16.02.2021 - 16:08 Uhr
AmbergOberpfalz

Wasser im Stadtarchiv: "Eine Katastrophe"

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Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny spricht von einer Katastrophe: Ein Leitungsbruch hat das Stadtarchiv vom Dachboden aus unter Wasser gesetzt und große Schäden angerichtet – am historischen Gebäude und an den kostbaren Archivalien.

Aufräumen nach der Katastrophe: Am Dienstagvormittag wurde das ganze Ausmaß des massiven Wasserschadens im Stadtarchiv sichtbar.
von Heike Unger Kontakt Profil

Die Katastrophe ereignete sich mitten in der Nacht zum Dienstag und blieb deshalb mehrere Stunden unbemerkt: Auf dem Dachboden des ehemaligen kurfürstlichen Wagenhauses am Paulanerplatz ist offenbar gegen 22 Uhr eine Wasserleitung, die zum Lüftungssystem gehört, zerborsten. Weil dies mitten in der Nacht geschehen ist, blieb der Schaden lange unbemerkt: Das ausströmende Wasser konnte sich so seinen Weg vom Dachboden in die darunter liegenden Magazinräume des Stadtarchivs bahnen, sickerte durchs historische Mauerwerk, floss aber auch durch Schächte nach unten. Um 5.30 Uhr hat dann offenbar die Brandmeldeanlage registriert, dass etwas nicht stimmte, und Alarm ausgelöst.

Daraufhin rückte die Amberger Feuerwehr mit etwa 20 Mann aus: Als sie eintraf, stand auf den Böden des Archivs das Wasser schon etwa fünf Zentimeter hoch. Massiver Einsatz einer Tauchpumpe und mehrerer Wassersauger schaffte dann erst einmal die große Flut aus dem Gebäude."Die Amberger Feuerwehr, wie immer: superschnell", lobte am Morgen danach Hochbauamtsleiter Hubert Meier, während er sich mit Archivar Jörg Fischer und Oberbürgermeister Michael Cerny einen ersten Überblick verschaffte. Da waren noch viele Helfer dabei, das restliche Wasser wegzusaugen und aufzuwischen. "Jetzt müssen wir schauen, dass das Restwasser beseitigt wird, und dann kann mit den erheblichen Trocknungsmaßnahmen begonnen werden", kommentierte Meier diese Bemühungen.

Wischen und Wasserwegsaugen: Fleißige Helfer bemühen sich um Schadensbegrenzung.

Es tropft weiter

Die konnten freilich nur einen Teil des Schadens begrenzen. Wenn die Spezialsauger gerade einmal Pause hatten, weil sie ausgeleert werden mussten, war in den Magazinräumen am Vormittag immer noch deutlich rinnendes Wasser zu hören. Auch in aufgestellte Auffangbehälter tropfte es noch. Meier erklärte das so: Weil der Rohrbruch auf dem Dachboden passiert war, war das Wasser in die unter dem dort oben rohen Holzboden in die darunter liegende Dämmung gelaufen, hatte die durchtränkt wie einen Schwamm und sich dann auf der Betondecke gestaut, von wo es dann weiter in die Archivräume darunter sickerte.

Wasser im Stadtarchiv: Erste Eindrücke vom Vormittag

Amberg

Fassungslos war Oberbürgermeister Michael Cerny: "Ich kann's nicht anders formulieren: Es ist eine einzige Katastrophe für wertvolles Archivgut." Dabei gehe es nicht einfach um "alte Akten, sondern das sind wirklich Schätze, die unsere Stadt ausmachen", betonte er und sprach davon, dass gerade Amberg "wahrscheinlich eines der wertvollsten kommunalen Archive in ganz Bayern" habe. "Man könnte eigentlich nur weinen, wenn man das sieht." Zum konkreten Ausmaß des Schadens konnte am Dienstag noch niemand etwas sagen. "Aber was sicher ist, dass einzelne, wichtige Dokumente wie alte Ratsbücher wirklich durchfeuchtet sind", berichtete Cerny: "Die sind nass wie ein Schwamm." Man könne nun "nur hoffen, dass die jetzt mit Hilfe von Spezialisten gesichert und auch bestmöglich wiederhergestellt werden können".

Nach Hochwasser nun Wasser von oben

Feuchtigkeit sei in einem Archiv "immer das Schlimmste", weiß der OB und erinnerte dabei an einen Grund dafür, dass die Einrichtung 2018 an den Paulanerplatz, in ihr jetziges Domizil im ehemaligen kurfürstlichen Wagenhaus, in Amberg auch als Schießl-Stadel bekannt, umgezogen ist: Zuvor logierte das Archiv nämlich direkt an der Vils und damit gefährlich nahe am Hochwasser, das die Räume dort auch tatsächlich schon überflutet hat. Um die besonderen Ansprüche eines Archivs mit der historischen Bausubstanz des Wagenhauses zu vereinen, entschied man sich dafür, das neue Stadtarchiv quasi als Betonwürfel in das vorhandene alte Gebäude hineinzusetzen. "Das ist natürlich das Tragische, dass man den Bau hier als ,Haus im Haus‘ in dem alten Schießl-Stadel errichtet hat, damit sich das Thema Hochwasser, vor dem man an der Vils immer Angst gehabt hatte, nicht wiederholen kann und wir hier wirklich einen sicheren Ort für unser Archivgut haben", merkte OB Cerny am Dienstag an. "Es ist jetzt wirklich tragisch, dass hier jetzt sozusagen das Wasser von oben gekommen ist."

Die genauen Umstände muss man laut Cerny nun "sicherlich gut hinterfragen und auch schauen, wie kann sowas in einem Baukörper, der genau das verhindern soll, passieren". Da stelle sich die Frage: "Was steckt da dahinter?" Denn eigentlich sei es "unvorstellbar, dass Wasser in diesen wirklich gut geschützten Räumlichkeiten von oben eindringen kann". Abgesehen von den einzigartigen Archivalien gehe es auch noch um Schäden an einem denkmalgeschützten Gebäude, mit historischer Bausubstanz. "Auch hier gilt es natürlich, schnellstmöglich zu trocknen, Schäden zu analysieren, und zu verhindern, dass weiterer Schaden auftritt."

Vollgesaugt wie ein Schwamm

Hochbauamtsleiter Hubert Meier sprach in einer ersten Schadensanalyse davon, dass offensichtlich "eine Wasserleitung im nicht isolierten Dachgeschoss geborsten" sei und sich das Wasser dann vom Dachboden aus "nach unten auf der Betondecke verteilt und durch Schächte in die Magazin-Ebenen verbreitet" habe. Der Boden des Dachgeschosses war für erste Untersuchungen schon teilweise geöffnet worden. "Wir haben hier eine historische Zerrbalken-Ebene, hier ist alles durchfeuchtet", meinte Meier mit Blick auf die unter den rohen Holzbrettern liegende dicke Isolierschicht, die sich vollgesaugt hatte wie ein Schwamm.

Sie und weitere Bausubstanz möglichst schnell trockenzulegen, sei das Gebot der Stunde, meinte Meier. Und verwies auf ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang: Bei der Sanierung des Gebäudes 2016 wurde "im Mauerwerk und auch im historischen Dachstuhl der echte Hausschwamm gefunden". Diesen Pilz "bekommt man nie weg, den kann man nur stilllegen" oder extrem betroffene Holzteile austauschen. Das ist auch im Wagenhaus geschehen. Gefährlich ist, dass der echte Hausschwamm laut Meier neu belebt werden kann, wenn er feucht wird. Deshalb "müssen wir jetzt schnell reagieren: öffnen, trocknen".

Rettung aus Leipzig

Archivar Jörg Fischer hat am Dienstagvormittag bereits Kontakt mit dem Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig aufgenommen. Hier gebe es Spezialisten, die in Zusammenarbeit mit dem Team des Stadtarchivs beschädigte Archivalien retten könnten. "Aktuell können wir hauptsächlich sagen, dass Bestände aus dem Bereich der Amtsbücher in einem Alter zwischen 500 und 600 Jahren betroffen sind", informierte Fischer im zu diesem Zeitpunkt noch recht dunklen Archiv: Aus Sicherheitsgründen und um Kurzschlüsse zu vermeiden, war der Strom ausgeschaltet. Wie schlimm es tatsächlich ist, lasse sich erst sagen, "wenn wir wieder genug Licht zum Arbeiten haben". Generell aber sei "der Wassereinbruch durch die Decke sozusagen das Worst-Case-Szenario, das man sich vorstellen kann in einem Archiv". Um das zu vermeiden, habe die Stadt viel Geld investiert.

Je nachdem, welche baulichen Maßnahmen nun erforderlich werden, kann es laut Fischer sein, dass Archivalien vorübergehend umgelagert werden müssen. Vom Wasser beschädigte Exemplare würden jetzt "vereinfacht gesagt, von einer Fachfirma eingefroren: Sie werden gefriergetrocknet, das muss sehr schnell erfolgen, um eine langfristige Schädigung zu verhindern." Hier gehe es um Dokumente, die wirklich nass sind. Die enorme Luftfeuchtigkeit, die durch den Wasserschaden im Gebäude entstanden ist, sei ein weiteres Problem: "Die müssen wir möglichst schnell wieder rausbekommen", betonte Fischer: "So eine Archivalie, die mehrere Hundert Jahre alt ist, auf der liegt ja immer Schimmel. Der ist im Normalfall inaktiv, man versucht das durch eine vernünftige Lagerung auch so zu halten." Doch jetzt, in der Feuchtigkeit, werde der Schimmel "unter Umständen aktiv und schädigt in großem Maßstab die Bestände. Das wäre das absolut Schlimmste, was uns passieren kann."

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