22.02.2021 - 12:22 Uhr
AmbergOberpfalz

Landgerichts-Vizepräsidentin Roswitha Stöber schließt Aktenordner

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Neun Jahre lang hat Roswitha Stöber die Erste Strafkammer und das Schwurgericht beim Landgericht Amberg geführt. Nun geht die Vizepräsidentin in Pension. Sie sagt: "Manches vergisst man rasch. Doch einige Prozesse bleiben im Gedächtnis."

Die Aktenregale im Schwurgerichtssaal sind leer, der letzte Prozess ist geführt: Nach einer langen juristischen Karriere, darunter neun Jahre als Vorsitzende der Ersten Strafkammer, geht die Landgerichtsvizepräsidentin Roswitha Stöber mit Ablauf des Monats Februar in den Ruhestand.
von Autor HOUProfil

Der letzte Fall ist verhandelt. Ein Betrüger, der unrechtmäßig Versicherungsgelder abkassierte. Zwei Jahre Haft mit Bewährung hat er nach relativ kurzem Prozess bekommen. Zuvor musste sich Richterin Roswitha Stöber durch vier Kartons mit Aktenordnern arbeiten. Eine zeitraubende Pflichtaufgabe, die aber unerlässlich ist für jemand, der in straffer Verfahrensführung zum Ziel gelangen will.

Die Erste Strafkammer beim Landgericht hatte in ihrer Nachkriegsgeschichte eine Reihe von Vorsitzenden. Dem Gerichtsreporter sind Namen in Erinnerung geblieben: Georg Wilhelm, Hans Nast, Karl Löb, Ludwig Mohr, Günter Müller, Klaus Demmel, Gerhard Maier. Am 1. Januar 2012 kam Roswitha Stöber ins Amt, vier Wochen später wurde sie Vizepräsidentin des Landgerichts.

Gebürtig in Franken

Neun Jahre führte die aus Franken stammende Richterin die oberste Instanz der Rechtsprechung im Landgerichtsbezirk Amberg. So lange, wie keiner ihrer Vorgänger. Ein steiler Karriereweg hatte dorthin geführt. Stationen: Zivilrichterin und Staatsanwältin in Amberg, Richterin am Nürnberger Oberlandesgericht, Beisitzerin in OLG-Strafsenaten und später die gleiche Position in der Ersten Strafkammer des LG Amberg.

An der Seite des souverän führenden Klaus Demmel sammelte Roswitha Stöber damals weitere Erfahrungen und rückte ersatzweise an Demmels Stelle, als ein bis heute nicht nur in Juristenkreisen diskutierter Prozess begann. Es ging um eine Schießerei zwischen rivalisierenden Rockerbanden in Premberg (Kreis Schwandorf). Demmel hatte zuvor als Oberstaatsanwalt in diesem Fall ermittelt. Deswegen konnte er nicht als Richter im gleichen Verfahren auftreten.

Weit über 200 Prozesse

Wenn Roswitha Stöber über die nun hinter ihr liegenden neun Jahre als Vorsitzende der Strafkammer und des Schwurgerichts spricht, dann nimmt sich das aus wie ein Streifzug durch die jüngere Vergangenheit der Schwerkriminalität in den Bereichen Amberg und Schwandorf. "Manche Fälle vergisst man, andere bleiben für immer im Gedächtnis", sagt sie. Allen voran die Frau aus Pfreimd, die ihren Ehemann mit einem Jagdgewehr erschoss. Zunächst hatte alles nach einer Selbsttötung ausgesehen. Doch dann kam man der 34-Jährigen auf die Schliche. Als im Jahr 2013 der Prozess begann, hatte Roswitha Stöber im Amberger Landgerichtsgebäude einen als Tatort in Pfreimd genutzten Kellerraum originalgetreu nachbauen lassen. Die Angeklagte bekam lebenslange Haft.

Geschätzt weit über 200 Verbrechen und Vergehen hat Roswitha Stöber während der neun Jahre im Gerichtssaal aufgerollt und beleuchtet. In ruhiger sachlicher Art, aber auch sehr bestimmt, wenn Situationen zu entgleisen drohten. Betrüger, Brandstifter, Räuber, Einbrecher, Sexualstraftäter, Totschläger und Mörder saßen vor ihr. Da war der Mann aus Schnaittenbach, der seine Frau erstach und der Sohn, der seine eigene Mutter beraubte. "Das vergisst man nicht", sagt die Vizepräsidentin.

Serie von Brandstiftungen

Vor Roswitha Stöber wurden Betrügereien im Zusammenhang mit Blockheizkaftwerken ebenso verhandelt wie eine Serie von Brandstiftungen im Amberger Dreifaltigkeitsviertel und kriminelle Winkelzüge, die bis auf die Ferieninsel Mallorca führten. Und dann war da noch eine in ihren Auswirkungen tragisch endende Wildschweinjagd bei Nittenau, in deren Verlauf der Beifahrer eines zufällig vorüberkommenden Autos von der Kugel eines Jägers tödlich getroffen wurde.

Tödlicher Jagdunfall in Nittenau

Amberg

Gab es im Gegensatz dazu auch einen kuriosen Fall? Die Juristin schmunzelt und lenkt den Blick auf einen Tschechen, der aus seiner Heimat nach Amberg fuhr und am Bankschalter einen gefälschten Scheck über 150 Millionen Euro einlösen wollte. Dreieinhalb Jahre bekam er im April 2017 dafür. Ein anderer Betrüger erschien erst gar nicht zum Prozess. Stattdessen ließ seine Ehefrau wissen, ihr Gatte sei in Vorderasien, um dort nach verschwundenem Geld zu suchen. Mit Haftbefehl wurde er später festgenommen und erzählte der Strafkammer eine abenteuerliche Geschichte.

All das nimmt Roswitha Stöber mit in den nun beginnenden Ruhestand, von dem sie sagt: "Ich werde mich wohl erst daran gewöhnen müssen, nicht mehr ins Büro zu gehen." Lebenslange Haft hat sie mehrfach verhängt, Sicherungsverwahrung nur ein einziges Mal angeordnet. Diese Maßnahme traf einen Sexualstraftäter. Bei extrem schlimmen Gewaltverbrechen kann ein Gericht auch die besondere Schwere der Schuld feststellen und damit dafür sorgen, dass eine Freilassung des Täters nach frühestens 20 Jahren geprüft wird. "Das", weiß Roswitha Stöber, "war während meiner Zeit als Vorsitzende nicht der Fall."

Büro schon ausgeräumt

Wenn Roswitha Stöber in den vergangenen Jahren auf dem ihr zustehenden Stuhl der Vorsitzenden Platz nahm, setzten sich zu den Schöffen auch zwei Juristen neben sie, die zu einem, wenn man so will, eingespielten Team gehörten: Richter Christian Frey und Richterin Jacqueline Sachse. "Beiden", unterstreicht die Vizepräsidentin, "bin ich sehr dankbar."

"Ich werde mich wohl erst daran gewöhnen müssen, nicht mehr ins Büro zu gehen."

Landgerichts-Vizepräsidentin Roswitha Stöber über den Ruhestand

Das Büro im Landgerichtsgebäude ist ausgeräumt und am 23. Februar wird der 65. Geburtstag gefeiert. Ab 1. März wird Stöbers Nachfolgerin als Vizepräsidentin dort einziehen. Sie heißt Jutta Schmiedel, kommt aus Nürnberg, war Oberstaatsanwältin und arbeitete zuletzt als Leiterin der Insolvenzabteilung beim Nürnberger Amtsgericht.

Ein Fall für Richterin Stöber

Schwandorf
Mordprozess Gattenmord: Einmalig in der Amberger Justizgeschichte: Im Landgericht wurde das Zimmer nachgebaut, in dem der tödliche Schuss fiel.
Der kurioseste Prozess: Vor der Ersten Strafkammer saß ein Tscheche, der bei einer Amberger Bank einen gefälschten Scheck über 150 Millonen Euro einlösen wollte. Der Betrüger, noch im Geldinstitut festgenommen, bekam dreieinhalb Jahre Gefängnis.

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