05.04.2020 - 13:01 Uhr
AmbergOberpfalz

Wegen Corona: Sparflamme unter Ambergs Braukesseln

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Die Amberger Brauereien müssen ihre Produktion drosseln, mancherorts steht sie still. Für Brauer bedeuten die Ausgangsbeschränkungen durch die Corona-Pandemie einen nie dagewesenen Umsatzrückgang. Es geht um nicht weniger als ihre Existenz.

In den Amberger Brauereien ist der Betrieb derzeit heruntergefahren oder sogar ganz eingestellt.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Im beschaulichen unterfränkischen Örtchen Werneck gibt es eine Brauerei. Seit 400 Jahren klirren dort die Krüge. Ende September ist nach vier Jahrhunderten Brautradition Schluss. Das Coronavirus legt das zur Brauerei gehörende Wirtshaus lahm, die Umsätze schossen in den Keller. Gerade kleinen, familienbetriebenen Brauereien macht die Pandemie zu schaffen. Von denen gibt es in Amberg einige. Droht ein nie dagewesenes Brauereisterben?

Noch im Januar hatten die Amberger Betriebe ganz andere Sorgen. Corona war damals noch eine ferne Grippe irgendwo in China. Für Schlagzeilen sorgten vielmehr die hohen Rohstoffpreise. So mancher Amberger Brauer kündigte hinter vorgehaltener Hand, später öffentlich, eine baldige Preiserhöhung an. Es ging um kleine Cent-Beträge. Heute, im Angesicht dieser epochalen Ausnahmesituation, erscheinen diese Nöte wie ein hohler Klang im Braukessel, unwichtig, rasch verhallt. Die Schieflage, in die Ambergs Brauer durch Corona geraten, kommt dagegen eher einem Riss im Kessel gleich. Und der wird tiefer, je länger die Krise andauert.

Im Januar sorgten leicht ansteigende Bierpreise für Schlagzeilen

Amberg

Laufende Kosten, keine Einnahmen

Hauptproblem ist die Gastronomie - oder eher deren Abwesenheit. Alle Wirtshäuser sind geschlossen, ein regulärer Brauereibetrieb findet seit Wochen nicht mehr statt. Für Unternehmen, die verschiedenste Einzelhändler beliefern, ist die Lage schwierig. Für solche, deren Einkünfte zum Großteil aus dem hauseigenen Zapfhahn sprudeln, ist sie verheerend. Alles steht, nichts fließt. Besonders heftig trifft es Gerhard Schmidkonz vom Schloderer Bräu. Seit in ganz Deutschland die Gastronomiebetriebe geschlossen haben, fallen 90 Prozent seiner Einnahmen weg. Im Gegensatz zu den meisten anderen Amberger Brauereien, verkauft Schmidkonz sein Bier fast ausschließlich im eigenen Haus. "Aktuell bricht uns der komplette Markt weg", sagt Schmidkonz.

Wir hoffen einfach auf ein Licht am Ende des Tunnels.

Brauer Gerhard Schmidkonz

Noch vor wenigen Wochen hat er kräftig eingekauft, um für mögliche Lieferengpässe gewappnet zu sein. Nun hat sich die Lage umgekehrt: Lieferungen wären noch möglich, aber er darf kein Bier mehr ausschenken. "Unser Keller ist voll, den Braubetrieb haben wir aber eingestellt." Seine Brauerei ächzt unter den laufenden Kosten. Allein 12 000 Euro kostet die Pacht, dazu kommen Versicherungen oder Leasing-Gebühren. "Da bist du schnell über 20 000 Euro jeden Monat", rechnet Schmidkonz vor. Und keinerlei Einnahmen. Er klingt niedergeschlagen. "Für uns bedeutet das einen Komplettausfall. Wir hoffen einfach auf ein Licht am Ende des Tunnels."

Eigentlich sei ja jetzt die Zeit, „in der man Gas gibt“, sagt Maximilian Winkler. Auch in der Brauerei Winkler herrscht Sparflamme unterm Braukessel. „Die ganzen Feste, die Sommer- und Biergartensaison. Das fällt halt aktuell alles weg.“ In sechs Wochen stünde die Dult vor der Tür, „da hätten wir heuer zum ersten Mal geliefert“. Nun steht aber der Betrieb bis Ostern still, in der Hoffnung, dass es danach wieder aufwärts geht oder die Leute verstärkt in Getränkemärkten ihr Bier kaufen. „Wir bieten aber nach wie vor einen Lieferservice an“, sagt Winkler.. Bestellungen könnten, so eine Überlegung, auch vor der Tür abgestellt werden, um unnötigen Kundenkontakt zu vermeiden. „Dann kassieren wir eben nicht mehr bar, sondern per Lastschrift.“

Kundenstamm gefährdet

Auch Franz Kummert hat seine gleichnamige Brauerei auf den Notbetrieb heruntergefahren. Was bedeutet das? "Letzte Woche haben wir noch einen Sud gemacht", sagt Kummert, "diese Woche nicht mehr." Und das wird auch die nächsten ein, zwei Wochen so bleiben. An staatlichen Hilfen hat er bereits alle Register gezogen: Soforthilfe, Kurzarbeit, gestundete Steuern. Langfristig sieht Kummert aber keine Entspannung, schließlich sei unklar, wie die Hopfenernte im Sommer läuft. "Es fallen viele Arbeitskräfte aus Osteuropa weg", Erntehelfer könnten knapp werden. Eine schlechte Hopfenernte würde wiederum die Probleme der Brauer verschärfen.

Und derer gibt es schon genug. Kummert glaubt nicht, dass sich die Gastronomie nach einem möglichen Ende der Ausgangsbeschränkung im April gleich wieder erholt. Es werde dauern, bis sich Normalität einstellt. Seine größte Befürchtung ist eine andere: Viele seiner langjährigen Kunden sind Gastronomiebetriebe, die gewaltig an der Coronakrise zu knabbern haben. Selbst wenn es seine Brauerei schafft, die Pandemie finanziell verhältnismäßig unbeschadet zu überstehen, muss das nicht für seinen Kundenstamm gelten. "Ich befürchte das viele davon die Zeit nicht durchhalten", so seine Prognose. "Am Ende bedeutet das auch für uns Verluste."

Getränkehandel läuft gut

Mit herben Einbußen rechnet Martin Sterk für seine Brauerei nach spätestens einem Monat. Er braut zwar in nahezu unverändertem Umfang, durch die geschlossenen Gaststätten registriert er trotzdem einen Umsatzrückgang. "In vier Wochen geht es ans Eingemachte", sagt er. Dann müsse er auch das Eigenkapital angreifen. Immerhin: Der Getränkehandel, etwa 20 Prozent seines Verkaufs, läuft recht gut. Seit Anfang der Woche tragen er und sein Azubi Gesichtsmasken, sobald sie mit einer Lieferung unterwegs sind. "Gerade bei älteren Kunden ist das wichtig", sagt Sterk. Auf staatliche Hilfen hofft auch er. "Da wurde viel versprochen, passiert ist bei mir bis jetzt nichts. Im Moment ist alles etwas angespannt."

Eine kleine Hoffnung hegt Sterk der dürren Zeiten zum Trotz: Vielleicht können wir alle etwas aus den Umständen und Engpässen lernen. Dass man wieder bei der Wirtschaft im Ort einkauft, statt im Internet zu bestellen." Gerade nach der Pandemie sei ein starker Verkauf wichtig. "Was wir jetzt verlieren, holen wir nie mehr rein", sagt Sterk. Die Coronakrise bringt die Amberger Brauereien an ihre Grenzen, egal ob sie Gaststätten beliefern, an Privatleute verkaufen oder selbst an der Theke stehen. Sterk bringt es auf den Punkt: "Wir hängen im Moment in der Luft." Es bleibt zu hoffen, dass es den traditionsreichen Amberger Brauhäusern nicht so ergeht wie dem im fränkischen Werneck. Dass sie sich nicht im Zuge des Coronavirus´ in Luft auflösen. Der Kampf gegen die Pandemie ist auch einer um unsere Brauereien.

Hintergrund:

"Trinkende Unterstützung"

Wenn jemand die bayerischen Brauereien bis auf die Lokalebene mit Argusaugen verfolgt, dann ist es Lothar Ebbertz. Er ist derzeit Geschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes. „Ich kenne die Amberger Brauereibetriebe“, sagt er, „denen geht es zurzeit wirklich nicht gut. Da machen wir uns große Sorgen.“ Gerade in solchen Brauereien, die auf den hauseigenen Gastronomiebetrieb setzen, werde die Luft schon sehr dünn. „Denen fehlen die Einnahmen verheerend.“ Die Hilfen der Politik hält Ebbertz für „ganz nett“. Aber was jetzt im Ostergeschäft wegfalle, „das wird im Mai nicht draufgetrunken. Die Menschen holen ja nicht nach, was sie jetzt in den Wirtshäusern an Getränken versäumen“, erklärt er. Wer eine neue Hose brauche, der gehe auch nach der Pandemie noch zum Herrenausstatter. „Dem gehen die Einnahmen zumindest nicht verloren, beim Bier ist das völlig anders.“

Einen pauschalen Tipp für die Amberger Brauer hat er nicht parat. „Dafür sind die Situationen und Bedürfnisse in den einzelnen Betrieben zu unterschiedlich.“ Die einen kämen vergleichsweise gut mit dem Ausfall klar, weil sie verstärkt auf Heimdienste und Absätze in Getränkemärkten setzen könnten. „Andere haben überhaupt keine Einnahmen mehr.“ Die oftmals vorgeschlagenen Hol-Konzepte für gebeutelte Gastro-Betriebe hält Ebbertz in Brauereien für schwer vorstellbar. „Niemand bestellt in einem Gasthof eine Flasche Bier und holt sie ab“, glaubt er.

Wie also ist den krankenden Brauereien zu helfen? Ebbertz appelliert: „Auch zu Hause schmeckt ein Bier gut. Auf der Couch oder zur Brotzeit. Ihre Heimatbrauereien“, diesen Wortwitz kann sich Ebbertz nicht verkneifen, „brauchen jetzt trinkende Unterstützung.“ (blf)

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