25.11.2020 - 17:18 Uhr
AmbergOberpfalz

Notfallseelsorger Carsten-Armin Jakimowicz über die Trauerarbeit nach tödlichen Unfällen

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"Jeder plötzliche Tod ist tragisch", sagt Notfallseelsorger Carsten-Armin Jakimowicz. Besonders schlimm sei es aber für Hinterbliebene, wenn es jemanden gibt, der schuld an diesem Tod ist – zum Beispiel bei einem Verkehrsunfall.

Notfallseelsorger Carsten-Armin Jakimowicz.
von Heike Unger Kontakt Profil

Mit dem Amberg-Sulzbacher Notfallseelsorger Carsten-Armin Jakimowicz hat die Onetz-Redaktion nach einem Treffen mit Hinterbliebenen des tragischen Unfalls beim Kreisverkehr neben OTV gesprochen. Die Angehörigen hatten dieses Gespräch von sich aus gesucht, weil sie der Öffentlichkeit vermitteln wollten, wie belastend der Verlust ihrer Angehörigen und wie unverständlich die dann folgende gerichtliche Aufarbeitung dieses Unfalls für sie waren und noch immer sind.

Für Außenstehende schwer zu verstehen sein kann der Wunsch eines Angehörigen, den Verstorbenen unbedingt noch einmal sehen zu wollen – auch wenn er bei einem schweren Verkehrsunfall sehr schlimm verletzt wurde. Für Jakimowicz ist das nicht ungewöhnlich. Wenn ein Hinterbliebener diesen Wunsch äußere, versuche die Notfallseelsorge ihn umzusetzen. Diese letzte persönliche Begegnung sei aber "kein Muss", sie könne einen Angehörigen nämlich durchaus auch überfordern, sagt Jakimowicz.

Aus seiner Erfahrung wollen viele Hinterbliebene den Toten noch einmal sehen, ihn auch noch einmal anfassen, seine Hand ergreifen: Das sei tatsächlich "eine Hilfe, um zu be-greifen – im wörtlichen Sinn –, dass der Tod da ist". Die Notfallseelsorge begleite dies, bereite Hinterbliebene auch darauf vor, dass zum Beispiel das Gesicht des Verstorbenen abgedeckt ist, weil es gravierende Verletzungen zeigt. Für einen Angehörigen sei eine solche Begegnung grundsätzlich etwas anderes als für einen Außenstehenden, merkt Jakimowicz an: "Das ist ja der Vater, die Mutter, die Tochter. Das kann schon ein entlastender Moment sein." Dieser könne zum Beispiel Klarheit bringen, wenn sich der Angehörige frage, ob der Verunglückte nicht doch noch eine Chance gehabt hätte. Eine letzte Begegnung könne dann auch zeigen: "Es gab keine Möglichkeit, noch etwas zu tun."

Grundsätzlich sei "jeder plötzliche Tod tragisch und löst Trauerarbeit aus", erklärt der Notfallseelsorger. Noch schlimmer sei es, "wenn jemand schuld daran ist", beispielsweise bei einem Verkehrsunfall oder bei Gewalttaten. "Das macht es für Hinterbliebene schwieriger. Dann ist es eine zusätzliche Belastung, dass es nicht nur ein Unfall war, der passiert ist: Es gab eine Vorgeschichte". Wie wichtig ist es für Angehörige in solchen Fällen, dass sich der "Schuldige" bei ihnen meldet, etwa, um sein Bedauern zu äußern? Das werde sehr unterschiedlich empfunden, meint Jakimowicz. "Es gibt Fälle, wo Hinterbliebene sagen, ich will nichts hören oder sehen von dem Verursacher."

Andere erwarten eine Reaktion, eine Entschuldigung – und seien enttäuscht, "wenn dann nichts kommt". Jakimowicz gibt dabei zu bedenken: "Der Verursacher ist auch betroffen." Für ihn sei es "ein großer Schritt, die Kraft zu finden, sich der Konfrontation zu stellen", was nicht jeder könne. Und selbst wenn derjenige diesen Schritt gehe, "dann ist es ja damit nicht getan, das wird wieder eine Reaktion auslösen", mit der er dann auch wieder umgehen müsse.

Für die Notfallseelsorge ist es übrigens egal, mit wem sie es zu tun hat: "An der Unfallstelle kümmern wir uns um alle, die von dem Ereignis betroffen sind", betont Jakimowicz. Manches, was die Beteiligten belaste, komme erst im Lauf der Zeit zutage – dann sind die Notfallseelsorger nicht mehr da. Jakimowicz vergleicht das mit dem Rettungsdienst, der die Versorgung am Unglücksort übernimmt und die Patienten dann beispielsweise in stationäre Behandlung übergibt. Die Notfallseelsorge kann das auch tun, sie nennt Betroffenen Ansprechpartner, bei denen sie auch über die akute Situation hinaus Unterstützung finden.

Dass sich Hinterbliebene in einem Strafverfahren nicht ausreichend gehört fühlen, hat laut Jakimowicz damit zu tun, "wie unser Rechtssystem gestrickt ist": In einem Strafprozess, etwa nach einem schweren Verkehrsunfall, gehe es "vorrangig um das staatliche Interesse der Strafverfolgung. Da bleiben die Angehörigen erstmal außen vor." Sie könnten allerdings als Nebenkläger im Verfahren mitwirken. Für Angehörige sei es "grundsätzlich gut, zu wissen, dass es dieses Instrument gibt". Ob es für jeden der richtige Weg ist, könne man pauschal nicht sagen, macht Jakimowicz deutlich. Es sei eine sehr individuelle Sache, "ob man sich dem aussetzen will, dieser sachlichen Behandlung vor Gericht, wo nicht das persönliche Leid im Vordergrund steht".

Dauert es lange, bis der Fall vor Gericht kommt, oder auch, bis er dann rechtlich entschieden ist, "dann wird auch die Trauer künstlich in die Länge gezogen", erklärt Jakimowicz. Für die Hinterbliebenen bedeute das "mehr Trauerarbeit". Ganz wichtig seien für sie in jedem Fall Informationen. Unwissenheit belaste, das zeige sich zum Beispiel bei Flugzeugabstürzen, bei denen nicht alle Opfer gefunden werden. "Wir sehen das auch beim Überbringen der Todesnachricht", berichtet Jakimowicz. Wenn die Polizei danach gehe, bleibt der Notfallseelsorger noch bei den Angehörigen. "Wir sind länger da – da kommen dann viele Fragen" – und die Antworten seien wichtig für die Hinterbliebenen. Wenn man sie ihnen geben kann.

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