10.09.2019 - 16:45 Uhr
BayreuthOberpfalz

Fall Sophia: Staatsanwältin und Familie fordern lebenslänglich

Im Mordprozess nach dem Tod von Sophia Lösche ist plädiert worden. Staatsanwaltschaft und Nebenkläger fordern lebenslange Haft für den Fernfahrer, der die Tramperin aus Amberg getötet hat. Auch Familienangehörige ergreifen das Wort.

Am Dienstag plädierten (von links) Andreas Lösche, Pfarrer i. R. Johannes Lösche und Nebenklagevertreter Valentin Barth sowie Oberstaatsanwältin Sandra Staade (rechts). Dem Angeklagten folgt Simultanübersetzer Nasrat Nazmy aus Hof.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Johannes Lösche, Vater der Getöteten, wendet sich direkt an den Angeklagten: „Sie sagen nicht die ganze Wahrheit.“ Die Hoffnung des pensionierten Pfarrers aus Amberg, dass mit dem Gerichtsprozess „etwas Licht in diese schreckliche Finsternis“ komme, hat sich nicht erfüllt.

Oft seien er und seine Frau gefragt worden, warum sie an der Verhandlung am Landgericht Bayreuth teilnähmen. „Wieso tut ihr euch das an?“ Seine Antwort: „Zum einen, um unsere Tochter Sophia zu schützen, vor diesem ,selber schuld’. Zum anderen, weil es uns krank macht, die Wahrheit nicht zu kennen.“ Aber auch im inzwischen elf Tage andauernden Prozess haben die Nebenkläger keine Klarheit erlangt. „Sie haben die Tat nicht geleugnet. Aber ein umfassendes Geständnis war das nicht.“

Der Pastor mit dem weißen Haar hat sich für sein Plädoyer erhoben. Er erhebt auch die Stimme in Richtung des Fernfahrers, der keine fünf Meter weiter sitzt und mit der Stirn beinahe auf der Tischplatte aufkommt. „Wie konnten Sie nur? Wie konnten Sie nur zur Behauptung kommen, Sophia habe Sie zur Weißglut gereizt?“ Wer Sophia kenne, der wisse: „Niemals hätte sie fremde Sachen durchwühlt.“ Und: „Wann ist Ihnen überhaupt eingefallen, Sophia zu einer Haschischsüchtigen zu machen?“ In einem Brief aus dem Gefängnis an seine Mutter schreibt der Angeklagte, Sophias Handeln sei von Allah bestimmt gewesen. „Sophia soll Allahs Werkzeug sein? Grausamer geht’s doch nicht!“

Seine Rede steht in starkem Kontrast zum emotionsfreien Plädoyer von Oberstaatsanwältin Sandra Staade. Sie legt sich auf den Tatort Sperbes fest, anders als in der Anklage, die den Tötungszeitpunkt offen ließ. Alles, was für eine spätere Tötung gesprochen habe, habe sich zerschlagen: So widersprach der Erlanger Rechtsmediziner seinen spanischen Kolleginnen, wonach die Fesselung bei lebendigem Leib erfolgt sei. Auch für Sophias DNA an einer später gekauften Bierdose gab es eine Erklärung: Der Angeklagte selbst könnte diese Spuren übertragen haben.

Aber die Oberstaatsanwältin bleibt beim sexuellem Motiv, auch wenn ein Sexualdelikt nicht mit Spuren nachgewiesen werden kann. Dem Fernfahrer gefiel die fröhliche Tramperin, die er auf der Raststätte Schkeuditz schon heimlich fotografiert hatte, ehe er sie überhaupt ansprach. Bei einem Stopp in Sperbes sei es zu einem Annäherungsversuch gekommen, so die Staatsanwältin. Dabei sei Boujemaa L. abgeblitzt und ausgerastet. Die Anklagevertreterin hält das Geständnis im Kern für glaubhaft: Demnach stieg der Angeklagte nach den ersten Schlägen auf eine Zigarettenlänge aus, um nachzudenken, kehrte dann zurück und versetzte dem Opfer die todbringenden Schläge: „Wer eine Eisenstange mit solcher Wucht gegen den Kopf führt, dass es das Schädeldach scherbenartig zerlegt, der will töten.“ Die Staatsanwältin plädiert auf Mord zur Verdeckung einer Straftat.

Nebenklagevertreter Valentin Barth legt noch die besondere Schwere der Schuld drauf. „Er hat das Leben der Sophia Lösche eiskalt und brutal ausgelöscht.“ Der Bamberger Anwalt schließt einen alternativen Todeszeitpunkt nicht aus, selbst wenn das strafrechtlich nicht relevant sei. So kam der Angeklagte am Morgen nach der angeblichen Bluttat mit blitzsauberer heller Hose in Lauf an. „Da kann man schon auf den Gedanken kommen, dass die finalen Schläge erst später erfolgten.“

Andreas Lösche hält ein Schwarz-Weiß-Porträt seiner Schwester hoch. „Schauen Sie ruhig mal her.“ Erst nach einigem Zögern blickt der Angeklagte hinüber. „Das ist meine Schwester. Nicht heimlich aufgenommen und auch nicht gelöscht.“ Der Bruder glaubt dem Fernfahrer nicht, dass er mit einer Leiche quer durch Europa fuhr. Andreas Lösche bringt noch einmal alle Argumente vor, die für einen Tatort in Frankreich sprechen. „Es gibt keines, das gegen diese Variante spricht.“ In Frankreich parkte der Lkw 24 Stunden an einem Wald, im Schutz der Nacht. In Frankreich kaufte der Angeklagte Plastiksäcke. Kurz nach Frankreich entledigte er sich der Leiche. Bei seiner Festnahme hatte er ein Unterhemd mit Blut von Sophia an: „Das hätte er ja dann sechs Tage angehabt.“

Mit dem letzten Plädoyer ist Verteidiger Karsten Schieseck an der Reihe, der Familie und Freunden Respekt zollt: „Sophia Lösche war ein ganz besonderer Mensch. Eine Hundertschaft hat alles unternommen, um sie wohlbehalten zurückzubekommen.“ Aber all diese Theorien hält er für konstruiert: „Auch wenn ein besonderer Mensch zu Tode kommt, ist der Tod oft etwas sehr banales.“ Ein Streit, Schläge auf den Kopf. „Mehr ist es oft nicht.“ Der Anwalt geht soweit, dass er Details aus dem Geständnis seines Mandanten anzweifelt: Den Griff der sterbenden Sophia an das Bein des Täters – „den hat es nicht gegeben.“ Ebenso wenig glaubt er seinem Mandanten die Pause zwischen den Schlägen, in der er angeblich überlegt habe, Hilfe zu holen: „Bullshit. Er konnte keine Hilfe holen, weil Sophia nach den ersten Schlägen tot war.“

Jeder glaubt etwas und keiner dasselbe. Und der Angeklagte? Sein letztes Wort beginnt er mit Anschuldigungen an seinen Spediteur: „Mein Arbeitgeber hat manipuliert. Ich habe keine Erlaubnis, um Chemikalien zu transportieren.“ Es folgen wirre Worte. „Ich hatte nicht die Absicht, die Frau umzubringen.“ „Als sie mich geschlagen hat, habe ich die Nerven verloren“. „Ich bin nicht glücklich in meinem Leben.“ „Wenn Sie mich zum Tode verurteilen wollen, macht mir das nichts aus.“ Erst ganz am Ende kommt es ihm dann doch über die Lippen: „Ich bitte um Entschuldigung.“

Am vorletzten Verhandlungstag gegen den Marokkaner Boujemaa L. sind die Plädoyers zu hören.
Hintergrund:

Diskussion über Rolle der Polizei

Gab es ein Mitverschulden? Haben es das Opfer oder die Polizei es dem Täter leicht gemacht? „Ich halte das für völlig abwegig“, sagte Oberstaatsanwältin Sandra Staade in ihrem Plädoyer. „Wo sollte denn das Mitverschulden liegen? Darin, dass sie in sommerlicher Kleidung unterwegs war? Dass sie mit einem marokkanischem Lkw-Fahrer unterwegs war?“ Sie gibt die Antwort selbst: „Alles Schwachsinn.“

Genauso abwegig ist es aus ihrer Sicht, der Polizei ein Verschulden zu geben. Die Staatsanwältin ist im Laufe des Verfahrens zur Überzeugung gekommen, dass Sophia Lösche am Abend ihres Verschwindens getötet wurde. Die Vermisstenmeldung wurde am nächsten Tag erstattet. „Sophia war nicht rettbar.“ Aus Sicht der Angehörigen sei es nachvollziehbar, dass man sich von Beginn an große Sorgen machte. Die kriminalistische Erfahrung sei eine andere. Von 11087 Vermisstenmeldungen in Bayern 2018 sei ein „verschwindend geringer Teil“ tatsächlich Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. „Wie man künftig Vermisstenmeldungen handhaben will, ist eine politische Frage, die im Strafverfahren nichts zu suchen hat.“

Nebenklagevertreter Valentin Barth betonte, dass es ohne die privaten Ermittlungen von Familie und Freunden vermutlich gar nicht zu einem Prozess gekommen wäre. Der Angeklagte wäre beinahe nach Marokko gekommen, weil sich die Polizei nicht über Zuständigkeiten einigen konnte und den Fall zu lange als Vermisstenfall behandelt, obwohl es Argumente für ein Verbrechen gab. „Ob man von Mitschuld der Ermittlungsbehörden sprechen will, weiß ich nicht. Aber mit Sicherheit gab es Versäumnisse, die angesprochen werden müssen“, so Barth. Andreas Lösche bezeichnete das Plädoyer der Staatsanwältin nach der Verhandlung als „Auftragsarbeit“ im Sinne der Polizei.

Amberg
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