26.09.2021 - 16:36 Uhr
AmbergOberpfalz

Neues Konzept: Der Grünstreifen als wertvoller Lebensraum

Natürlich muss hier auch gemäht werden, wegen der Verkehrssicherheit. Aber die Grünflächen neben den Straßen können auch wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen sein: Das Staatliche Bauamt nutzt dafür jetzt neue Konzepte.

Hier ist der "Straßenbetriebsdienst" im Einsatz: Die Straßenmeisterei mäht an der B 85 bei Schäflohe den Grünstreifen. Dabei beschreitet sie aber neue Wege, lässt bewusst auch Bewuchs stehen.
von Heike Unger Kontakt Profil

Das Volksbegehren "Rettet die Bienen" gab den Anstoß, auch bei den Mäh- und Pflegekonzepten für die Grünflächen an Bundes- und Staatsstraße neue Wege für mehr Ökologie und Artenschutz einzuschlagen, berichtet Stefan Noll, der zuständige Abteilungsleiter des Staatlichen Bauamts Amberg-Sulzbach, bei einem Ortstermin an der B 85 bei Schäflohe: Anlässlich der bayerischen Klimaschutzwoche macht er auf das neue Mäh- und Pflegekonzept aufmerksam, das im Raum Amberg-Sulzbach seit diesem Jahr umgesetzt wird.

Im "Straßenbetriebsdienst", zu dem auch die Pflege des Grüns an den Bundes- und Staatsstraßen gehört, könne die Bauverwaltung "mit gutem Beispiel vorangehen", meint Noll. Zumindest dort, wo es die Verkehrssicherheit zulässt, werden die Grünflächen neben den Straßen deshalb jetzt als "Magergrünland" bewirtschaftet. Das heißt, dass man hier ganz bewusst nährstoffarme Flächen schaffen will, die viele Pflanzen und Tiere als Lebensraum brauchen, die aber in einer ansonsten landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Landschaft selten geworden sind. Dabei wären gerade solche Magerflächen "artenreich an Pflanzen, Kräutern, Insekten und Reptilien", betont Noll. "Diese Flächen gibt es in der Landwirtschaft nicht mehr – aber wir haben sie."

Grasstreifen bleiben stehen

Um solche Flächen zu erzeugen, haben die Behörde und ihre Straßenmeistereien die Häufigkeit, den Zeitpunkt und die Art der Pflege umgestellt. Dabei werden "an geeigneten Stellen Grünstreifen nur noch teilweise gemäht, um räumlich und zeitlich versetzt Rückzugsflächen für Insekten zu erhalten". Für den Laien sehe das durchaus "etwas unordentlich aus": Anrufer haben laut Noll schon nachgefragt, ob an der einen oder anderen Stelle vergessen wurde, fertig zu mähen. Nein – die entsprechenden Bereiche werden bewusst nicht zurückgeschnitten, wie Noll erklärt: Die Straßenwärter ließen nun entlang der Straßen "im Wechsel auf den extensiv bewirtschafteten Flächen Grasstreifen stehen oder führen die Mahd im Schachbrettmuster aus". Der Hintergrund: "Diese Brachstreifen bieten vielen Insekten einen Lebensraum", auch im Winterhalbjahr. Und weil auch dort, wo gemäht wird, mindestens zehn Zentimeter Bewuchs stehen bleiben, "werden bodennahe lebende Tiere geschützt".

Optimal wäre es, wenn das Mähgut auch entfernt werden könnte. Das ist aus betriebswirtschaftlichen Gründen aber nicht möglich, wie Noll erläutert – deshalb muss das Schnittgut liegen bleiben: Weil auf diesen Flächen auch viel Müll landet, ist das Mähgut kein Kompostmaterial, sondern müsste teuer als Hausmüll entsorgt werden. Deshalb bleibt das Material auf den Flächen liegen.

Das Bauamt unterscheidet bei der Grünpflege zwischen intensiven und extensiven Flächen. "Als Intensivflächen gelten insbesondere Bankette, Entwässerungsmulden, Sichtdreiecke an Kreuzungen und Trennstreifen – also all die Flächen, die unmittelbar entlang der Straße und in deren Sichtbereich verlaufen." Hier stehe die Verkehrssicherheit im Vordergrund, weshalb die Areale in der Regel zwei- bis dreimal pro Jahr gemulcht werden. "Allein das Staatliche Bauamt Amberg-Sulzbach betreut etwa über 1100 Hektar dieser Intensivflächen."

Wiesen mit Biotopqualität

Bei den Extensivflächen können ökologische Aspekte in den Vordergrund treten, betont Noll: "Wiesenflächen mit artenreichen Beständen oder Biotopqualität, die zur Vernetzung von Biotopen dienen." Sie werden nur noch abschnittsweise, schachbrettartig oder streifenweise gemäht, um artenreiche Magerstandorte zu schaffen und zu erhalten. Das erledigen die Straßenmeistereien. Bei besonders gut geeigneten, sogenannten "Auswahlflächen", werden dagegen externe Fachfirmen mit der Pflege beauftragt, die hier ausschließlich nach ökologischen Gesichtspunkten arbeiten. Areale, die dafür in Frage kommen, wurden 2020 durch Experten ausgewählt: 674 Auswahlflächen sind dabei beim Staatlichen Bauamt zusammengekommen, für die es jeweils konkrete Pflegekonzepte gibt. Bei 40 Hektar Auswahlflächen allein im Landkreis Amberg-Sulzbach ist das laut Noll natürlich "mehr Aufwand – das geht auch ins Geld". Er spricht von einer "neuen Ära in der Grünpflege".

Ist das Natur oder Schlamperei?

Amberg
Stefan Noll vom Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach erklärt, warum es für den Laien künftig zuweilen "ein bisschen unordentlich aussieht" am Straßenrand – weil Bereiche bewusst nicht gemäht werden.

 

 

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