21.06.2021 - 09:42 Uhr
AmbergOberpfalz

Warum die Tuner partout keine Auto-Poser sein wollen

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Einen Fußballstadionbesucher mit einem Hooligan gleichzusetzen, das würde niemand tun. Genau das aber passiert oft seriösen Auto-Tunern, die sich an die Straßenverkehrsordnung halten. Sie werden mit Auto-Posern über einen Kamm geschoren.

Ein Honda Accord Euro R CL1 von und mit Alice Lottner mit Itasha-Style Beklebung. Umbauten: 220 PS Motor (H22A Vtec) und Felgen. Besitzerin und Auto zeigen sich hier als schillernde Figuren. Trotzdem wollen die Tuner nicht mit den Auto Posern in einen Topf geworfen werden.
von Autor MZIProfil

Immer mehr sind in letzter Zeit sogenannte Auto-Poser ins Visier der Polizei geraten. Sehr zum Missfallen der Tuner-Szene, die sich ungern mit dieser Gruppe von Automobilfreunden in einen Topf werfen lässt. Es gibt entscheidende Unterschiede. Was bedeutet eigentlich Autotuning? Ein bekanntes Nachschlagewerk definiert es folgendermaßen: „Mit Fahrzeugtuning bezeichnet man individuelle Modifikationen an Pkws, Motorrädern und auch Lastkraftwagen, die dem Zweck dienen, die Leistung oder die Fahreigenschaften zu verbessern oder zu verändern oder auch das optische und akustische Design zu ändern.“

Alles muss vom TÜV genehmigt sein

Jegliche bauliche Veränderung muss übrigens vom TÜV genehmigt und in den Fahrzeugschein eingetragen werden. Über ein sogenanntes Teilegutachten oder per Einzelabnahme. Manuel Perez Restoy, "Leader" von Hotspot Oberpfalz VIP, ist Auto-Tuner aus Leidenschaft und hat sich überdies zum Ziel gesetzt, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, was den Verruf dieser Freizeitgestaltung betrifft. Vergangenen Samstag fand dazu ein Autokorso mit 300 Fahrzeugen in Regensburg statt unter dem Motto „Tuning ist kein Verbrechen“. Friedlich und wohlkoordiniert bot die Demo der Polizei keinerlei Anlass zur Kritik, fand sogar Lob.

Der 32-jährige Schwandorfer Perez Restoy grenzt klar ab: „Tuner wollen auch Spaß haben. Aber nicht bei Menschenansammlungen. Poser wollen in jedem Fall gesehen werden. Tuner investieren Geld in Legales. Man muss es nicht unbedingt auf den ersten Blick sehen. Poser investieren Geld eher in Illegales.“ Nico Klinkert, ein 21-jähriger Vilsecker, ergänzt noch: „Gaspedal geräuschvoll durchdrücken, Imponiergehabe, aggressiver Fahrstil oder prollige Umgangsformen wie bei den berüchtigten Mantafahrern sind nicht unser Ding.“

Nicht von Spot zu Spot rasen

Dabei ist der angehende IT-Systemelektroniker im privaten Leben durchaus couragiert. Zusammen mit einem Kumpel überwältigte er in einem Zug schon einmal einen gewalttätigen Schwarzfahrer und hielt ihn fest, bis die Polizei eintraf. Dieser Einsatz für Gerechtigkeit treibt ihn auch an, wenn es darum geht, eine klare Kante gegen die leider sehr zahlreichen schwarzen Schafe zu zeigen. Unlängst hätten sich an die 1000 Poser aus der Oberpfalz in Cham eingefunden, wo sie verbrannte Erde hinterließen und wieder einmal ein schlechtes Licht auf die ganze Tuningszene warfen.

„Was wir wollen, ist nicht, von Spot zu Spot rasen. Wir bevorzugen eine familiäre Atmosphäre. Campingstuhl auspacken, gemütlich beieinandersitzen, über die neuesten Autobastelpläne fachsimpeln – ohne Gehupe und andere lärmbelästigenden Geräusche,“ wünscht sich Klinkert. Dies sei leider schwer umsetzbar. Überall, wo sich an öffentlichen Parkmöglichkeiten auch nur zwei bis drei Dutzend Autobegeisterte treffen, erscheine alsbald eine von "nervösen" Zeitgenossen herbei gerufene Streifenwagenbesatzung und spreche einen Platzverweis aus.

Tuner-Szene will kooperieren

Dabei gebe es durchaus Lösungswege. „Wir sind bereit, für große Plätze auch Parkgebühren zu zahlen und Müllbeutel mitzubringen oder in von der Gemeinde bereitgestellte Mülleimern den Abfall zu entsorgen. Es gibt genügend stillgelegte Werksgelände,“ schlägt Perez Restoy vor. Die Szene um Hotspot Oberpfalz VIP sei kooperativ. Aber es scheitere – wie so oft – an irgendwelchen Widrigkeiten. Deshalb ist der Traum der Gruppe eine eigene Werkstatt, in der man gemeinsam schraubt und bastelt. Mit viel Außengelände drum rum, wo die Mitglieder auch der Geselligkeit frönen können.

Wer übrigens an gewissen Vorurteilen festhält und glaubt dieses Hobby sei reine Männersache, dem sei gesagt: Beileibe nicht! Gut ein Drittel der Mitglieder tragen das XX-Chromosom. So manche Partei oder Vorstand wäre neidisch auf solch eine Frauenquote. Die Frauen unterschiedlichen Alters legen auch selbst Hand an die Werkzeugkiste. Ramona Heberle verkleidete unter anderem bei ihrem VW Passat 3bg 1,9 TDI den Kofferraum neu mit Holz. Auch Eva Obermeier, die ein duales Studium in der Pflege macht, schraubt in der Freizeit gern an ihrem 1er BMW e87 rum. Ihr Statement zum Thema Tunen lautet: „Richtigen Tunern ist nicht die Leistung oder das Rasen das Wichtigste, sondern die Liebe zu und der Spaß am Fahrzeug. Und das mit Gleichgesinnten teilen.“

Auch Honoratioren sind dabei

So geht das Berufsspektrum der Gruppe denn auch quer durch die Gesellschaft. Zahntechniker, Bundeswehrsoldat, Verkäufer. „Wir haben auch ein paar Honoratioren bei uns,“ weiß der Leader. „Aber sie möchten lieber ungenannt bleiben.“ Warum eigentlich? Ach ja, die Pauschalurteile, die einen ins gesellschaftliche Abseits rutschen lassen könnten. Also gelte es weiterhin Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Manuel Perez Restoys Pläne für die Zukunft sehen folgendermaßen aus. „Demnächst eine Demo gegen Auto-Poser in Amberg. Natürlich angemeldet bei den zuständigen Stellen. Und mir schwebt auch ein Besuch der Burg in Burglengenfeld bei der Eingliederungshilfe vor. Dort könnten wir den Bewohnern unsere Autos hautnah vorstellen und ihnen auch Abwechslung in den Alltag bringen.“

Die Polizei verliert langsam die Geduld mit den Auto-Posern

Oberpfalz
Hintergrund:

Tuner sind im eigenen Verein organisiert

  • Name: Hotspot Oberpfalz VIP
  • Gegründet: Oktober 2020
  • Mitglieder: 103
  • Anzahl der getuneten Autos: 100 bis 150
  • Einzugsgebiet der Gruppe: Tirschenreuth im Norden, Ingolstadt im Süden, Cham im Osten, Neumarkt im Westen
  • Follower auf Instagram: 1508 (@hotspot.oberpfalz.vip)

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.