06.06.2019 - 20:09 Uhr
AmbergOberpfalz

Wider die Judenfeindschaft

Seit einem Jahr hat Bayern einen Antisemitismusbeauftragten. Seit einem Monat hat die bayerische Staatsregierung die Antisemitismus-Definition der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken angenommen. Reicht das, oder braucht es mehr?

(von links) Studiendirektor Günter Kohl, Rabbiner Elias Dray, Amberg. Dr. Juliane Wetzel, Historikerin, Sanem Kieff, Bundeskoordination ,,Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Leitender Kriminaldirektor Robert Fuchs, Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Prof. Wolfgang Benz, Historiker und Antisemitismusforscher, Berlin
von Alexander Pausch Kontakt Profil

In acht Jahren München vier Mal einen dummen Spruch, das nennt der Amberger Rabbiner Elias Dray eine ganz gute Bilanz. Auch durch seine Heimatstadt Amberg läuft er ohne Sorge mit der Kippa auf dem Kopf. Anders dagegen in Berlin, seinem zweiten Standort. Dort habe er binnen zweier Wochen zweimal erlebt, dass ihn Jugendliche zusammenschlagen wollten, vermutlich mit einem familiäreren Hintergrund aus arabischen Ländern, erzählt Dray am Mittwoch in Amberg.

Dennoch gehen weder er noch die anderen Teilnehmer des Symposiums "Antisemitismus, ein gesamtgesellschaftliches Problem" im Großen Saal des Amberger Rathauses davon aus, dass Judenfeindschaft und Antisemitismus ein importiertes Problem ist. Im Gegenteil: "Der Antisemitismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft", sagt der Historiker und langjährige Antisemitismusforscher Wolfgang Benz in seinem Vortrag.

Die ganztägige Tagung organisierten die staatliche Schulberatungsstelle für die Oberpfalz und das Polizeipräsidium Oberpfalz. Es war die zweite gemeinsame Veranstaltung zum Thema Antisemitismus nach 2011. Unter den rund 90 Zuhörern waren Schulpsychologen, Beratungslehrer, Dienststellenleiter der Polizei, Präventionsbeamte sowie unter anderem Vertreter der Bereitschaftspolizei, der Hochschule für Öffentlichen Dienst und von Fachstellen.

Judenfeindschaft gebe es ohne räumliche und zeitliche Begrenzung von der Antike bis in die Neuzeit, unterstreicht Benz. "Die Judenfeindschaft, war immer in der Mitte der Gesellschaft" - mit Ausgrenzung, Pogromen und Massakern. Mit der Begründung der Rassenbiologie mündete der Antisemitismus in der Zeit des Nationalsozialismus schließlich in den Völkermord, den Holocaust mit mindestens sechs Millionen Toten. Benz lehnt es daher auch ab, von einem modernen Antisemitismus zu sprechen. Es sei der "abgestandene rassistische Antisemitismus".

Kommentar

Amberg

Zu 80 Prozent von Rechtsextremisten

Weiter Erscheinungsformen des Antisemitismus, die Benz und die Historikerin Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung anführen, ist der christliche Anti-Judaismus, der zumindest in Deutschland weitgehend verschwunden sei. Benz, selbst langjähriger Leiter des Berliner Zentrums, verweist auf den latent vorhandenen und allgegenwärtigen sekundären Antisemitismus. Dabei handle es sich um Ressentiments gegen Juden, die von vielen geteilt und eher hinter vorgehaltener Hand artikuliert werden.

In Bayern registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 219 politische Straftaten mit antisemitischer Motivation, in der Oberpfalz waren es zehn. Der Leitende Kriminaldirektor Robert Fuchs vom Polizeipräsidium Oberpfalz verweist darauf, dass es Vorkommnisse an den Schulen gebe. Als Beispiele nennt er den Austausch einschlägiger Begriffe durch Jüngere in Chats, die diese nicht verstünden. Es gebe auch Fälle von älteren Schülern, etwa vor dem Abitur, was für diese Konsequenzen habe.

Wetzel zeigte, dass antisemitische Straftaten in Deutschland zu 80 Prozent durch Rechtsextremisten verübt werden. Die Gesamtzahl erreichte vergangenes Jahr ein Hoch, nach 2006. Damals tobte der zweite Libanonkrieg. Der Antisemitismus, der im Gewand des Anti-Zionismus daherkommt, war ein weiteres Thema. Kritik an israelischer Politik sei legitim, wie bei jedem anderen Staat auch. Antisemitisch ist es, Israel die Existenzberechtigung abzusprechen oder die Politik als Ausfluss jüdischer Eigenschaften zu charakterisieren.

Debatte über Antisemitismus

München

Kinder nicht allein lassen

Gleichwohl verschlossen die Diskutanten nicht davor die Augen, dass zugewanderte Jugendliche ihre eigene Judenfeindschaft und Antisemitismus mitbringen. "Wir müssen uns auch um die geistige Haltung von Acht- und Zehnjährigen kümmern, die aus Kriegsgebieten kommen und mit Hass auf Juden und Israel groß geworden sind", betont Sanem Kleff, Bundeskoordinatorin "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". "Wenn ein Kind ein paar Tausend Kilometer geflohen ist, dann hat es nicht plötzlich andere Bilder im Kopf", sagt sie und wirbt dafür, "dieses Kind nicht mit der Ideologie der Unmenschlichkeit allein zu lassen."

Benz plädierte dafür, unaufgeregt und beständig den Wall gegen Antisemitismus zu stärken. Das Symposium war ein erster Ansatz. Die Arbeit beginnt nun für alle im Alltag.

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