21.05.2021 - 16:55 Uhr
BirglandOberpfalz

Klare Signale im Birgland: Wirtshaus ist jetzt Frauensache

Es gibt gute Nachrichten aus dem Birgland. Zwei junge Frauen, Tina und Michaela, sind aus ihrem erlernten Beruf ausgestiegen und Wirtinnen geworden. Sie betreiben die Gasthöfe ihrer Familien weiter - aber die Lage ist nicht rosig.

Die junge Wirtin vom Jägerheim Tina Klementa mit ihrer Tochter Anika.
von Helga KammProfil

Ein Wirtshaus gehört zu einem Dorf, ist Teil der gelebten bayerischen Kultur. Aber die Aussichten sind düster. Immer mehr traditionsreiche Gaststätten machen dicht. Schon vor der Pandemie gab es in rund 150 Gemeinden in Bayern gar keine Gastronomie mehr. Der monatelange Lockdown hat nun zur Folge, dass noch mehr Gastwirte das Handtuch werfen werden. Nicht so in der Gemeinde Birgland. Zwei junge Frauen, Tina Klementa in Schwend und Michaela Högner in Poppberg, haben sich entschlossen, die Gastronomie ihrer Eltern fortzuführen und so ihrem Dorf einen Ort der Begegnung, des Austausches und auch des kulturellen Lebens zu erhalten.

Darüber freut sich nicht zuletzt Brigitte Bachmann, die Erste Bürgermeisterin der Gemeinde Birgland. Sie sagt: „Ich finde das in der heutigen Zeit sehr mutig, freue mich aber natürlich sehr, dass wenigstens an diesen beiden Orten unsere Wirtshaustradition im Birgland weitergeht“.

Früher Wagnerei

Noch ist es nicht ganz so weit, denn seit Anfang November 2020 sind die Gasthäuser coronabedingt geschlossen. In der Wirtsstube des „Jägerheims“ in Schwend ist trotzdem Leben. Tina Klementa (26) hat Zeit, mit Anika, ihrer knapp zweijährigen Tochter zu spielen, während Reinhard Götz, ihr Vater und Anikas Opa, sich seine Brotzeit schmecken lässt. Von ihm hat Tina Anfang 2018 das Dorfwirtshaus übernommen, zunächst als Pächterin und seit Januar 2020 als Besitzerin. Sie hat ihren Beruf als Zahnarzthelferin aufgegeben und ist seit Generationen von Männern die erste weibliche Chefin im Haus. Zwei gemütliche Wirtsstuben, einen Stammtisch und ein geräumiges Nebenzimmer gibt es im Jägerheim. In „normalen“ Zeiten ist ab 17 Uhr geöffnet, am Mittwoch und Donnerstag aber geschlossen.

Das Jägerheim, so erzählt Senior Reinhard Götz, war nicht immer Wirtshaus. Sein Großvater Hans Götz habe das Haus 1909 errichtet und bis 1953 eine Wagnerei betrieben. Als es für diesen Berufsstand keine Arbeit mehr gab, wurde von seinem Vater Leonhard Götz das Haus umgebaut, ein Wirtshaus eingerichtet, und später von ihm als seinem Sohn weitergeführt. „Die haben bloß Weiber hingekriegt“, erklärt Tina die Entscheidung ihrer Eltern, das Gasthaus in ihre weiblichen Hände zu übergeben. Sie hat ihren Schritt nicht bereut. „Der Wirtshausbetrieb ist mir von Kindheit an vertraut, ich habe mehr Zeit für Anika, besonders jetzt“, erklärt sie, “ und auch mein Mann hilft neben seiner Berufsarbeit oft daheim mit“.

Das Jägerheim ist für die rund 400-Einwohner-Gemeinde Schwend ein fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft. „Wir haben überwiegend Stammkundschaft, eine einfache Küche mit Brotzeiten wie Pizza, Currywurst und Bratwürstln, ab und zu eine Familienfeier“, beschreibt der Senior das Wirtshaus, und Tina Klementa betont, dass sie sehr gern kocht für ihre Gäste. Sie freut sich auf die Zeit nach Corona, wenn die Wirtshaustür wieder offen sein darf und vor allem die jungen Leute wieder kommen. „Mit denen habe ich immer viel Spaß, sie sind einfach handsam“, beschreibt die junge Wirtin ihre Gäste, mit denen sie auch schon einmal sitzen bleibt „bis die Sperrstunde schlägt“.

Gasträume als Spielplatz

Die Türen nicht ganz geschlossen sind in Poppberg, denn zum „Landgasthof zum Schloß“ gehört auch eine Metzgerei, und die darf auch in Pandemiezeiten geöffnet sein. Rudolf Högner ist der Metzger in dem 73 Einwohner zählenden Birgland-Dorf. Bis zum April 2021 waren er und seine Frau Karola die Betreiber des Landgasthofes, bevor ihre Tochter Michaela (32) die Regie übernahm. Auch diese junge Frau, gelernte Physiotherapeutin, hat ihren Beruf aufgegeben, um das Lebenswerk ihrer Eltern fortzuführen. Ihr zur Seite steht Maximilian Graf, Polizist und Vater von Annalena (2), für die seit langem geschlossenen Gasträume ein großer Spielplatz sind.

Auch das Gasthaus in Poppberg hat eine lange Geschichte. Ein Schild mit der Aufschrift „Schmiede“ erinnert an die frühere Nutzung. „Wegen einer Kriegsverletzung konnte mein Vater nicht mehr als Schmied arbeiten“, erzählt Rudolf Högner, „so hat er im Sommer 1950 mit seiner Frau Anna ein Dorfwirtshaus aufgemacht“. Zwei Räume habe es damals gegeben, „und der Schützenverein musste in diesen sogar durch eine offene Tür hindurch schießen, um die nötige Länge zum Schießstand zu erreichen“. Er habe 1979 das Gasthaus übernommen, nachdem dessen Blütezeit aber bereits wieder beendet war. Der Autobahnbau ab 1966 und das Erholungsheim der DAK von 1963 bis 1978 habe dem Gasthaus viel Aufschwung gebracht, es wurde durch einen Anbau und Gästezimmer erweitert. „Straßenbauer aus dem Ruhrgebiet haben hier gearbeitet und dann auch mit ihren Familien Urlaub gemacht“, erinnert Rudolf Högner.

Regionale Zutaten

In all den Jahren ist der „Gasthof zum Schloß“ aber bodenständig geblieben. Das Publikum habe sich verändert, beschreibt Chefin Michaela Högner den Ist-Zustand. „Waren es früher viel Biergäste, so kommen die Leute heute zum Essen“. Sie und ihre Mutter Karola bereiten in der Küche Gerichte für den großen und kleinen Hunger zu mit regionalen Zutaten und Fleisch und Wurst aus der eigenen Metzgerei.

„Wir sehnen natürlich ein Ende des Lockdowns herbei, hoffen, dass wir nach so vielen Monaten nicht nur unsere Terrasse, sondern auch die Gasträume endlich wieder aufmachen dürfen,“ wünscht sich auch diese junge Wirtin. Auch ihre Stammgäste, die Vereine und auch die Wanderer und Radler, die gern in ihrem Gasthof Rast machen, warten darauf, wieder an einem Tisch zusammensitzen und echt bayerische Gastlichkeit genießen zu können.

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Hintergrund:

Gemeinde Birgland

  • Einwohner: Knapp 1800
  • Gründung: 1972 aus den Gemeinden Eckeltshof, Frechetsfeld, Fürnried, Poppberg und Schwend.
  • Ortschaften: 42
  • Höchste Erhebung: Poppberg mit 653 Meter.
  • Wanderwege: Mehr als 100 Kilometer markiert.
  • Bürgermeisterin: Brigitte Bachmann (SPD).
  • Sehenswürdigkeiten: Burgruinen in Lichtenegg und Poppberg, Johan-Flierl-Museum in Fürnried, Keltische Stätten.

 

 

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