04.11.2021 - 11:47 Uhr
Atzmannsberg bei KemnathOberpfalz

So war die Schreinerlehre vor über 70 Jahren

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der 15-jährige Josef Birkner aus Atzmannsberg eine Schreinerlehre. Später gründete er seinen eigenen Betrieb. Erinnerungen an eine Zeit, in der der Lehrling noch nicht an die Maschinen durfte.

Die Hauptwerkzeuge eines Schreinerlehrlings waren ein Hobel, ein Holzhammer, eine Säge und ein "Hackl".
von Christa VoglProfil

„Es waren halt noch andere Zeiten“, sagt Josef Birkner, der in Atzmannsberg und Umgebung nur als „da Lenzn-Schreiner“ bekannt ist. Mit „andere Zeiten“ meint der 88-Jährige die Zeit direkt nach dem Krieg, genauer gesagt 1948. Denn in diesem Jahr begann der damals 15-Jährige in Parkstein eine Schreinerlehre. „Im ersten Lehrjahr habe ich 3 Mark im Monat verdient, im zweiten 5 Mark und im dritten 8 Mark.“ Heute verdient ein Schreinerlehrling im dritten Lehrjahr in der Regel um die 700 Euro. Andere Zeiten halt.

Aber nicht nur der Lohn ist nicht mehr vergleichbar mit früher, auch die Bewerbung um eine Lehrstelle lief damals noch anders ab. „Mein Vater und ich besuchten damals meinen Onkel in Parkstein. Und weil ich unbedingt Schreiner werden wollte und der Nachbar meines Onkels eine Schreinerei hatte, fragten wird dort nach.“ Und sie hatten Glück, denn im Betrieb wurde für das neue Lehrjahr „ein Stift“ gebraucht. „Du kannst am ersten November bei mir anfangen!“, sagte der Schreinermeister.

Kost und Logis frei

Für den 15-Jährigen bedeutete die Lehre eine große Umstellung. Denn ab sofort wohnte er nicht mehr bei seinen Eltern in Atzmannsberg, sondern im 25 Kilometer entfernten Parkstein. Und zwar in einem kleinen Zimmer unter dem Dach der Schreinerei. Die Mahlzeiten nahm er zusammen mit der Familie ein: Kost und Logis frei, sozusagen. Sein Lehrherr brachte ihm aber nicht nur alles bei, was ein Schreiner damals können musste. Nein, der neue Lehrling musste auch regelmäßig im landwirtschaftlichen Betrieb der Familie mithelfen: Kühe melken, Kartoffeln klauben oder auch mit der Sense Gras mähen. „Heute darf das gar nicht mehr sein. Aber damals war es halt so“, sagt der Atzmannsberger rückblickend.

Zum ersten Mal nach Hause nach Beginn der Lehrzeit durfte er an Weihnachten. „Es gab direkt nach dem Krieg noch fast keine Autos. Also musste ich mit dem Zug von Parkstein nach Trabitz fahren und von dort zu Fuß nach Atzmannsberg gehen. So eine gute Stunde ist man da schon gelaufen.“ Und das nächste Mal sei er erst wieder an Ostern nach Hause gekommen.

Arbeitsende am Samstagmittag

Besser wurde die Situation erst im zweiten Lehrjahr. Ein Onkel aus Berlin hatte ihm nämlich ein Schifferklavier geschenkt. Weil aber der Lehrherr überhaupt nicht begeistert war, dass sein Lehrling so viel Zeit in das Instrument steckte, wurde er vor die Wahl gestellt: Entweder Schreinerlehre oder Musik. Der junge Lehrling entschied sich, die Musik aufzugeben, verkaufte schweren Herzens das Schifferklavier – und kaufte sich von dem Geld ein Fahrrad. „Das kostete damals auch schon knapp 100 Mark und zu der Zeit war ein Fahrrad noch etwas Besonderes. Denn nicht jeder hatte ein Fahrrad“, erzählt der Lenzn-Schreiner.

Das Fahrrad machte das Leben leichter. Denn damit war es ihm endlich möglich, jedes Wochenende in sein Heimatdorf zu radeln. „Das waren einfach um die 25 Kilometer. Immerzu ging es bergauf und bergab.“ Und an noch etwas erinnert er sich ganz genau: Er fuhr mit dem Rad nie am Freitagabend oder gar schon am Freitagnachmittag von Parkstein nach Atzmannsberg. „Arbeitsschluss der Woche war am Samstagmittag“, sagt er. Aber gleich nach dem Mittagessen setzte er sich dann immer auf sein Fahrrad und fuhr so schnell es ging nach Hause.

Eheringe aus Münzen

Da er sich nun durch die Musik kein Zubrot mehr verdienen konnte, suchte er sich eine andere Einnahmequelle und fand sie auch: Er fertigte „aus Zehnerln“ - also aus Zehn-Pfennig-Münzen - Fingerringe. „Das habe ich mir vom Atzmannsberger Dorfschmied abgeschaut“, erzählt der 88-Jährige schmunzelnd. Dabei wurde das Innere der Münze heraus gestanzt und der Metallring, der stehen blieb, im Anschluss daran glatt gefeilt. „Von diesen Ringen habe ich ziemlich viele gemacht. Zu der Zeit wurden solche Ringe oft auch als Eheringe verwendet. Damals hat es ja nichts anderes gegeben.“

Und die Lehre? Wie war denn so die Arbeit als Lehrling nach dem Krieg? „In der Schreinerei gab es eine Fräsmaschine und eine einfache Hobelmaschine. Aber als Lehrling durfte ich nicht mit Maschinen arbeiten,“ erzählt der Lenzn-Schreiner. Ein Lehrling musste nämlich alles „mit der Hand“ machen. Die Hauptwerkzeuge eines Schreinerlehrlings waren damals ein Hobel, ein Holzhammer, eine Säge und ein „Hackl“, also ein Beil. Und mit diesen Arbeitsgeräten lernte er, das Stammholz zu Stuhl- oder Tischbeinen zu verarbeiten. Und aus Brettern wurden Schränke, Betten oder Kommoden gefertigt. Denn: „Zu der Zeit gab es noch keine Möbelfabriken. Wer Möbel brauchte, der ging in eine Schreinerei.“

Bischof statt Schreiner

Und dann stiehlt sich ein Lächeln auf das Gesicht des Lenzn-Schreiners. Weil er nämlich gerade an ein ganz besonderes Werkstück denken muss, das er während seiner Lehre fertigte: einen Sarg. Denn auch für die Fertigung von Särgen waren Schreinereien damals die richtige Adresse. Der 88-Jährige erinnert sich noch gut daran: „Ich wog zu der Zeit erst 45 Kilo und war klein für mein Alter.“ Und besonders leicht sei die Arbeit mit dem Holz auch nicht gewesen. Auf jeden Fall war der Sarg für den Lehrling eine große Herausforderung, er sagt: „14 Tage war ich damit beschäftigt, die Bretter zu hobeln, zu sägen und zusammen zu nageln. Bis dann am Ende der Sarg fertig war.“

An eine Äußerung seines damaligen Lehrherrn erinnert sich der Birkner-Sepp auch heute noch sehr gut. Der sagte nämlich irgendwann einmal zu seinem neuen Stift: „Also wenn du ein Schreiner wirst, dann werde ich Bischof.“ Mit dieser Aussage sollte er aber nicht recht behalten. Denn aus dem Birkner-Sepp ist sehr wohl ein Schreiner geworden. Ja, sogar ein Schreinermeister mit eigenem Betrieb, den mittlerweile sein Sohn führt. Vom Lehrherrn ist dagegen nicht bekannt, dass er Bischof wurde.

Einblicke in eine vor 250 Jahren gegründete Schreinerei

Floss
Josef Birkner (88) erinnert sich noch genau an die Zeit als Schreinerlehrling kurz nach dem Zweiten Weltkrieg

„14 Tage war ich damit beschäftigt, die Bretter zu hobeln, zu sägen und zusammen zu nageln. Bis dann am Ende der Sarg fertig war.“

Josef Birkner zu seiner Zeit als Schreiner-Lehrling

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