19.05.2019 - 19:03 Uhr
AmbergOberpfalz

Nominierungskonferenz der SPD lässt Brigitte Netta abblitzen

Es ist 21.41 Uhr, als Uli Hübner ans Rednerpult tritt und einen Zettel in Händen hält, auf dem zwei Zahlen für die politische Zukunft von Bürgermeisterin Brigitte Netta stehen. Das Ergebnis einer Kampfabstimmung.

von Markus Müller Kontakt Profil

Es ging um Platz 7 auf der SPD-Stadtratsliste. Platz 7 ausgerechnet. Der war Brigitte Netta im Zuge der Listenaufstellung zweimal angeboten worden, doch sie hatte abgelehnt, wie OB-Kandidatin Birgit Fruth der AZ im Vorfeld erklärt hatte. Daraufhin war die Bürgermeisterin gar nicht mehr unter den 40 Namen auf der Liste aufgetaucht.

Als bei der Nominierungskonferenz am Freitag im Ring-Theater ein Mitglied wissen wollte, warum denn Netta sowie die Stadträte Hannelore Zapf und Daniel Holzapfel nicht mehr vorgeschlagen seien, grummelte Stadtverbandsvorsitzender Martin Seibert, zu einzelnen Namen werde er nichts sagen. Das produziere nur Schlagzeilen, die die Partei in ein schlechtes Licht rückten. Nur so viel: Die Liste sei vom Vorstand einstimmig verabschiedet worden.

Fruths Wunschliste

Dass es in der vorliegenden Form ihre "Wunschkandidatenliste" ist, hatte Frontfrau und Listenführerin Birgit Fruth eingangs deutlich gemacht: "Ich möchte die Leute hinter mir sammeln, die zu mir stehen, auch wenn es schwierig wird." Ihren 39 Mitstreitern rief sie zu: "Dieser Wahlkampf wird kein Zuckerschlecken, ich brauche euch."

Bei der Abstimmung über die Liste las Martin Seibert jeden Namen einzeln vor und fragte, ob es dazu eine Gegenkandidatur gebe. Schweigen im Walde. Erst bei Platz 7 ging die Hand von Florian Fuchs in die Höhe. Der Stadtrat, selbst schon zweimal OB-Kandidat, bekannte, der offenkundige Zwist liege ihm im Magen. Im Sinne eines guten Ergebnisses für die SPD solle man nicht auf die Kandidatur von Brigitte Netta verzichten. Er schlage sie deshalb für Platz 7 vor. Dort stand bis dahin die politisch noch nicht hervorgetretene Elisabeth Heuberger, die an diesem Abend entschuldigt war, "aus triftigem Grund", wie es Birgit Fruth formuliert hatte.

Brigitte Netta ("das ist eine schwierige Situation für mich") verwies auf ihre SPD-Mitgliedschaft seit 1981 sowie ihr Stadtratsmandat seit 1996, ehe sie zum entscheidenden Punkt kam: "Ich bin bereit zu kandidieren - für unsere Partei und ihre Anliegen und nicht gegen irgendetwas." Vorsitzender Martin Seibert ("wir werden hier keine schmutzige Wäsche waschen") ließ ohne Aussprache darüber abstimmen. Ergebnis: 41 Stimmen für Elisabeth Heuberger, 24 für Brigitte Netta. Das war so deutlich, dass Netta sogleich ablehnte, als Fuchs sie für Platz 9 ein weiteres Mal vorschlug: "Aus der heutigen Versammlung muss ein Signal der Geschlossenheit gehen, und von daher verzichte ich darauf."

Fuchs baut Brücke

Florian Fuchs, selbst auf Platz 20 eingestuft, brachte sein Vorstoß später ein relativ schlechtes Ergebnis mit 13 Nein-Stimmen (sonst waren es meist vier oder fünf). Das habe er aber einkalkuliert, äußerte er gegenüber der AZ. Er sei nicht bereit, "zu etwas zu schweigen, das ich für unvernünftig halte". Für ihn sei es ein Akt der Vernunft gewesen, für Brigitte Netta diese Brücke zurück in den Stadtrat zu bauen. Er habe ihr vorher gesagt, dass er sie vorschlagen werde, und sie sei einverstanden gewesen.

Und wie hätte Birgit Fruth reagiert, wenn Brigitte Netta auf die Liste gewählt worden wäre? "Das hätte ich zu 100 Prozent akzeptiert", sagte sie im Gespräch mit der AZ. Sie bedauere die Entwicklung sehr, denn Brigitte Netta sei eine "ganz honorige Frau, die schon viel für die SPD getan hat". Über die Bestätigung der Vorschlagsliste sei sie jedoch "total glücklich", so Fruth: "Ich brauche 40 Freunde, keine Grabenkämpfe. Bei uns stimmt die Chemie."

Kommentar:

Wie bei einer Scheidung

Brigitte Netta wollte sich nicht mehr weiter äußern, um vor der Europawahl nicht Öl ins Feuer zu gießen. Doch die Fakten liegen auch so offen zutage: Das Amt als Bürgermeisterin hat Netta den Rückhalt in ihrer Fraktion gekostet. Es kam zu einer Entfremdung, jetzt zur Trennung. Tatsächlich erinnert vieles an eine überraschende Scheidung von Eheleuten: Zum Schluss ist man so voneinander genervt, dass man nur noch raus will aus der Beziehung – ohne Rücksicht auf die Wirkung nach außen und ohne Hoffnung auf Versöhnung.
Natürlich ist allen Beteiligten klar, dass die Partei damit kein gutes Bild abgibt. Aber es galt wohl das Motto „lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“. Auch das kennt man, wenn Ehen zerbrechen.
Gibt es die Chance auf ein neues politisches Glück für Brigitte Netta? In der SPD nicht. Da stand sie bei ihrer Kampfkandidatur von vornherein auf verlorenem Posten. Unter den 65 Wahlberechtigten waren mehr als die Hälfte Kandidaten, die auf die neue Frontfrau Birgit Fruth eingeschworen waren. Aber ganz hinten im Raum saß Amberger-Bunt-Stadtrat Aydin Ayten. Wollte er nur schauen, wie sich sein Sohn auf der SPD-Liste schlägt? Möglich. Aber vielleicht hat er sich auch mehr für Brigitte Netta interessiert.

Markus Müller

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