26.05.2021 - 18:11 Uhr
AmbergOberpfalz

Der Wanderfalke vom Amberger Martinsturm

Sie waren in Europa schon einmal fast ausgestorben. Inzwischen brüten in Amberg wieder Wanderfalken. Einer von ihnen hat 2020 einen Unfall nicht überlebt. Er trägt jetzt dazu bei, dass Menschen mehr über diese Vögel erfahren.

von Heike Unger Kontakt Profil

Mitten in der Amberger Altstadt, in der Vils nahe beim Turm der Basilika St. Martin, hatte eine Passantin im vergangenen September einen Wanderfalken entdeckt. Ihre Hoffnung, Experten könnten dem Vogel helfen, erfüllte sich nicht: Anita Vieracker vom Landschaftspflegeverband (LPV) Amberg-Sulzbach, die als Inhaberin eines Falknerei-Jagdscheins eine Fachfrau ist, konnte das Tier nur noch tot aus der Vils holen. In gewisser Weise hat der Wanderfalke jetzt aber ein neues Leben bekommen – oder besser gesagt eine Aufgabe: Der etwa zweijährige Vogel wurde präpariert und soll künftig bei Führungen oder Naturschutz-Veranstaltungen, für schulische Zwecke und die Jagdausbildung als Anschauungsobjekt dienen. So nah, dass man beispielsweise Besonderheiten am Schnabel des Wanderfalken sehen kann, kommt man lebenden Exemplaren nämlich nicht.

Gebietsbetreuer Rudolf Leitl vom LPV ließ den Wanderfalken genau untersuchen, um zu klären, ob er womöglich an einem Gift verendet war. Florian Haas von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Amberg erinnerte am Mittwoch bei der Übergabe des Präparats daran, dass der Bestand dieser Vogelart in den 1960er- und 70er-Jahren durch den Einsatz des Insektizids DDT fast in ganz Europa vernichtet worden war. Durch Zucht- und Auswilderungsprogramm erholte sich der Bestand dann wieder.

In Weiden rettet die Feuerwehr einen Falken aus einer Dachrinne

Weiden in der Oberpfalz

Gefährliche Fensterscheiben

Beim toten Amberger Wanderfalken gab es keine Anzeichen einer Vergiftung. Rudolf Leitl vermutet, dass das Tier gegen eine Fensterscheibe geflogen ist und sich dabei tödlich verletzt hat. Für ihn ein Anlass zu dem Appell an Hausbesitzer, daran zu denken, dass solche Kollisionen auch für andere Vögel tödlich sein können: Spezielle Klebestreifen auf dem Glas können das verhindern. Solche Vorsichtsmaßnahmen haben gerade in der Amberger Altstadt gute Gründe: Seit einigen Jahren brüten nämlich wieder regelmäßig Wanderfalken im Turm der Basilika St. Martin. Aktuell übrigens auch, wie Florian Haas berichtete: In einem der drei speziellen hölzernen Brutkästen, die im Zuge der Sanierung im Turm eingebaut wurden, könnte es schon in den nächsten Tagen Nachwuchs geben.

Ein Wanderfalken-Pärchen kümmert sich dort gerade um drei Eier. Für diese Vogelart eigentlich ein wenig spät, wie Haas hinzufügt. Normalerweise beginne sie früher mit der Brut. Aber weil wohl einer der Arbeiter, die bei der Sanierung im Turm tätig sind, den Deckel zum Brutkasten offen gelassen hatte, wollte sich dort zunächst kein Falken-Weibchen einnisten. Verspätet hat es aber jetzt doch noch geklappt. Das beweisen die Bilder einer Webcam: Sie zeigen Wanderfalken im Nistkasten und auch drei Eier. "Wir hoffen natürlich, dass alle drei was werden", sagte Haas. Über diese Kamera können er und seine Kollegen den Bruterfolg mitverfolgen, ohne die empfindlichen Tiere zu stören. Öffentlich zugänglich ist diese Webcam derzeit allerdings nicht.

Ein Besuch im Turm der Basilika St. Martin Amberg

Amberg

Vorübergehend umgezogen

Mit den Brutkästen sind im Martinsturm auch spezielle Sitzstangen angebracht worden, damit die jungen Wanderfalken ihre Flugmuskulatur trainieren können. Zuvor bot ihre Brutnische dafür keine Gelegenheit, weshalb es manche Jungvögel nach ersten Flugversuchen nicht mehr zurück in den Turm schafften. "Vor der Sanierung habe ich oft Wanderfalken wieder hoch getragen", berichtete Haas. Während der Sanierung sind die Tiere, die ihrem Horstplatz eigentlich sehr treu sind, aber lieber in der Turm der Georgskirche umgezogen. Dort hatte man vorsorglich schon einen Brutkasten eingebaut. Inzwischen sind die Falken aber zurück im Martinsturm. Nicht nur Wanderfalken, auch die etwas kleineren Turmfalken nisten dort.

Den präparierten Wanderfalken nahm für die Stadt am Mittwoch bei einem Termin im Rosengarten des Zeughauses Ambergs Bürgermeister Martin Preuß entgegen. Dass der prächtige Vogel abgestürzt sei, sei schade, meinte er, aber jetzt könne er Menschen, insbesondere jungen Leuten, viel über seine Art verraten. Die jagt Tauben, wie Anita Vieracker erklärte – und erlegt ihre Beute im Flug durch einen Biss ins Genick. Dafür nutzen die Vögel den sogenannten Falkenzahn, den sie am Schnabel haben.

Letzterer hat noch eine Besonderheit, die Rudolf Leitl am präparierten Exemplar zeigte: Ein spezieller Dorn im Schnabel sorgt dafür, dass der Wanderfalke trotz rasanter Fluggeschwindigkeit problemlos atmen kann. Mit rund 300 Stundenkilometern Fluggeschwindigkeit sei diese Art nämlich "der schnellste Vogel, den's bei uns gibt." Wer zum Martinsturm blickt, kann dort Wanderfalkenfliegen sehen: Man erkennt sie laut Anita Vieracker an ihren langen, sichelartigen Flügeln und den langen schmalen Schwanzfedern.

"Nicht anfassen"

Tödliche Unfälle wie der des präparierten Tieres gab es in der Amberger Altstadt übrigens sonst nicht. Allerdings kommt es schon vor, dass man erschöpfte Jungtiere irgendwo auf dem Boden sitzen sieht. Die Experten bitten Passanten, die Tiere dann einfach in Ruhe zu lassen und beispielsweise auch Hunde fernzuhalten. "Nicht anfassen", betonte Anita Vieracker – "in der Regel fehlt den Vögeln nichts, sondern sie sind nur erschöpft. Und wenn sie wieder neue Kraft gesammelt haben, fliegen sie auch problemlos wieder los." Wer sich trotzdem unsicher sei, ob so ein Tier Hilfe braucht, sollte die Fachleute der städtischen Naturschutzbehörde oder des Landschaftspflegeverbands verständigen.

Florian Haas findet es wichtig, Präparate wie das des Wanderfalkens zeigen zu können, um im Sinne des Naturschutzes der Entfremdung der Menschen von der Natur zu begegnen: "Die Leute kennen nichts mehr. Und was man nicht kennt, das kann man auch nicht schützen."

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.