04.03.2020 - 18:30 Uhr
AmbergOberpfalz

Markus Söder in Amberg: "Näher am Menschen" ganz ohne Handschlag

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Das CSU-Motto "Näher am Menschen" wollte sich Markus Söder in Amberg zumindest bei der Begrüßung nicht zu eigen machen. Der Ministerpräsident verzichtete aufs Händeschütteln. Statt Finger wurden andere Dinge greifbar.

Stadtgespräch mit Markus Söder, Casino Wirtshaus
von Uli Piehler Kontakt Profil

Es war wie bei der Fernsehsendung "Jetzt red i" - nur nicht so spannungsgeladen. Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender Markus Söder war am Mittwochnachmittag ins Casino-Wirtshaus gekommen, um mit Bürgern zu sprechen. Die Gaststube war zum Bersten voll, etliche Gäste hörten eineinhalb Stunden im Stehen zu, was Söder zu sagen hatte.

Eindrücke aus dem Casino-Wirtshaus

Den Defiliermarsch legte Wirt Hans Graf nicht auf, stattdessen schallte die Filmmusik von Star Wars aus den Lautsprechern, als der Ministerpräsident zur Tür hereinkam. "Ich seh' hier zwar ein paar Jedi-Ritter mit am Tisch hocken, aber solange keiner von der dunklen Seite der Macht da ist, fühle ich mich ausgesprochen wohl", nahm der 53-Jährige die musikalische Begrüßung freundlich auf.

Hier gibts die Bilder vom "Stadtgespräch"

Es ging um die große und kleine Politik, aber über weite Teile auch um Privates. Und plötzlich galt das Motto der CSU wieder, ganz ohne Händeschütteln. Söder, der Sohn eines Maurers, erzählte von seiner Kindheit im Nürnberger Stadtteil St. Leonhard und warum er als Jugendlicher oft in Amberg war. "Für mich war Amberg damals das absolute Wimbledon von Deutschland", erinnerte er an die glorreichen Zeiten des TC am Schanzl. Sein Tennisverein fuhr damals immer mit dem Kleinbus an die Vils, um den Bundesliga-Spielen zuzusehen.

"Ja, die Franken kommen schon immer gern in die Oberpfalz, um Leistung zu sehen", frotzelte Oberbürgermeister Michael Cerny und in der Gaststube kam Stimmung auf. Genau von solchen Momenten lebte das Wirtshaus-Gespräch und ähnliche Dialoge gab es mehrere. Zum Beispiel als Cerny von seiner Kinderzeit im D-Programm erzählte, als er Präsident einer Buben-Bande war, die sich "Der Geheimbund" nannte. Der Oberbürgermeister schilderte, wie er geprägt wurde als Ministrant, Mitglied in der katholischen Jugendgruppe und später im Pfarrgemeinderat. "Bei der Kirwa darf ich dann am Grill stehen. Bei mir hat's zum Bratwurstbrater gereicht und bei dir zum Synodalen in der evangelischen Kirche."

Anfang Januar 2019 besuchte der Ministerpräsident die Nachbarstadt Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Es wurde aber nicht nur gefeixt im Casino. Die Gäste waren ja aufgerufen worden, auf Zetteln Fragen einzureichen. Und mehrere der Einreichungen beschäftigten sich mit dem Thema Coronavirus. Söder stellte die Forderung nach einem Pharmagipfel auf, "um zu überlegen, wie diese Unternehmen nicht nur im Ausland produzieren und in Deutschland verkaufen. Sondern wie sie auch sicherstellen können, dass das, was sie verkaufen wollen auch dort verkauft werden kann, wo es gefragt ist". Auch ein "engeres Zusammenspiel zwischen den Gesundheits-Playern" sei nötig. "Die derzeitige Gesundheitsministerin hat kein Adressenverzeichnis aller Ärzte, weil das alles in der Selbstverwaltung ist." Hier müsse effektiver zusammengearbeitet werden.

Auch das Flüchtlingsdrama, das sich derzeit an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei abspielt, kam zur Sprache. Söder plädierte dringend für eine gemeinsame europäische Lösung. "Zur Türkei kann ich nur eines sagen: Es ist inakzeptabel, mit dem Schicksal von Menschen spielen zu wollen, um bessere Bedingungen für ein Abkommen zu erhalten. Das geht nicht." Über die Griechen sagte er: "Bitte lassen wir sie nicht allein, helfen wir ihnen und fallen ihnen nicht in den Rücken."

Es war gegen 16 Uhr, als Landtagsabgeordneter Harald Schwartz seinem Parteichef das Handy reichte. Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm Söder die Wahl Bodo Ramelows zum thüringischen Ministerpräsidenten zur Kenntnis, sagen wollte er dazu nichts. Privates, Welt- und Bundespolitik Thema in der Gaststube - aber natürlich auch Amberg. So dankte Cerny für die Strukturhilfe: "Die Ansiedlung des Landesamtes für Pflege war für Amberg eine weitere Jahrhundert-Entscheidung." Söder revanchierte sich mit einem Kompliment an den Oberbürgermeister, das bereits bei der AZ-Podiumsdiskussion im Ring-Theater mit Beifall bedacht wurde.

Vier Wochen vor der Kommunalwahl trafen sich die Amberger OB-Kandidaten zur Podiumsdiskussion

Amberg

"Es gab einmal diese kurze Phase, als in einem Januar der Eindruck entstand, hier könnte ein neues Chemnitz entstehen", lenkte Söder den Blick auf den Medien-Hype um die Prügelattacke von jungen Asylbewerbern am Amberger Bahnhof. "Da kann viel Schaden für eine Stadt entstehen. Ich fand, du hast das damals bravourös gemacht, Dinge anzusprechen, ohne zu übertreiben, Probleme zu lösen, ohne in Panik zu verfallen." Da war Söder und Cerny der Applaus sicher.

Obwohl wegen des grassierenden Coronavirus Abstand geboten war - im Casino waren Protagonisten und Zuhörer natürlich ganz eng miteinander. Rein räumlich war das bei dem Andrang gar nicht anders möglich.

Info:

Hintergrund

Das Casino-Wirtshaus war nicht ganz zufällig für den Bürgerdialog mit Markus Söder gewählt. CSU-Kreisvorsitzende Michaela Frauendorfer und Oberbürgermeister Michael Cerny wollten dem Ministerpräsidenten das Stadttheater zeigen, das ja saniert und mit einem barrierefreien Zugang ausgestattet werden soll. Söder roch den Braten ziemlich schnell und schwärmte sofort von der Schönheit des kulturellen Kleinods. "Das sieht so gut aus, da braucht ihr gar kein Geld", fuhr er dem Oberbürgermeister ein bisschen in die Parade. Später griff Cerny das Thema noch einmal auf und versicherte, dass die Stadt alles tun werde, um die Vorgaben für eine finanzielle Unterstützung durch den Freistaat zu erreichen. Da brauchte sich der Ministerpräsident dann nicht mehr weit aus dem Fenster zu lehnen: „Wenn du die Kriterien erfüllst, ist die Förderung ziemlich leicht.“

Kommentar:

Von Söder lernen

Dass es familiär zuging im Casino-Wirtshaus, dafür sorgte nicht nur das Ambiente der Gaststube mit dem Kachelofen im Eck. Der Besuch von Markus Söder in Amberg hatte auch deswegen etwas Heimeliges, weil es der 53-Jährige mehr und mehr schafft, den Landesvater zu geben. Chapeau vor dieser Leistung. Was war der Nürnberger bis 2003, als Vorsitzender der Jungen Union, auf den Arm genommen worden. Als Schoßhündchen von Edmund Stoiber wurde er tituliert, als unwichtigster Minister im Kabinett Beckstein verlacht. Jetzt ist er Ministerpräsident, CSU-Chef, deutschlandweit einer der angesehensten Unionspolitiker und spricht demnächst ein Wörtchen bei der Kanzlerfrage mit. Von Söder kann man lernen. Auch in der Kommunalpolitik. Das hat die Amberger CSU natürlich begriffen. Der Besuch hat den Wahlkämpfern Michael Cerny, Michaela Frauendorfer und Dieter Mußemann sicherlich gut getan. Und der Generation, die nach ihnen kommt, auch.

Uli Piehler

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Ulrich Kreillinger

Man stört ja die CSU-Harmonie ungern, aber am Tag des Söder-Besuches in Amberg fand in Hanau eine Trauerveranstaltung wegen des rassistischen Mordes an neun Mitbürgern statt. Der Oberbürgermeister dieser Stadt verwies mit Nachdruck darauf, dass es sich bei den Ermordeten nicht um Fremde, sondern um Mitbürger der Stadt Hanau gehandelt habe. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat auf diesen Tatbestand hingewiesen. Der Rechtsextremismus stellt die größte Gefahr in Deutschland dar und muss entschlossen bekämpft werden! Die Berichterstattung über den Söder-Besuch enthält viele erheiternde und nachbetrachtende Details, zu den schrecklichen Ereignissen in Hanau war ihm jedoch nichts zu entnehmen. Wegen der Aktualität dieses traurigen Kapitels wäre eine Stellungnahme wünschenswert gewesen!

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Man stört ja die CSU-Harmonie ungern, aber am Tag des Söder-Besuches in Amberg fand in Hanau eine Trauerveranstaltung wegen des rassistischen Mordes an neun Mitbürgern statt. Der Oberbürgermeister dieser Stadt verwies mit Nachdruck darauf, dass es sich bei den Ermordeten nicht um Fremde, sondern um Mitbürger der Stadt Hanau gehandelt habe. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat auf diesen Tatbestand hingewiesen. Der Rechtsextremismus stellt die größte Gefahr in Deutschland dar und muss entschlossen bekämpft werden! Die Berichterstattung über den Söder-Besuch enthält viele erheiternde und nachbetrachtende Details, zu den schrecklichen Ereignissen in Hanau war ihm jedoch nichts zu entnehmen. Wegen der Aktualität dieses traurigen Kapitels wäre eine Stellungnahme wünschenswert gewesen!

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