MRT) des Rückens angefertigt worden - ohne auffälligen Befund. Drei Jahre später sollte die Überweisung zum Neurologen Klarheit über die Ursache der Schmerzen verschaffen. Fiedler wurde am 13. Juli 2015 dort in der Praxis vorstellig. "Die Schmerzen wurden immer schlimmer." Der Arzt veranlasste ein MRT des Kopfes, nachdem er den unauffälligen Befund der drei Jahre alten Aufnahmen des Rückens gesehen hatte. Der Neurologe erinnerte sich nach eigener Auskunft noch sehr gut an den Kontakt mit seinem Patienten. Eben weil seine Wirbelsäule schon untersucht worden war, sollte diesmal der Kopf unter die Lupe genommen werden. Einen Tag später sei Fiedler wieder zu ihm in die Praxis gekommen. Mit dabei hatte er die Bilder seines Kopfes aus dem Kernspin. Auch sie waren unauffällig. "Ich erinnere mich genau, dass ich gesagt habe, man könne jetzt die Diagnostik auf die Spitze treiben und noch mal die Wirbelsäule untersuchen, oder den weiteren Verlauf beobachten. Darauf haben wir uns schließlich geeinigt", sagte der Arzt.

Erst ein Jahr später - der Hausarzt hatte wiederum an einen Gefäßchirurgen überwiesen - kam die Diagnose Rückenmarks-Krebs. Bei einer anschließenden Operation konnte nur ein Teil entfernt werden.

Mike Fiedler (Dritter von links) wartet mit seinem Vater Wilhelm, seiner Tochter Vanessa und seiner Frau Tina (von links) auf den Beginn der Verhandlung

Die vor Gericht aussagenden Gutachter, ein Neurochirurg und ein Neurologe aus München, stellten rückblickend fest: Bereits auf den Bildern von 2012 sei der Tumor zu erkennen gewesen. Allerdings endete die Aufnahme genau an der Stelle, wo der untere Teil des Tumors begann. "Der Hauptteil war nicht abgebildet." Es sei zweifelhaft, ob ein Neurologe auf den Bildern etwas gesehen hätte, was der Radiologe nicht gesehen hat. Das hieß es auf die Frage, ob der Arzt die Bilder hätte zwingend anfordern müssen oder ob der Bericht gereicht hätte. Und es wurde als "unglücklich" bezeichnet, dass dieser Teil des MRT abgeschnitten war.

Ob ein frühzeitiges Erkennen eine erfolgreichere Behandlung zur Folge gehabt hätte, wurde im Prinzip verneint. "Ein Kennzeichen dieses Tumors ist, dass er von Anfang an das Rückenmark durchsetzt." Eine komplette Entfernung wäre nur mit massiven Ausfällen möglich gewesen, die zur kompletten Querschnittslähmung geführt hätten und auch nicht zur Heilung, da schon andere Zellen betroffen gewesen wären. Andererseits wurde jedoch die Frage aufgeworfen, warum der Mediziner sich auf einen drei Jahre alten Befund verlassen habe. "Ein erneutes MRT wäre geboten, aber nicht zwingend geboten gewesen", hieß es dazu von Gutachter-Seite.

"In Medizinhaftungsprozessen ist die Beweisführung sehr schwierig", sagte Fiedlers Rechtsanwältin Deniz Ciyiltepe-Pilarsky von der Kanzlei Ciper & Coll aus München am Rande des Prozesses. Dennoch sei es für sie ein Versäumnis, dass der Arzt 2015 die Bilder des Rückens nicht angefordert hatte, beziehungsweise diese nicht gemeinsam mit dem Radiologen bewertet habe. "Da hätte man nachhaken müssen." Gefordert ist ein Schmerzensgeld im fünfstelligen Bereich.

Für die Familie Fiedler steht dieses Wochenende noch die Erfüllung ihres Herzenswunsches mit dem Hospizmobil des Bayerischen Roten Kreuzes an. Am Freitag geht es nach Berlin.

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Mike Fiedler (links) mit Rechtsanwältin Deniz Ciyiltepe-Pilarsky.
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