04.11.2021 - 15:47 Uhr
EnsdorfOberpfalz

Mutig oder verrückt? Oberpfälzer eröffnet während Pandemie zwei Bars in Berlin

Der Ensdorfer Hannes Lautenschlager hat mitten in der großen Gastro-Krise zwei neue Bars in Berlin eröffnet. Dafür bekam er nun den "Mixology Bar Award". Die Oberpfalz und der Hof seiner Eltern spielen eine wichtige Rolle im Konzept.

"Pioniere": Hannes Lautenschlager (rechts) und sein Geschäftspartner Dustin Franke in ihrer Cocktailbar "Stück" in Berlin-Kreuzberg.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Trophäe ist etwa 50 Zentimeter hoch, pechschwarz und schaut aus wie eine Urne. Aber das täuscht. Obwohl die Barszene sicherlich schon viel bessere Zeiten erlebt hat, wird sie hier nicht beerdigt. Sondern, ganz im Gegenteil, gefeiert. Die Urne soll keine Urne darstellen – sondern einen großen, schwarzen Cocktail-Shaker. Die Trophäe für den wichtigsten Preis der deutschen Barszene. Den hat nun Hannes Lautenschlager bekommen, der in Berlin mittlerweile drei Bars besitzt. Der Ensdorfer (Kreis Amberg-Sulzbach) berauscht die Hauptstadt.

"Mixology", das "Magazin für Barkultur", verleiht die Preise seit 2007, auf der eigenen Homepage bezeichnet man sie als die "Oscars der Barszene". Zusammen mit seinem Geschäftspartner Dustin Franke ist Lautenschlager in der Kategorie "Pioniere" ausgezeichnet worden. Höchste Liga, oberste Preisklasse in der Cocktailkarte. "Trotz des verheerenden zweiten Lockdowns und des katastrophalen Zustands der Branche", so heißt es in der Begründung der Jury, haben die beiden zwei neue Projekte realisiert. Das sei sehr mutig. Oder wie es einer in der Bekanntgabe-Show sagte: "Da muss man wirklich eine Portion Eier haben."

Mitten in der Pandemie, in der gigantischen Gastro-Krise, zwei neue Bars eröffnen – ist das wirklich mutig? Oder ist das nicht verrückt?

"In gewisser Weise dumm"

Darauf angesprochen muss Hannes Lautenschlager erstmal laut lachen und dann länger überlegen. "In gewisser Weise war das schon dumm", sagt der 30-Jährige und lacht wieder. "Ein bisserl leichtsinnig war es vielleicht."

Im vergangenen Sommer, der ja "ganz okay war", war er auf der Suche nach einem neuen Lokal. Auf Ebay-Kleinanzeigen, Lautenschlagers Lieblingsplattform, entdeckte er eine "coole Location", Berlin Weißensee, an der Ecke, großer Außenbereich. Passte wie der Deckel auf den Shaker, eingekauft. Zwei Wochen nachdem er und Franke den Mietvertrag unterschrieben hatten, kam der zweite Lockdown. Wird schon nicht so lange dauern, dachten sie. Mit dem Impfstoff wird's besser, dachten sie. Alles easy, dachten sie. Im März wollten sie ihre "Bademeister Bar" eröffnen – aber da war natürlich noch alles zu, die Kneipen, die Bars. Gar nix war easy. "Haben wir halt Außer-Haus-Verkauf gemacht", sagt Lautenschlager. "War relativ okay."

Und trotzdem schnappten sich die beiden kurz darauf eine weitere Bar. Das "Stück", mitten in Kreuzberg, Ausgehviertel. "Das war eine super Chance", sagt der Ensdorfer, der seit gut zehn Jahren in Berlin lebt. "Scheiß drauf", dachte er sich, "das machen wir jetzt einfach." Gesagt, getan, eröffnet. "Ich bin nicht so der Typ, der sich ultra die Platte macht." Irgendwann wird's auch wieder eine Zeit nach Corona geben.

Aufs falsche Pferd gesetzt?

Aber freilich hatte auch Lautenschlager Zweifel. Gerade der erste Lockdown zerrte an den Nerven, dabei hatte er da nur eine Bar, die "Lamm Bar" im Prenzlauer Berg. Die Mitarbeiter waren in Kurzarbeit, fast alle suchten sich während des Lockdowns einen anderen Job. Das Personal wurde nahezu komplett ausgetauscht, erzählt er. Dann die sich ständig ändernden Regeln. "War eine schwierige Zeit", gibt der 30-Jährige zu. "Da überlegt man schon: Hast du aufs falsche Pferd gesetzt?" Aber, "scheiß drauf", sagte er sich. "Ich hab' Bock drauf und ich will keinen Chef mehr haben." Also ging's weiter, immer weiter. Wie gesagt: Dafür braucht man Eier. In vergangener Woche waren Franke und er beim "Deutschlandfunk", als Gäste für einen Podcast über: Risiko und Mut.

Die neuen Bars laufen langsam an, erzählt der Ensdorfer. "Wäre schön, wenn sie bald Geld zurückbringen." Es sei schon viel investiert worden, über Summen möchte er allerdings nicht sprechen. Ewig hätte der Lockdown, das Immer-wieder-zusperren, natürlich nicht dauern dürfen. Dann wäre es auch irgendwann mal knapp geworden. Gerade weil die unbürokratischen Soforthilfen nicht wirklich sofort kamen. Die Novemberhilfe kam im März, sagt Lautenschlager. Ist halt Berlin.

Seine drei Bars – das "Lamm", der "Bademeister" und das "Stück" – sind nicht nur in verschiedenen Bezirken Berlins, sie haben alle auch ganz unterschiedliche Konzepte, alle auf ihre Weise einmalig. Die 2019 eröffnete "Lamm Bar", laut "Berliner Zeitung" bereits eine Institution in der Stadt, bietet Cocktails in kleiner und großer Variante an – "Lämmchen" und "Lämmer". Die "Bademeister Bar" ist eine klassische Nachbarschaftskneipe mit eigenem Bier, "Bademeisterbräu". Und im "Stück" gibt es Cocktails aus dem Zapfhahn. Aber nichts "Abgeranztes", sondern Getränke mit Niveau, so Lautenschlager. Für seine jüngste Bar hat er sich eine neue, "in Deutschland einzigartige" Zapfanlage eingebaut. "Die hat aber am Anfang nicht funktioniert", erzählt er. Die Cocktails haben zu viel geschäumt. "Das war eine einzige Schaumparty." Am Ende konnte er das Problem lösen. "Da hat mir mein Umwelttechnik-Studium geholfen", sagt er und lacht. "Wenn mir das Studium irgendwann nur dafür was gebracht hat, hat es sich schon gelohnt."

Cocktail nach Vater benannt

Was alle drei Bars gemeinsam haben, ist die Verbindung in Lautenschlagers Heimat. Schon anfangs im "Lamm" nutzte er Birnenschnaps und Apfelsaft aus der Oberpfalz, vom Hof seiner Eltern in Ensdorf. Diese Synergien hat er seitdem verstärkt. Mittlerweile produzieren er und Franke Oberpfälzer Korn und Gin, in Zusammenarbeit mit der Bad Kötztinger Brennerei Liebl. Das Roggen für den Korn stammt vom Hof des Vaters, der Konrad heißt. Konsequenterweise nannten sie einen der Cocktails dann auch "Kone Island". Der war mal "Drink der Woche" in der "Berliner Zeitung", die Lautenschlager und Franke als die "besten Mixologen der Stadt" feierte.

Und damit zurück zum Preis, zum "Oscar der Barszene". "Das ist schon eine Mega-Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Lautenschlager. Gerade nach den Zweifel in der Krise. Das "Mixology"-Magazin sei ja die "krasseste Zeitschrift für Barkultur in Deutschland". Die Auszeichnung bringe auch viel Aufmerksamkeit, auf sämtlichen Webseiten von "Süddeutscher Zeitung" über die "Zeit" bis zur "FAZ" wurde über Johann – so heißt Hannes außerhalb der Oberpfalz – Lautenschlager und Dustin Franke berichtet.

Wie es weiter geht, ist noch nicht klar. Kommen gleich die nächsten Bars? Eher nicht, meint Lautenschlager, dessen "Übertraum" ein eigener Club in Berlin ist. "Wir sind eigentlich auf Konsolidierungskurs." Erstmal müsste das Duo die zwei neuen Bars zum Laufen bringen. Die Ebay-Kleinanzeigen scannt Hannes Lautenschlager aber weiter.

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Ensdorf
Lautenschlager (rechts) stammt aus Ensdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) und lebt seit gut zehn Jahren in Berlin.
Hintergrund:

Zur Person: Hannes Lautenschlager

  • Jahrgang 1991, aufgewachsen in Ensdorf (Kreis Amberg-Sulzbach).
  • Abitur am Erasmus-Gymnasium in Amberg; Studium Umwelttechnik in Berlin.
  • Eröffnete 2019 die "Lamm Bar" in Berlin, sie verbindet die Hauptstadt mit seinem Heimatdorf.
  • Mitten in der Corona-Pandemie machte er zwei weitere Bars auf: die "Bademeister Bar" in Berlin-Weißensee und das "Stück" Kreuzberg.
  • Für diesen Mut wurden er und sein Geschäftspartner Dustin Franke mit dem "Mixology Bar Award" ausgezeichnet. Dieser gilt als wichtigster Preis für die deutschsprachige Barszene.

 

 

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