03.01.2021 - 10:54 Uhr
AmbergOberpfalz

Stadtplanerin Melanie Hierl möchte mehr Innenstadt-Grün

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Ginge es nach Melanie Hierl, sähen die Innenstädte von Hirschau und Amberg anders aus. Die 25-Jährige arbeitet in Schweden als Stadtplanerin und hat klare Vorstellungen davon, was beide Kommunen besser machen können - ja fast schon müssen.

Melanie Hierl arbeitet als Stadtplanerin in Schweden. Während eines Heimatbesuchs spricht die 25-Jährige über die Planungen, die ihr in Amberg (Bild) und Hirschau nicht gefallen.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Seit dreieinhalb Jahren lebt Melanie Hierl in Schweden. Sie wohnt in der Hauptstadt Stockholm, ihr Geld verdient sie als Stadtplanerin in der etwa 66 000 Einwohner zählenden Stadt Eskilstuna. Ihre Heimat Hirschau und Amberg, die Stadt in der sie 2013 das Abitur bestand, hat sie in dieser Zeit nicht aus den Augen verloren. Ganz im Gegenteil: Mit Interesse verfolgt die 25-Jährige die jeweiligen Stadtratsbeschlüsse. Vor allem, wenn es wie aktuell um die Entwicklung der Innenstädte geht.

"Es ist so eine Art Berufskrankheit", sagt Melanie Hierl und meint damit, dass ihr stadtplanerische Besonderheiten sofort ins Auge springen: "Das kann man nicht ablegen." In der Heimatstadt Hirschau schon zweimal nicht. Dort herrscht seit 2016 auf dem gesamten Marktplatz Parkverbot. Trotzdem werden regelmäßig Autos abgestellt. Für die CSU-Fraktion ein Grund, neue Stellflächen zu beantragen. Die Entscheidung fiel vor zwei Wochen und damit kurz vor dem Heimaturlaub von Melanie Hierl: Die CSU setzte sich mit der Forderung durch, sechs oder mehr Parkplätze zwischen Post (Hauptstraße 44) und Bösl-Anwesen (Hauptstraße 38) anzulegen. Zudem soll es einen Parkplatz für Fahrzeuge mit Anhänger geben.

An dieser Stelle sollen in Hirschau neue Parkplätze entstehen. Stadtplanerin Melanie Hierl hält die Verkehrsführung schon jetzt für bedenklich.

"Stand aus den 1950er-Jahren"

Melanie Hierl kann da nur den Kopf schütteln: "Es dreht sich immer alles nur um die Parkplätze. Das ist immer noch der Stand aus den 1950er-Jahren, dass Innenstädte aus Sicht der Autofahrer geplant werden. Diese Zeiten müssen vorbei sein." Denn bei der Stadtplanung gehe es um viel mehr: "Man erlebt eine Stadt nicht nur visuell, sondern mit vielen verschiedenen Sinnen und auch emotional." Soll heißen: Trotz einer Altstadtsanierung, die Hierl in Teilbereichen als durchaus gelungen bezeichnet ("Hirschau hat sich da viele Gedanken gemacht"), gebe es noch relativ viele Ansatzpunkte, die zu wenig oder gar nicht berücksichtigt worden seien: "Es scheint, als wurden sich zu wenige Gedanken darüber gemacht, wie man sich in der Stadt noch wohler fühlen kann, wie man die Aufenthaltsqualität steigert." Die 25-Jährige erklärt das mit einer Begebenheit, wie sie sich immer wieder zuträgt - wenn nicht gerade die Pandemie etwas dagegen hat: Zwei Frauen treffen sich beim Einkaufen. Sie ratschen, bummeln und gehen ein Stück miteinander: "Dafür brauchen sie keinen Parkplatz."

Die Stellflächen dienten lediglich dazu, mit dem Auto gezielt zu einem bestimmten Laden zu fahren - und danach wieder zu verschwinden: "Das steigert die Aufenthaltsqualität überhaupt nicht. Dann haben wir diese Begegnungen nicht, die eine Stadt ausmachen." Hierl bringt es aus ihrer Sicht auf den Punkt: "Wer Zeit für Begegnungen hat und zum Reden, der fühlt sich in dem Moment noch mehr als Hirschauer." Kein Parkplatz dieser Welt könne das in dieser Form so bieten.

"Visuelle Orientierung fehlt"

Bevor über Stellflächen entschieden wird, müsse es immer erst eine Analyse geben: "Was genau habe ich? Und wenn nicht, brauche ich es wirklich?" Die 25-Jährige liefert die Antworten gleich mit: "Wir haben kein Defizit. Der Mangel an Parkplätzen wird als größer empfunden als er tatsächlich ist." Die Entscheidungsträger im Rathaus müssten mehr an die Mobilität der Hirschauer als an den Verkehr denken: "An Radwege, an Fußwege, an Erreichbarkeiten und Zugänglichkeiten." Die Altstadt müsse durch eine andere Verkehrsführung wesentlich zugänglicher gemacht werden: "Speziell in Hirschau müsste man klarmachen, wer Vorrang hat. Das ist schwierig, wenn der Gehweg so aussieht wie die Straße. Da fehlt die visuelle Orientierung." Die Flaniermeile müsse klar von den Autos abgetrennt werden: "Aus Sicherheitsgründen und um mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen."

Hier geht's zum Bericht über die Stadtratssitzung in Hirschau

Hirschau

Vor allem rund ums Rathaus sei die Verkehrsführung sehr unübersichtlich. Neue Parkplätze würden das nicht ändern. Apropos Rathaus: "Die Begrünung dort ist ohne erkennbaren Grund verschwunden." Überhaupt kommt für Melanie Hierl der Klima-Aspekt in der Altstadt viel zu schlecht weg: "Wir brauchen mehr Grün in den Innenstädten. Nicht für die Touristen, für die Hirschauer. Das ist psychologisch wichtig. Man fühlt sich dann wohler. Wenn man sich wohler fühlt, hält man sich länger auf." Und davon profitierten wiederum der Einzelhandel und die Gastronomie. Ein gutes Beispiel dafür sei der neue Brunnen. Egal, ob man ihn schön findet oder nicht: "Er bringt Wasser in die Stadt, von dem wir wissen, dass es eine Anziehung auf Menschen ausübt und somit ein Ort der Begegnung und zum Verweilen wird. Somit erfüllt der Brunnen auch eine soziale Funktion."

Hierl zieht daraus diesen Schluss: "Die Kundenfrequenz steigt nicht durch mehr Parkplätze." Ziel müsse es sein, den Einzelhandel zu stärken. Das gelinge nicht durch Parkplätze, sondern durch neue Aufenthaltsqualität: "Das ergibt viele positive Synergieeffekte, weil sich das auch wieder auf die Gastro und den Einzelhandel auswirkt. Das hängt alles zusammen." Hierl will nicht missverstanden werden. Es ist nicht ihre Absicht, mit erhobenem Zeigefinger durch die Stadt zu laufen, sondern: "Es geht darum, dass man auch mal die Perspektive wechselt. Hin zu mehr Grün und mehr Lebensqualität." Das gilt aus ihrer Sicht übrigens auch für Amberg. Es gebe so viele Flächen, die durch Zweckbauten versiegelt sind. Als Beispiel nennt die 25-Jährige die Decker-Schulen, das Landratsamt sowie das Amts- und Landgericht. In allen Fällen handle es sich um tolle Plätze und historische Immobilien, doch überall herrsche ab 17.30 Uhr kein Leben mehr, was für die Aufenthaltsqualität und die empfundene Sicherheit negative Folgen habe: "Darum sollte man, wenn man schon mal eine neue freie Fläche bekommt, diese anders nutzen." Stichwort Bürgerspital-Areal.

Die Stadtplanerin vertritt die Meinung, dass Amberg das Grundstück "nicht mit einem großen Gebäudekomplex" zustellen sollte. Auch den Beschluss, dort eine Quartiersgarage zu schaffen, hält sie für überzogen: "Es gibt 3000 Parkplätze in Altstadtnähe. Es geht nicht darum, weitere Parkplätze zu schaffen, sondern das Parkplatzmanagement und die Zugänglichkeiten zu verbessern." So könnten Menschen, die in der Altstadt leben oder arbeiten, ebenso gut die Bahnhofsgarage als Quartiersgarage nutzen. Was der 25-Jährigen auch wichtig ist: Ja, die Stadt Amberg müsse dafür sorgen, dass wieder mehr Menschen in der Altstadt leben, "aber bitte nicht auf einem so historischen Areal", das als parkähnliche Anlage mit innenstädtischen Grünflächen viel besser genutzt werden könnte. Amberg sollte auf einen Neubau verzichten und stattdessen Leerstände in Wohnungen umwandeln: "Davon gibt es ja einige." Melanie Hierl weiß, dass sich diese Gebäude zumeist in privater Hand und nicht im Eigentum der Stadt befinden, aber: "Da ist dann eben Einfallsreichtum gefragt" - ähnlich wie beim Fassadenprogramm, das sich gut entwickle.

Bürgerspital-Areal Amberg: Das ist der aktuelle Stand der Dinge

Amberg

Für das Gelände hätte Hierl viele Ideen - einen großzügig angelegten Park mit Funktionsflächen oder einen Treffpunkt für die Jugend: "Die Wirtschaftsschule und das Ring-Theater als möglicher Kulturtreff sind gleich in der Nähe. Das würde sich perfekt ergänzen." Theoretisch könnte dort auch ein neues Jugendzentrum entstehen: "Warum nicht? An dieser Stelle sollte es keine Denkverbote geben dürfen." In Amberg habe sich die Diskussion aber immer nur darum gedreht, wie viele Parkplätze entstehen und ob diese öffentlich sein sollen. Das sei zu kurz gedacht: "Es gibt viel mehr Alternativen als eine Tiefgarage und einen Gebäudekomplex."

Erfolgreiches Fassadenprogramm in Altstadt von Amberg

Amberg
Hintergrund:

Zur Person: Melanie Hierl

1995 geboren in Sulzbach-Rosenberg, aufgewachsen in Hirschau

2013 Abitur am Dr.-Johanna-Decker-Gymnasium in Amberg

Bachelorstudium der Human-Geografie, Soziologie und Politikwissenschaft in Würzburg

Masterstudium nachhaltige Stadtplanung und -gestaltung an der Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm

Aktuell Stadtplanerin und Planarchitektin im schwedischen Eskilstuna

Frühere Arbeitgeber: Referat für Stadtplanung und Bauordnung München, Büro Dragomir Stadtplanung (München) – dort auch Mitarbeit am Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (Isek) für die Stadt Amberg

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