27.03.2020 - 10:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Tiny Houses: Was Amberg von Mehlmeisel lernen kann

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In Amberg wird gerade ein Baugebiet für Tiny Houses (Kleine Häuser) auf den Weg gebracht. In Mehlmeisel gibt es eine solche Siedlung seit drei Jahren: Reichlich Erfahrung, von denen die Amberger Klein-Häuslebauer profitieren können.

Modernes Wohnen, nur in klein: Hier leben Steffi Beck und Philipp Sanders, die Gründer des Tiny House Village in Mehlmeisel im Fichtelgebirge.
von Heike Unger Kontakt Profil

Steffi Beck und Philipp Sanders haben das Tiny House Village in Mehlmeisel gegründet. Das junge Paar stammt aus München, suchte lange nach einem Platz, um seinen Traum vom "kleinen Wohnen" Wirklichkeit werden zu lassen. Am Ende wurden die beiden in der Gemeinde Mehlmeisel im Fichtelgebirge fündig. Drei Jahre ist das jetzt her. In Amberg ist aktuell das Interesse an einem kleinen geplanten Baugebiet speziell für Tiny Häuser groß: Grund genug, in Mehlmeisel nach den bisherigen Erfahrungen zu fragen - und nach Ratschlägen, worauf künftige Tiny-House-Besitzer in Amberg aufpassen sollten.

Was sind das für Menschen, die in kleinen Häusern wohnen? Philipp hört diese Frage oft. Seine Antwort: "Der komplette Querschnitt der Gesellschaft - arm, reich, jung, alt, Familien, Alleinstehende: Es interessiert sich einfach jeder dafür." Allerdings ist das Wohnen in Mini-Häusern nicht überall erlaubt. "Es kommt auf den Bebauungsplan an", erklärt Steffi. Bei strengen Vorgaben zu Dachgestaltung und Mindestgröße des Hauses falle ein Tiny House einfach raus.

Steffi und Philipp haben in Mehlmeisel am Bebauungsplan mitgetüftelt. Hier ist beispielsweise festgelegt, dass die Tiny Houses nicht über 50 Quadratmeter Grundfläche haben und nicht höher als 4,50 Meter sein dürfen. Auch Aspekte wie Abstand, Brandschutz und dass die Häuschen überwiegend aus natürlichen Materialien gebaut werden, gehören zu den Vorgaben.

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Amberg

Für die beiden Münchener war der Umstieg auf "Tiny" kein Problem. "Wir haben nie groß gewohnt", sagt Philipp - die früheren Wohnungen der beiden hatten "zwischen 15 und 30 Quadratmeter". Zuletzt hatten sie "in der vielleicht kleinsten Ein-Zimmer-Wohnung in Deutschland gelebt, mit 13 Quadratmetern. Da haben wir uns sozusagen verdoppelt von der Fläche." In ihrem Tiny House (25 Quadratmeter) gibt es auf zwei Ebenen alles, was die beiden brauchen: "Wir haben ein normal großes Wohnzimmer, Schlafzimmer, es ist alles da." Auch eine Küchenzeile, drei Meter lang, hat Platz. Das kleine Haus sei "eher Luxus für uns", fügt Steffi hinzu: "Wer hat in unserem Alter schon Wohneigentum?"

Hintergrund:

Das Tiny House Village in Mehlmeisel

Steffi und Philipp haben vor rund drei Jahren das Tiny House Village in der Gemeinde Mehlmeisel (Landkeis Bayreuth) im Fichtelgebirge gegründet: Eine Community, in der momentan 31 Menschen in so genannten Tiny Houses leben. Außerdem gibt es ein auf dem Gelände, das einst ein Campingplatz war, ein kleines Hotel, das ebenfalls aus Tiny Häusern besteht. Steffi und Philipp kommen aus München und haben in Mehlmeisel 17000 Quadratmeter Land gekauft, von dem sie 5000 Quadratmeter an Tiny-House-Besitzer verpachten. "Wir haben momentan schon 22 Häuser auf dem Platz stehen", berichtet Steffi. Philipp ergänzt, dass darin 31 Einwohner leben, "Tendenz sehr steigend". Heuer kommen noch "12, 13 neue Bewohner und 5,6 Häuser" dazu. "Dann sind wir voll." Beim nächsten Herbstfest könne man also "schon das ganze Village bestaunen, wie's dann komplett fertig ist. Das kann auch ein Beispiel sein für viele andere Dörfer, die noch entstehen können".

Die beiden haben ihr Tiny House selbst entworfen und auch selbst gebaut. "Wir bauen unsere Häuser immer selber", betont Philipp. Und kommt damit zu einem Thema, das er als überzeugter Tiny-House-Besitzer mit großer Sorge sieht. Seine Erfahrung, auch im Village in Mehlmeisel: "Herstellern von Tiny Houses kann man leider oftmals nicht vertrauen." Der Trend boome einfach zu schnell, "da steigen zu viele auf, wollen damit Geld machen, verstehen aber gar nicht, was Leben auf kleinem Raum bedeutet oder verstehen nichts von Häuserbau".

Viele schwarze Schafe

Hier seien viele schwarze Schafe unterwegs, warnt Philipp. Nur weil ein Schreiner sein Leben lang Möbel gebaut habe, verstehe er noch lange nicht, wie ein Wand-Aufbau funktioniere. "Oder wie es sich mit Feuchtigkeit verhält." Feuchtigkeit, Lüftung und Dämmung seien aber bei Tiny Houses besonders wichtig. Im Village gebe es dafür auch Negativbeispiele, bedauert Philipp. Probleme gebe es oft, weil die Häuser die Energiesparverordnung nicht einhalten, wenn es an Dämmung oder Luftdichtigkeit hapert.

Im Blickpunkt:

Probleme mit Herstellern

Im Tiny House Village Mehlmeisel gibt es zwei Fälle, in denen Bewohner massive Probleme mit ihren Haus-Herstellern haben, berichtet Philipp Sanders: "Die Leute haben für viel Geld ein Haus gekauft", das dann gar nicht komplett angekommen sei, weil die Firma insolvent wurde. "Und die Menschen sitzen jetzt hier mit Schulden und haben nichts." Auch eine Familie sei betroffen. "Da können Existenzen ruiniert werden." Steffi Beck mahnt angehende Tiny-House-Käufer, bei der Wahl des Herstellers genau hinzuschauen und sich gut zu informieren. Manches Haus funktioniere am Ende "vorne und hinten nicht: Es regnet durch die Fenster rein und dergleichen. Und wenn sie dann auch noch schlecht gedämmt sind, heizen die Leute sich hier zu Tode und haben dann viele Nebenkosten, was eigentlich echt nicht sein sollte, wenn man klein lebt."

In Mehlmeisel könne man einen ganz guten Querschnitt von Tiny Houses sehen. Allerdings bitten die Dorfbewohner darum, ihre Privatsphäre zu respektieren und nicht einfach vorbeizukommen. "Wir fühlen uns machmal wie im Zoo", begründet Steffi das und verweist darauf, dass regelmäßig samstags Führungen angeboten werden: "Dazu kann man sich anmelden, auf unserer Website." Weil unter den schwarzen Schafen der Branche die ganze Tiny-House-Bewegung leide, plant Philipp mit Kollegen, einen Prototyp zu entwickeln, der qualitativ hochwertiges Tiny-Wohnen zu erschwinglichen Preisen möglich machen soll. Dabei kann Philipp auf die guten Erfahrungen mit dem Haus zurückgreifen, in dem er und Steffi derzeit wohnen. "Es ist nach Energiesparverordnung gedämmt. Wir haben Nebenkosten von 70 Euro im Monat. Für alles: Heizung, Strom, Wasser."

Ziel: Ein Haus für 50 000 Euro

Philipps Ziel ist, ein gutes Haus für etwa 50 000 Euro anbieten zu können - statt der derzeit eher üblichen 100 000 oder 130 000 Euro. Das sei die letzte Möglichkeit, den Trend zu retten, meint Philipp. Er fürchtet: "Wenn in drei, vier Jahren die ersten Häuser komplett verschimmelt sind, dann wird keiner mehr gut über Tiny Houses sprechen." Hier wollen Philipp und Steffi gegensteuern.

Hintergrund:

Ratschläge aus drei Jahren Erfahrung

Nur vom Fachmann

„Auf jeden Fall niemals das allererste Haus zu kaufen von einem Hersteller“, empfiehlt Steffi. Sie würde sich auf jeden Fall vorher die Produktion anschauen – und nachfragen, ob Elektrik und Wasserinstallation von einer Fachfirma gemacht wurden. „Wir haben ganz oft gesehen, dass Wasserleitungen nicht den Standards entsprechen. Dementsprechend haben wir auch schon Wasserschäden in den Häusern hier miterleben dürfen. Und das ist für Holzhaus echt tödlich.“

Besser ohne Räder

Tiny House mit oder ohne Räder? Viele würden an die typisch amerikanischen Modelle, mit Rädern, denken, sagt Philipp. Das Problem sei die Gewichtsbegrenzung von dreieinhalb Tonnen bei Modellen mit Rädern: „Da kannst du nicht dick dämmen. Und das spürst du ganz schön in den Nebenkosten. Das lohnt sich einfach nicht.“ Für Philipp sind die geringen Nebenkosten einer der größten Vorteile der Tiny Houses. Bei Modellen mit Rädern seien die allerdings „drei- bis vierfach höher“ als bei den massiven Versionen mit Fundament.

Flexibel auch mit Fundament

Viele wollen ein Tiny House mit Rädern, um flexibler zu sein, weiß Steffi. Allerdings gebe es in Deutschland nur sehr wenige Plätze, auf denen man sie abstellen dürfe. In der Regel hätten aber auch Tiny-House-Besitzer nicht vor, nach zwei Monaten wieder umzuziehen. Und auch ein Modell auf Punktfundamenten „kannst du mit dem Kran per Tieflader überall hin schippern lassen, wo du möchtest“. Die Kosten dafür hielten sich in Grenzen, „weil du das nicht jeden Tag machst“.

Lieber Massivbauweise

Philipp nennt auch die Ökologie als Thema bei der Frage „mit oder ohne Räder?“ Bei einem Tiny House on Wheels müsse man viel auf Kunststoffe zurückgreifen, „weil die sehr leicht sind“. Steffi und Philipp haben stattdessen massiv gebaut. „Wir haben hier sicher acht bis zehn Tonnen drin, innen Vollholz, außen eine Vollholz-Fassade.“ Die Dämmung sei ökologisch, aus alten Kakaosäcken, also Jute: „Also dieses Haus ist zu 99 Prozent recyclebar und schadet der Natur nicht.“

Hersteller genau prüfen

„Das Wichtigste ist tatsächlich der Hersteller“, betont Philipp. Gerate man an den falschen, „kann es sein, dass ich 100 000 Euro“ oder noch mehr investiere, die dann teilweise oder ganz verloren seien, wenn es Qualitäts-Probleme gibt. „Also sich mehrere Häuser anschauen, mit Leuten sprechen, die darin wohnen“ – und das schon seit zwei, drei Jahren, nicht erst seit drei Monaten.

Was braucht man gar nicht?

„Tiny Möbel“, betont Steffi. Viele Leute dächten an Klapp-Lösungen, „um dann versteckte Hocker oder sowas hervorzuziehen“. Das sei aber aufwendig und meist auch sehr teuer – und wer sein Bett dreimal zusammengeklappt habe, verliere auch schnell die Lust daran.

Geht "tiny" auch mit Kindern?

Philipp sieht gerade hier einen großen Vorteil gegenüber einem klassischen Haus. Wer für einen oder zwei Bewohner ein 20-Quadratmeter-Tiny-House baue, könne, wenn Kinder dazu kommen, einfach ein zweites danebenstellen und über eine Schleuse verbinden. Und wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, könne man diesen Teil einfach „an die nächste Familie weitergeben“ und habe dann nicht viel ungenutzten Raum im Haus.

Zwei Jahre Tiny House Village Mehlmeisel

Mehlmeisel
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