28.12.2020 - 10:45 Uhr
AmbergOberpfalz

Lebensgefährlicher Arbeitsplatz: Die Autobahn

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Jeder von ihnen hat hier schon mal eine brenzlige Situation erlebt: Vertreter von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Autobahnmeisterei sprechen über einen lebensgefährlichen Arbeitsplatz – die Autobahn.

Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, was diese Trümmer einmal waren: Ein Lkw hat hier auf der Autobahn ungebremst einen Warnanhänger gerammt, der auf Mäharbeiten hinweisen sollte.
von Heike Unger Kontakt Profil

Hans Schwemmer von der Autobahnmeisterei Lauterhofen/Schwandorf legt ein Foto auf den Tisch: Ein Haufen Trümmer vor einem demolierten Lkw-Führerhaus. Man muss schon genau hinschauen, um noch zu erkennen, was diese Bruchteile einmal gewesen sind – ein Anhänger mit einer großen Warntafel, der auf Bauarbeiten auf der Autobahn hinweisen sollte. Ein Bild, das zeigt, was abgelenkte Fahrer und Raserei auf den Autobahnen anrichten können. Für die Teilnehmer einer Gesprächsrunde bei der Amberger Verkehrspolizeiinspektion (VPI) ist das der ganz normale Arbeitsalltag. Wie lebensgefährlich der auf dem "Arbeitsplatz Autobahn" ist, darüber sprechen VPI-Leiter Tobias Mattes, Hans Schwemmer, der Leiter der Autobahnmeisterei Lauterhofen/Schwandorf, Florian Himmelhuber vom Rettungsdienst/BRK-Kreisverband Amberg-Sulzbach und Kreisbrandrat Fredi Weiß.

Zwei Polizeibeamte sterben nach einem Unfall auf der A6

Amberg

Über die beiden Amberger Polizisten, die kurz vor Weihnachten bei der Unfallaufnahme auf der A6 von einem Auto erfasst wurden und ums Leben gekommen sind, will die Runde nicht sprechen. Wegen der noch laufenden strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Verursacher. Trotzdem sind die schrecklichen Ereignisse spürbar präsent: Alle vier waren an der Unfallstelle im Einsatz. Und nicht nur für VPI-Chef Mattes, auch für anderen am Tisch, haben zwei "Kollegen" ihr Leben verloren. Dass sie, wenn sie ihren Dienst auf der Autobahn tun, beinahe täglich in lebensgefährliche Situationen geraten, sei inzwischen tatsächlich ganz normal.

Ungebremst von Lkw gerammt

Hans Schwemmer spricht von einem Schwandorfer Kollegen, der deshalb jetzt den Dienst quittiert hat. Ein junger Mann, der eine sichere Vollzeitstelle aufgegeben hat, weil er es nicht mehr erträgt, was bei der Arbeit auf der Autobahn abgeht – so fasst es Schwemmer zusammen. Der nun ehemalige Kollege (35) saß Anfang Juli in einem jener Fahrzeuge mit gelbem Blinklicht und Anhänger mit großer, weiß-rot gestreifter Warntafel, mit denen die Meisterei auf Tagesbaustellen hinweist. Ein Lkw-Fahrer hat den orangen Laster ungebremst gerammt: Das Foto mit den Trümmern dokumentiert den Schaden. Was es nicht zeigt, ist, dass der 35-jährige Mitarbeiter der Autobahnmeisterei verletzt wurde. Genau wie rund ein Jahr zuvor, als er er dieses Schreckensszenario schon einmal miterlebt hatte. "Jetzt hat er den Dienst quittiert, bevor das noch ein drittes Mal passiert", und er vielleicht nicht mehr das Glück habe, so einen Unfall zu überleben, sagt Schwemmer.

Instandsetzung, Pflege, Müllabfuhr, Verkehrssicherung: Dafür ist die Autobahnmeisterei zuständig. Und die Zahl der Tagesbaustellen steigt, wie Schwemmer sagt. In diesen Fällen warnen "die Orangen", wie er seine Mitarbeiter wegen der Farbe ihrer Dienstkleidung und -Fahrzeuge nennt, die Verkehrsteilnehmer in mehreren Etappen durch Anhänger mit großen Warnschildern mit gelben Blinklichtern. Und trotzdem werden die oft übersehen. Oder auch schlichtweg ignoriert. Die Folge: "Der Arbeitsplatz Autobahn ist brandgefährlich. Egal, ob hier Gelb- oder Blaulicht warnt – es wird rücksichtslos gefahren."

"Die Aggression wird schlimmer"

Schwemmer sagt, "wenn wir Glück haben, fahren sie mit knapp 100 an der Baustelle vorbei". Ein bis zwei "kleinere" Unfälle pro Woche, zum Beispiel "ein Spiegelstreifer", sind längst die Regel. Aber jede Autobahnmeisterei hat auch schon Unfälle erlebt, "bei denen richtig Kleinholz gemacht wurde". Egal, ob groß oder klein: "Jeder Unfall ist einer zuviel", betont Schwemmer – und ist froh über jeden Tag, an dem seine Leute wieder heil vom Dienst zurückkommen. Seine Erfahrung: "Die Aggression der Verkehrsteilnehmer wird schlimmer. Sie sehen uns als lästig an – obwohl wir für ihre Verkehrssicherheit sorgen."

Für Sicherheit sorgen sollen eigentlich auch Warnlichter: Das Blaulicht an Einsatzfahrzeugen von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst. Oder die gelben Blinklichter der Nissenleuchten, zum Beispiel vor und an Baustellen. "Aber das beeindruckt überhaupt nicht", weiß auch Kreis-Feuerwehr-Chef Fredi Weiß. Entsprechende Unfälle zeigten, "das das alles nichts nützt, wenn mit unangepasster Geschwindigkeit gefahren wird". VPI-Leiter Mattes bestätigt das anhand der Statistik der Autobahn-Unfälle: "Thema Nummer eins ist da die Geschwindigkeit, dann kommt der Abstand, dann Ablenkung." Die beiden letzten Aspekte betreffen besonders Lastwagenfahrer. Auch sie verursachen Unfälle. Beim Thema Geschwindigkeit "sind unser Problem aber die Pkw" und da speziell die Raser. "Ich weiß, das ist ein brisantes Thema. Aber wir haben auf der Autobahn eine Richtgeschwindigkeit. Die ist 130 – nicht 250."

Genug Zeit, vom Gas zu gehen

Dass Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn ein Einsatzlicht nicht wahrnehmen, kann Mattes nicht nachvollziehen. "Das LED-Blaulicht sehe ich auch nachts auf 1000 Meter." Genug Zeit also, um vom Gas zu gehen. Doch oft genug geschehe das nicht. Dann, merkt Mattes an, müsse man aber fragen, ob der Fahrer überhaupt geeignet ist, ein Fahrzeug zu führen. Der Mitarbeiter der Autobahnmeisterei, dessen Fahrzeug von einem Lkw gerammt wurde, saß in diesem Moment selbst in einem schweren Laster von mindestens 18 Tonnen. Das ist Vorschrift. Geholfen hat es nichts.

Florian Himmelhuber schaudert es immer, wenn er darüber nachdenkt. Denn die Fahrzeuge des Rettungsdienstes sind keine schweren Laster, die einen gewissen Aufprallschutz bieten. "Eigentlich ist unser Auto hinten nur Sperrholz. Wenn uns da jemand reinknallt, bleibt nicht viel übrig." Himmelhuber versteht auch nicht, wie jemand mit 200 Sachen am Rettungswagen vorbeirasen kann. Der könne auch mit Blaulicht durchaus mal etwas langsamer unterwegs sein, weil die Retter beispielsweise eine Unfallstelle suchen oder einen Patienten transportieren, der nicht durchgerüttelt werden darf: "Wenn ein Fahrzeug mit Blaulicht fährt, dann ist es nicht zum Spaß unterwegs", sagt Himmelhuber: "Und dann blendet hinter dir einer auf mit Tempo 160."

Oft unterschätzt: Der Bremsweg

Auch wenn es auf einem Autobahnabschnitt kein Tempolimit gebe, gelte doch die Straßenverkehrsordnung, betont Mattes. Und die schreibt vor, dass man immer nur so schnell fahren darf, dass man sein Fahrzeug noch beherrschen kann. Und dass man rechtzeitig halten kann, wenn dies erforderlich wird. Auch das unterschätzen viele, wie Mattes bei einem Blick auf eine Bremsweg-Tabelle meint: Bei Tempo 100 beträgt der normale Bremsweg 100 Meter. Nur bei einer sogenannten "Schockbremsung" sind es 50 Meter – doch so "voll in die Eisen" steigen Fahrer nur, wenn sie das wirklich gelernt haben, zum Beispiel in einem Fahrertraining. Bei 200 km/h wächst der normale Bremsweg schon auf 400 Meter.

Mattes hat noch andere Zahlen dabei. Die von Unfällen, bei denen die VPI Leidtragender war, weil andere Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn Ausrüstung wie Leitkegel oder Nissenleuchten oder gar Polizeiautos angefahren haben: 9 solcher Unfälle waren es 2016, 2019 waren es 14 und heuer 21. Vor dem aktuellen Unfall der beiden tödlich verunglückten Kollegen seien glücklicherweise nur Sachschäden entstanden. "Aber darüber entscheidet oft der Zufall. Wir hatten viele Jahre Glück. Aber irgendwann hat man halt kein Glück mehr." An diesem Punkt wird Mattes sehr deutlich in Richtung Autobahn-Raser. Denn diese spielten "mit dem Leben von Menschen, das muss man so knallhart sagen". Jeder von ihnen müsse sich fragen, "ab welcher Geschwindigkeit nehme ich billigend in Kauf, dass ich jemanden gefährde, verletze oder töte?" Dabei seien gerade die Autobahnen eigentlich von der baulichen Ausstattung her, "der sicherste Verkehrsraum. Das einzige, was ihn unsicher macht, ist der Mensch".

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