31.05.2021 - 12:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Raubgut in deutschen Museen: Zähes Ringen um Restitution afrikanischer Kulturgüter

Über velem, was hierzulande in völkerkundlichen Sammlungen glänzt, liegt der blutige Schatten der Geschichte. Jetzt will man Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben. Warum das nicht reicht, erläutert Kunstwissenschaftler Christoph Balzar.

Exemplare Benin´scher Bronzen in den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
von Anke SchäferProfil

Von Anke Schäfer

ONETZ: Herr Balzar, Deutschland will nun also ab 2022 damit beginnen, in hiesigen Museen befindliche Benin-Bronzen an Nigeria zurückzugeben. Für Sie eine wirklich gute Nachricht?



Christoph Balzar: Leider nein. Bei Restitution zählt die Absicht. Deutschland ist für Genozide und Ethnozide in vielen Ländern Afrikas verantwortlich. Die Beute in unseren Museen müssen wir deswegen zurückgeben, um Entschuldigung bitten und finanzielle Reparationen leisten. So etwas sollte aber aus Reue erfolgen, ähnlich wie sie Willy Brandt bei seinem Kniefall gezeigt hat. Der plötzliche Kurswechsel der Bundesregierung in der Sache der Benin'schen Bronzen ist aber auch auf andere, weniger lautere Gründe als Reue zurückzuführen.



ONETZ: Und die wären?

Christoph Balzar: Es ist Wahljahr, die öffentliche Meinung zu diesen Sammlungen hat sich maßgeblich verändert und das Auswärtige Amt hat die Restitutionsdebatte als Handlungsfeld entdeckt. Indem man Zugeständnisse im Bereich Kultur macht, will man diplomatischen, wirtschaftlichen und auch geostrategischen Einfluss in Afrika geltend machen. Das Auswärtige Amt spricht offen über derlei Interessen.



ONETZ: Erwarten Sie, dass der zum 29. Juni angekündigte, bindende Beschluss tatsächlich der angekündigten „substanziellen“ Rückgabe den Weg bereitet oder wird es vielleicht doch nur bei einem eher symbolischen Akt bleiben?



Christoph Balzar: Der Begriff "substanziell" ist in diesem Zusammenhang ein rhetorisches Hintertürchen. Was ist denn mit substanziellen Rückgaben von kolonialen Sammlungen gemeint? Geht es um Quantität oder um Qualität? Der amtierende Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat mit dieser Formulierung wieder einmal wortgewandt seine Aufgabe erfüllt: Die eigenen Sammlungen um jeden Preis im Land zu halten. Die Stiftung hat eine bereits 50 Jahre andauernde Geschichte erfolgreicher Lobby-Arbeit gegen die Restitutionsdebatte vorzuweisen, wie nicht zuletzt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy rekonstruiert hat.

ONETZ: Können Sie das näher erläutern?

Christoph Balzar: Tatsächlich war die Debatte bereits in den 1970er Jahren längst da, wo sie heute ist, jedenfalls auf afrikanischer Seite. Um die Entleerung der Museen zu verhindern, haben deutsche Museumsleute zum Beispiel das Argument in Umlauf gebracht, afrikanische Gesellschaften seien aus politischen oder sonstigen Gründen nicht in der Lage, sich selbstverantwortlich um ihr Kulturerbe zu kümmern. Ohne die weiße Expertise, Fürsorge und Kontrolle würde gar Welt-Kulturerbe verloren gehen. Ein kolonial-rassistisches Urmotiv! Die Weißen bringen den Schwarzen die Zivilisation. Dabei zeigt der Fall der Benin'schen Bronzen, dass es genau anders herum war: Die Weißen waren die Barbaren, die ganze Zivilisationen Schwarzer Kulturen ausgelöscht haben. Restitution ist deswegen wichtig und richtig. Tatsächlich haben die Bundesregierung und die Museen ihren Kurs in dieser Angelegenheit aber erst jüngst verändert. Vorher war ihre Position eine ganz andere, von Restitution wollte man nichts wissen.



ONETZ: Was hat zu diesem Kurswechsel geführt?

Christoph Balzar: Das ist vor allem dem zivilgesellschaftlichen Druck auf das sogenannte Humboldt Forum geschuldet. Dieses neue Berliner Museum im wieder errichteten Schloss des deutschen Kaisers, einem Bilderbuch-Faschisten, ist ein Desaster für das internationale Image der Bundesrepublik und das hat sie mittlerweile auch erkannt.



ONETZ: Das Ethnologische Museum Berlin plädiert in einem Positionspapier für eine Wandlung vom Aufbewahrungsort in einen „Ort, der einen dynamischen und ergebnisoffenen Prozess der Kommunikation, Begegnung, kritischen Reflexion und des Respekts ermöglicht“. Nach Rückgabebereitschaft hört sich das nicht an, oder?



Christoph Balzar: Menschen, die sich wenig für die Sache interessieren, also die meisten, mag diese Art zu sprechen überzeugen. Die ethnologischen Museen sind aber zentrale Institutionen des strukturellen Rassismus. Sie haben die pseudowissenschaftlichen Argumente der Überlegenheit von Weißen gesellschaftlich stark gemacht. Viele ihrer heutigen Direktorinnen und Direktoren haben gelernt, sich als Vorreiterinnen und Vorreiter der anti-rassistischen Bewegung zu stilisieren. Diversity-Manifeste wie das, aus dem Sie zitiert haben, stehen hoch im Kurs. So macht sich der Angeklagte selbst zum Richter. Da werden Begriffe teilweise so schnell aufgenommen, wie sie entstehen. Sich alles anzueignen, auch Diskurse, liegt in der Natur der Museen. 



ONETZ: Bereits 2017 brachte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron Schwung in das Thema Restitution afrikanischer Kulturgüter. Warum geht es trotzdem so zäh voran, wenn doch das hoch problematische Zustandekommen dieser Sammlungen heute relativ unbestritten ist?



Christoph Balzar: Es gibt in der weißen Mehrheitsgesellschaft kein Verständnis dafür, dass es sich bei den Kolonialverbrechen des Deutschen Kaiserreichs um einen Unrechtskontext handelte. Stattdessen herrscht Kolonialamnesie. Es kursiert das Gerücht, das Deutsche Reich sei im Vergleich zum British Empire oder zur Spanischen Krone gar nicht so schlimm gewesen. Das Deutsche Reich war aber die viertgrößte Kolonialmacht. Viele Weiße verwechseln die Verantwortung dafür mit Schuld und fühlen sich von Forderungen nach Aufarbeitung des Kolonialismus persönlich angegriffen. Das kennt man in ähnlicher Weise von allen Widerständen, die die black lives matter-Bewegung bei vielen Weißen auslöst. Die Öffnung der musealen Archive wird für die Aufarbeitung des Deutschen Kolonialismus einen enormen Beitrag leisten und neue Erkenntnisse über uns Weiß-Deutsche zu Tage fördern. Diese Museumsakten zeugen von unzähligen ungesühnten Greueltaten unserer Ahnen in der Zeit des europäischen Kolonialismus. Der britische Kurator Dan Higgs denkt auf eine sehr interessante Weise über diese Epoche nach. Er nennt sie world war zero. 



ONETZ: Dass Restitution möglich ist, zeigen die bereits vollzogenen Rückgaben einst geraubter Herero-Schädel und -Gebeine an Namibia. Trennen sich Museen von menschlichen Überresten leichter als von wertvoller Kunstobjekten?



Christoph Balzar: Die menschlichen Gebeine in deutschen Museumssammlungen sind bisher nur zu einem Bruchteil zurückgegeben worden. Tausende weitere liegen noch in den Kellern Berlins, Kölns, Münchens… Es wird noch unglaublich lange Zeit brauchen, für all diese Menschen Beerdigungen in ihrer jeweiligen Heimat und mit ihren Familien zu organisieren. Die Museen trennen sich aber sicherlich leichter von menschlichen Überresten als von Heiligtümern lebender Kulturen. Objekte können sie festhalten, Menschen nicht. Sobald vermeintliche Objekte den Status der Menschlichkeit wieder zugesprochen bekommen wie im Fall der Herero- und Nama-Schädel in den pseudo-wissenschaftlichen Sammlungen der Berliner Charité, verliert ein Museum die Deutungshoheit und sein Gesicht als Institution. 



ONETZ: Um die durchaus bestehenden rechtlichen Restitutions-Problematiken fürs Erste zu umschiffen, fällt auch das Stichwort Dauerleihgabe. Was halten Sie von diesem pragmatisch orientierten Ansatz?



Christoph Balzar: Die Erniedrigung afrikanischer Gesellschaften durch europäische kennt leider keine Grenzen. Völkermorde, Auslöschung ganzer Sprachen und Religionen durch die christliche Mission, vollständige Enteignungen und jetzt Dauerleihgaben von Raubgut. Zynisch. 



ONETZ: Und wie stehen Sie zu dem Vorschlag des Senegalesen Felwine Sarr und der Französin Bénédicte Savoy, nach Rückgabe einiger besonders symbolträchtiger Objekte in einem zweiten Schritt eine vollständige Inventarliste afrikanischer Sammlungen in staatlichen Museen digital zugänglich zu machen?



Christoph Balzar: Grundsätzlich müssen wir unseren internationalen Kolleginnen und Kollegen in der Restitutionsdebatte die Möglichkeit einräumen, sich ein Bild von hiesigen Sammlungen zu machen. Doch auch dabei wird seit langem gezielt getäuscht. Erst vor zwei Wochen wurden das sogenannte Berliner Humboldt Forum beim Frisieren seiner Inventarlisten ertappt.



ONETZ: Worum ging es da genau?

Christoph Balzar: Es ist ein Skandal, bei dem es um ein aufwändig konstruiertes Holzboot aus dem heutigen Papua-Neuguinea geht, genauer gesagt sogar um eines der zentralen Ausstellungsstücke dieses neuen Museums. Die riesige Inselregion, aus der das Boot stammt, war Teil des Deutschen Reichs. Die Gesellschaft auf Luf, die es gebaut hat, wurde auf Befehl Bismarcks regelrecht niedergemetzelt oder in Zwangsarbeitslager verschleppt. Ein weiterer Genozid des 20. Jahrhunderts. Irgendwie hat aber die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der das Boot offiziell gehört, bei der Abschrift der Bestandslisten wichtige Indizien für dieses Verbrechen übersehen. Reines Versehen, wie die Verantwortlichen reflexartig kommentierten.



ONETZ: Und wenn wir mal über das Jahr 2022 hinausblicken: Wird es mit der Restitution afrikanischer Raubkunst irgendwann doch noch ein gutes Ende nehmen?    



Christoph Balzar: Die Restitution afrikanischer Raubkunst gehört zwingend zu einem guten Ende dazu, weil es vorher keinen Frieden geben kann. Solche Sammlungen waren und bleiben Zeugnisse von Völkermorden, ob direkt oder indirekt. Und Völkermord verjährt nicht. 



Kultur-Sommer in Sulzbach-Rosenberg

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Christoph Balzar

  • Kurator und Kunstwissenschaftler. Geboren 1980 in Hirschau, 1999 Abitur am Erasmus-Gymnasium Amberg.
  • Seit 2020 akademischer Mitarbeiter Bildungswissenschaften/Ästhetische Bildung der Uni Potsdam.
  • Balzar untersuchte in seiner Dissertation an der Universität Bonn die Musealisierung von Heiligtümern lebender Kulturen aus kolonialen Erwerbszusammenhängen.
  • Der Akademiker organisiert künstlerisch-wissenschaftliche Projekte und Ausstellungen im In- und Ausland. Er lebt in Berlin.
  • Buchtipp: Felwine Sarr und Bénédicte Savoy: Zurückgeben (über die Restitution afrikanischer Kulturgüter). Aus dem Französischen von Daniel Fastner, Matthes & Seitz Berlin, 18 Euro
  • Benin-Bronzen: Metalltafeln und Skulpturen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, stammen aus dem Königspalast des ehemaligen Königreiches Benin, heutiges Nigeria, im Zuge der Kolonialisierung durch die Briten als Beutekunst nach Europa verbracht , alleine in Deutschland rund 1000 Objekte.
  • Allein im Humboldt Forum Berlin finden sich rund 75000 afrikanische Objekte (Quelle: Restitutionsbericht Sarr/Savoy).
  • In afrikanischen Nationalmuseen sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wohl nicht mehr als 3000 Objekte von größtenteils untergeordneter Qualität und Bedeutung inventarisiert (Quelle: Alain Godonou, ehemaliger Direktor der École du Patrimoine Africain in Porto-Novo/Benin)
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.