16.08.2019 - 10:31 Uhr
AmbergOberpfalz

Wald ist mehr als Kiefer und Fichte

Für viele Bauern war der Wald jahrzehntelang die Holzfabrik schlechthin. Immer öfter jedoch legen die Besitzer Wert auf Vielfalt und kommen auf Sorten, die man in heimischen Gefilden erst einmal nicht vermuten würde.

von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Karl Scharl (71) hat schon als junger Mann Weitblick besessen. Mit 20 Jahren wurde ihm der Wald am Flecklberg bei Umelsdorf von den Eltern übergeben. Interesse an der Natur hatte er schon immer. "Der Wald gibt einem unwahrscheinliche Ruhe. Und man sieht, was man macht." Schon damals verfolgte Scharl seine eigene Philosophie in der Waldwirtschaft und pflanzte Sorten, die man nicht unbedingt in heimischen Wäldern vermuten würde. Seine Tochter Anna Finger baute darauf auf. So entstanden auf den13 Hektar Inseln der Vielfältigkeit, für die Beratungsförster Michael Bartl vom Landwirtschaftsamt voll des Lobes ist.

Neben den üblichen Kiefern und Fichten pflanzten Scharl und später auch seine Tochter Anna Finger Rotbuche, Eibe, Tanne, Kirsche, Elsbeere oder Weißbuche. Zu einer Zeit, als Biodiversität höchstens in Fachkreisen eine Rolle spielte, probierten die Scharls die unterschiedlichsten Sorten. "Dass die Familie das so entschieden hat, ist für die damalige Zeit eine kleine Sensation", betonte Bartl. Karl Scharl wollte damals schon weg von der Monokultur. Ihm war klar, dass man Kirsche durchaus in den Wald pflanzen kann. "Sie liefert schönes, wertvolles Holz. Und sie blüht", fügte Scharl an. Für einen Imker spielt das durchaus eine große Rolle. Die Zeit, Alternativen zu suchen, ist mittlerweile überfällig. "Die alten Fichten wurden durch den letzten Sommer ziemlich gerupft.", sagt Bartl. Es war zu heiß, zu trocken und heuer wird es für die Baumarten vermutlich nicht besser.

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Amberg

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Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach

Beim Spaziergang über den Flecklberg reißt der Förster ein kleines, dünnes Pflänzchen aus, das letztes Jahr noch eine Buchecker war. "Von Natur aus würde bei uns die Baumart Rotbuche alles dominieren, vielleicht auch noch die Eibe. Aber Fichte und Kiefer würden von Natur aus hier nicht wachsen. Rein aufgrund ihrer Holzqualität und des Wachstums kommen die Baumarten uns entgegen. Sie sind kahlflächenverträglich. Das heißt, die Übernutzungen im Mittelalter, Spätmittelalter und frühe Neuzeit konnte man nicht mit Rotbuche aufforsten." Man benötigte die Kiefern und Fichten.

Der Umbau eines reinen Nadelholzwaldes zu einem Mischwald dauert ungefähr 40 Jahre. Man müsse ordentlich Holz herausholen, schließlich einzäunen und alle möglichen Sorten anpflanzen. Laut Scharl zeigten sich die Probleme im Wald ganz deutlich: "Die Kiefern wurden dürr. Ihnen passt die Trockenheit nicht." Förster Bartl stimmte zu. "Und wenn die Natur schon zeigt, dass ihr das nicht gefällt, dann kann man zwar versuchen, seinen Kopf durchzusetzen, aber man holt sich letztendlich nur eine blutige Nase. Man kann mit der Natur wirtschaften oder gegen sie. Gegen sie geht eine Zeit lang gut, aber irgendwann ist das vorbei."

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Die Pflege eines zum Mischwald umgemünzten Waldes sei nicht intensiver, als für reines Nadelgehölz. "Wenn man beim Fällen, rücken und so weiter ein bisschen aufpasst, weiß man nach fünf Jahren nicht mehr, wo gefällt wurde." Wichtig sei, dass die künftig hier wachsenden Bäume stabil gegen Wind, Schädlinge und Hitze sind. Die gesamte Vegetation sich selbst überlassen könne man nicht. Die mächtigen Stämme entstehen nur dann, wenn man sich auch darum kümmert - und beispielsweise auch alle fünf Jahre ausholzt.

Der Freistaat Bayern hält etwa 400 Förster zur Beratung der Waldbesitzer vor. Bartl ist einer davon. Wer sachlichen Rat braucht, kann ihn sich bei ihm holen. Für den Landkreis Amberg-Sulzbach sind acht Förster zuständig. Das Revier von Bartl ist etwa 8000 Hektar groß. Dazu gehören 1500 Waldbesitzer. Er macht Beratung zu Pflanzungen, über Zuschüsse, gibt Schulklassen Führungen, ist bei den Waldjugendspielen dabei, erstellt Vegetationsgutachten oder bietet Schulungen an: Für Gruppen und Einzelne gibt es ein Fortbildungsangebot, um Waldbesitzern die Lücken die zwangsläufig beim ein oder anderen da sind, weil man nicht alles wissen kann, zu schließen. Bartl ist seit 2002 im Amt in Kastl, Zuvor war er acht Jahre unterwegs von Fürstenfeldbruck bis Bad Reichenhall oder Kötzting. Sein Credo: "Man kann Naturschutz und Wirtschaft unter einen Hut bringen, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt. Man darf halt nicht auf 100 Prozent gehen." Der Ort, um die Natur sich selbst zu überlassen, sei in den Naturwaldreservaten. Dabei handelt es sich um 30 bis 40 Hektar Staatswald, der komplett stillgelegt wurde. Dort wird beobachtet, was die Natur macht. "Es ist geschickter, kleine Trittsteine zu schaffen, als alles aus der Nutzung zu nehmen. Sonst fehlt uns das Holz in der Verarbeitung."

Der Spaziergang durch den Wald führt über kleine Wege, wo zahlreiche zarte Pflänzchen aus dem Boden gucken. Förster Bartl kennt sie alle. "Das sind kleine Ahorn. Die sind im Herbst wieder weg, weil sie vom Reh weggefressen werden." Oder: "Das ist Haselwurz. Das ist ein Zeichen für guten Boden." Die nächste Station ist das jüngste "Kind" von Anna Finger. Hier hat sie viele neue Baumarten gepflanzt, die man nicht im Wald vermuten würde, darunter Eiben. "Das Holz hat gute technische Eigenschaften, ist prima für den Bau von Langbögen. Deshalb wurde es im Mittelalter fast ausgerottet." Und auch deshalb stet der hochgradig giftige Baum unter Naturschutz. Im Wald darf er nicht gefällt werden, im eigenen Garten schon. "Naturschutzgesetze kommen manchmal der Enteignung gleich", kommentiert Förster Bartl. Deswegen werden sie so selten gepflanzt. "Wenn es wieder sehr viele Eiben gäbe, würde das Verbot vielleicht wieder gelockert."

Der Eichelhäher schreit. Bartl erzählt dazu die Geschichte eines ehemaligen Forstamtsleiters aus Nürnberg, der Weinfässer voller Eicheln im Wald aufstellen ließ, sozusagen als Eichelfütterung, um den Vögeln die Arbeit der Aussaat übernehmen zu lassen. Ein Wald ist so viel mehr als nur Kiefer und Fichte.

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