24.07.2020 - 10:52 Uhr
AmbergOberpfalz

Leopoldkaserne in Amberg: "Auf den überregionalen weißen Ritter wartet man, bis man schwarz wird"

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Manchen fehlt der Mut und sind phantasielos: Dabei bieten ehemalige Industrie- und Militärareale viel Platz, um Ideen zu entwickeln. Städte müssen sich immer fragen: Was kann ich selbst leisten? Das sagt Immobilienexperte Philipp Feldmann.

Verwaist und etwas verwildert steht das militärische Jugendstil-Schmuckstück da. Seit Frühjahr 2018 wartet die Leopoldkaserne in Amberg auf eine Nachnutzung.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Ein Blick von außen: Dr. Philipp Feldmann hat sich 2009 im Zuge seiner Dissertation mit dem Titel „Die strategische Entwicklung neuer Stadtquartiere – unter besonderer Berücksichtigung innenstadtnaher oder innerstädtischer brachgefallener Industrieareale“ an der International Real Estate Business School der Universität Regensburg mit dem Thema auseinandergesetzt.

ONETZ: Herr Feldmann, ist in der modernen Stadtplanung der Wohnungsbau allein ausschlaggebend für die Entwicklung neuer Quartiere?

Philipp Feldmann: Um es kurz zu sagen: Es muss nicht immer Wohnen sein. Seit der Finanzkrise funktioniert das aber besonders gut, denn die Nachfrage ist groß. Dauerhaft niedrige Zinsen, steigende Mieten – das erhöht den Druck auf die Städte. Es gab einen Wandel in den Lebensmodellen: Wer früher Kinder hatte, wollte ins Grüne hinaus mit Haus und Hund. Heute bleibt man eher in der Stadt, weil sie attraktiver geworden ist. Ein häufiger Effekt in der Stadtplanung: Alles, was in der Stadt passiert, soll dann dem Wohnen dienen.

ONETZ: Wenn eine Kommune die Möglichkeit hat, ein Viertel völlig neu zu denken: Was darf Ihrer Meinung nach auf keinen Fall vergessen werden?

Feldmann: Am Ende muss aus dem Ort ein Stück Stadt geworden sein. Soziale Elemente spielen eine große Rolle: Der Ort soll identitätsstiftend sein, darf nicht wie ein Fremdkörper wirken und bindet die Umgebung ein. Genauso wie die Menschen im Prozess. Doch Vorsicht: In Werkstattverfahren denken die Leute oft, dass alles umgesetzt wird, was sie vorschlagen. Man muss die Balance finden und manchmal auch radikale Entscheidungen treffen und umsetzen.

ONETZ: Haben Sie Beispiele?

Feldmann: Etwa als in Hamburg der Vorschlag aufkam, den Hafen aus der Stadt zu schmeißen. Heute sieht man in der Hafencity, dass es funktioniert. In Tübingen wurde aus der französischen Garnisonsstadt ein verkehrsfreies Gebiet, man verpflichtete die Bauherren, Gewerbe und Wohnen zu verknüpfen. Im Erdgeschoss entstanden Büros, oben Wohnflächen. Es ist ein sehr urbanes Quartier. Wobei die Idee der Verkehrsfreiheit ein Schuss in den Ofen war. Die Leute sollten in zentralen Parkgaragen, die ständig kaputt waren, ihr Auto abstellen. Oft kamen sie morgens nicht an ihr Auto. Der Verkehr gehört immer noch zu unserer Lebenswelt. Auch wenn es gefühlt weniger wird.

Auch die AZ-Redakteure haben Ideen für die Leopoldkaserne

Amberg

ONETZ: Stichwort: Mobilität. Wie gehen die Planer am besten mit den veränderten Wünschen der Menschen um?

Feldmann: Die Lösung für ein neues Quartier leitet sich letztlich von der Zielgruppe ab. Es darf kein Mobilitätsdogma ausgerufen werden, das einzelne ausschließt. In Tübingen sind die Anwohner gezwungen worden, in zentralen Garagen ihr Auto zu parken. Man muss sich auch die Frage stellen: Was ist, wenn die Idee nicht funktioniert? Und man sollte sich Alternativen überlegen, wie Carsharing, gibt es einen Kickboard-Anbieter oder etabliert der Stromanbieter E-Scooter zum Leihen?

Dr. Philipp Feldmann hat einen Lehrauftrag an der Universität Regensburg inne. Dort beschäftigt er sich mit Projekt- und Quartiersentwicklung.

ONETZ: Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit der strategischen Entwicklung neuer Stadtquartiere auseinandergesetzt. Besonders im Fokus waren innenstadtnahe, innerstädtische brachgefallene Industrieareale und ehemalige militärische Anlagen. Welche Möglichkeiten sehen Sie aus der Ferne für die Amberger Leopoldkaserne?

Feldmann: Soziale, städtebauliche und wirtschaftliche Aspekte müssen in Einklang stehen. Ein gutes Quartier nimmt die Bezüge der Umgebung auf. Von oben ist die Leopoldkaserne heterogen. Mit der Molkerei im Norden, südlich dem Gewerbe, im Osten Wohnen und im Westen die Vils mit den Eisenbahngleisen, ist das Gebiet nicht einfach zu entwickeln. Zudem spielt der Denkmalschutz eine Rolle. Also muss ich eine ganz eigene Form, einen eigenen städtebaulichen Typus schaffen und auf der ganzen Fläche durchsetzen.

ONETZ: Das heißt konkret?

Feldmann: Meine Empfehlung: Die denkmalgeschützen Riegel dort erhalten, wo es sinnvoll ist, und kleinteilig nachverdichten. Ich denke eher an Würfel statt an Riegel. Das macht es kompakt und nicht jeder braucht einen Vorgarten in dem Quartier. Zusätzlich würde ich Hochpunkte setzen: Der typisch militärische Kopfbau dieser Zeit muss hervorgehoben werden. Mit ihm muss etwas Besonderes passieren.

ONETZ: Haben Sie da eine Idee?

Feldmann: Oft ist es gut, wenn eine Stadt eine Initialzündung vorgibt. Sich etwa bereit erklärt, selbst Teile der Verwaltung dorthin zu verlagern oder ein Museum, die VHS, die Musikschule. Den Denkmalschutz würde ich an dieser Stelle zelebrieren und zum Gesicht des Quartiers machen. In der Nutzung sollte es eine gute Mischung aus Wohnen, kleinteiligem Gewerbe wie Büros oder Arztpraxen, Kultureinrichtungen oder Ateliers sein. Ich habe schon häufiger mit dem Zoll verhandelt und weiß: Auf den weißen Ritter von Überregional zu hoffen, da kann man warten, bis man schwarz wird. Es kann, aber muss nicht passieren.

Das ist der aktuelle Stand bei der Leopoldkaserne

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ONETZ: Haben Sie den Eindruck, dass viele Städte zu phantasielos sind, wenn es darum geht, neue, moderne Quartiere zu entwickeln?

Feldmann: Bei manchen glaube ich das tatsächlich. Andere sind sehr mutig. Bei den ersten großen Quartieren, die zur Jahrtausendwende entwickelt wurden, war stets einer dabei, der richtig Mut hatte. Wie in Tübingen oder in Hamburg. Hier in Frankfurt ernte ich Kopfschütteln, wenn ich sage, dass die Messe aus der Stadt muss. Publikumsmessen sind völlig überaltert, der Messebesucher hat nichts mit der Stadt zu tun. Manchmal fehlt in Städten jemand, der sagt: Das machen wir jetzt so. Überlegungen muss man anstellen können, Tabus darf es nicht geben. Will die Stadt Amberg ihre Kaserne wirklich entwickeln, muss sie alles zur Disposition stellen. Die Lage des Rathauses, der Verwaltung, des Arbeitsamts. Wenn eine Stadt schon sagt, dass sie nicht hinaus will, wer soll es dann machen? Dann kommt am Ende vielleicht auch der Zoll. Er kommt sicherlich nicht, wenn es nur ein stilles Wasser und ein Schnittchen von der Wirtschaftsförderung gibt. Man muss bei einem solchen Projekt das politische Kostüm ausziehen und sich fragen: Wo wollen wir hin und welchen Beitrag können wir dazu leisten?

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