12.01.2022 - 12:57 Uhr
EnsdorfOberpfalz

Personalmangel: Apothekensterben erreicht Ensdorf – Rezept-Briefkästen als Behelf

Er suchte händeringend nach Personal, fand aber keines: Viktor Hammer musste seine Kloster-Apotheke in Ensdorf nach über zwölf Jahren notgedrungen schließen. Für Bürger gibt es immerhin einen kleinen Ersatz – zwei Briefkästen für Rezepte.

Von der Kloster-Apotheke in Ensdorf ist nur noch ein Briefkasten übrig. Wer sein Rezept dort einwirft, bekommt aus der City-Apotheke Schwandorf innerhalb eines Tages seine Medikamente kostenlos geliefert.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Eine "super Sache" sei die neue Kloster-Apotheke von Viktor Hammer mitten in Ensdorf, sie bringe "unschätzbare Vorteile für die Bürger" und steigere "wesentlich die Attraktivität des Ortes". Mit diesen euphorischen Worten zitierte Oberpfalz-Medien 2009 Bürgermeister, Pfarrer und Vermieter der Apothekenräume, die zur feierlichen Eröffnung gekommen waren. Erstmals seit 200 Jahren hatte die Gemeinde wieder eine Apotheke. Doch die Feierlaune in Ensdorf ist inzwischen verflogen: Inhaber Viktor Hammer hat die Kloster-Apotheke zum 1. Januar 2022 geschlossen. Wegen massivem Personalmangel ist damit nach über zwölf Jahren Schluss – und Ensdorf hat erneut keine pharmazeutische Versorgung mehr vor Ort.

Auf Nachfrage beteuert Viktor Hammer, dass ihm dieser Schritt "sehr schwer gefallen" ist. Der Apotheker hat zwar in Schwandorf noch die City- und die St.-Wendelin-Apotheke, doch mit seiner Heimat Ensdorf ist er eng verbunden. Er lebt dort, seit er zwei Jahre alt ist, hat in Ensdorf Familie, engagiert sich politisch als Mitglied im Gemeinderat. Dennoch hatte er keine Wahl, als seine Apotheke zu schließen. "Das Personalproblem gibt es seit längerem, es hat sich mit Corona aber nochmals verschärft", sagt der 57-Jährige. Wer ihm vor allem fehlt, sind nicht pharmazeutisch-technische Assistenten oder pharmazeutisch-kaufmännische Assistenten: "Die sind zwar heutzutage auch schwer zu kriegen, aber ich bekomme einfach keinen Apotheker, den ich als Filialleiter anstellen kann."

Kein Apotheker will aufs Land

Hammer erklärt die Hintergründe: "Eine Apotheke darf nur dann betrieben und geöffnet werden, wenn ein Apotheker als Leiter in Vollzeit vor Ort ist." Assistenten alleine würden nicht ausreichen. "Ich selbst darf auch nicht als Leiter von zwei Apotheke eingetragen sein." Die Schwandorfer City-Apotheke leite er selbst, für die St.-Wendelin-Apotheke habe er einen angestellten Apotheker, doch Ensdorf war nicht mehr zu besetzen. Zudem komme hinzu, dass die Öffnungszeiten nicht beliebig gestaltet werden dürfen, sondern es Vorgaben gebe. "Die Mindestöffnungszeit ist von 9 bis 12 Uhr vormittags und 15 bis 18 Uhr nachmittags." Angesichts dieser Umstände sagt Hammer ernüchtert: "Es ist so gut wie unmöglich, einen Apotheker zu finden, der bereit ist, aufs Land zu gehen." Er habe lange gesucht und sich in der Online-Personalbörse der bayerischen Landesapothekerkammer umgeschaut. "Auf 100 offene Stellen gibt es in ganz Bayern eine Handvoll Bewerbungen."

Der Familienvater hat auch eine Vermutung, warum das so ist. "Wer heute als Pharmazie-Student frisch die Uni verlässt, der geht meistens in die Industrie. Dort gibt es bessere Bezahlung, eine geregelte 30-Stunden-Woche und keine Nachtdienste." Gerade die nächtlichen Arbeitszeiten machten den Beruf belastend, berichtet Hammer aus eigener Erfahrung. "Allein in Schwandorf habe ich sechs Nachtdienste pro Monat, mit der Apotheke in Ensdorf waren es sogar acht." Von 20 Uhr bis 8 Uhr müsse ein Apotheker dann für Notfälle zur Verfügung stehen. Dazu seien viele Junge nicht mehr bereit.

Briefkästen zweimal täglich geleert

Weil es Hammer jedoch ein Anliegen ist, dass Ensdorfer nicht wegen jeder Kleinigkeit zur Apotheke in der Nachbargemeinde Rieden oder gar nach Amberg oder Schwandorf fahren müssen, hat er zumindest zwei Briefkästen eingerichtet, in denen Bürger ihre Rezepte einwerfen können. Einer der Briefkästen steht vor dem Ensdorfer Gemeindehaus, der andere an der inzwischen ehemaligen Kloster-Apotheke im Raiffeisengebäude an der Schwandorfer Straße. "Die Briefkästen werden zwei Mal täglich, morgens und abends geleert. Wir stellen die Medikamente dann per Botendienst zu, sagt Viktor Hammer. Die Medikamente würden direkt nach Hause geliefert – ohne Mehrkosten für die Kunden. "Wenn es dringend ist, liefern wir auch innerhalb weniger Stunden", versichert der 57-Jährige.

Apotheken-Sterben nimmt zu

Ein Gewinngeschäft sei das jedoch nicht, sagt Hammer. Auch die Zeiten als sich Apotheker eine "goldene Nase" verdient hätten, seien längst vorbei – wenn es sie überhaupt je gegeben habe. "Ich kenne solche Behauptungen, aber viele Apotheken-Inhaber verdienen heute weniger als angestellte Apotheker." Das sei auch der Grund, warum das Apotheken-Sterben immer weiter um sich greift. Hammer beruft sich auf Zahlen des Apothekerbundes wonach allein im vergangenen Jahr über 350 Apotheken geschlossen worden seien. "2010 gab es noch rund 22.000 Apotheken in Deutschland, jetzt sind es 18.000. Das ist wie mit den Postfilialen, es wird immer weniger."

Der CSU-Gemeinderat vermutet, dass der Abwärtstrend weiter anhält. "Die Personalprobleme in der Apothekerbranche werden sich die kommenden Jahre verschärfen." Womöglich stecke sogar ein politisches Kalkül dahinter: "Vielleicht will man es auch bewusst so, dass kleinere Filialen zu großen, leistungskräftigen Einheiten zusammengelegt werden." Gut findet Hammer das nicht, die Versorgung auf dem Land werde leiden, die Fahrtstrecken für die Bürger zunehmen. Damit zumindest die Ensdorfer nur wegen eines Rezepts nicht ihren Wohnort verlassen müsse, dazu will Hammer mit seinen Rezept-Briefkästen wenigstens einen kleinen Beitrag leisten.

Apotheker Viktor Hammer berichtet von seinen Nachtdiensten - jeder ist anders

Schwandorf

So berichtete Onetz 2009 über die Eröffnung der Kloster-Apotheke in Ensdorf

Die Schwandorfer St.-Wendelin-Apotheke musste 2019 wegen Personalmangel schließen

Schwandorf
Der Ensdorfer Viktor Hammer betreibt zwei Apotheken in Schwandorf: Die St.-Wendelin- und die City-Apotheke (hier auf dem Bild). Die Kloster-Apotheke in seiner Heimatgemeinde musste er zu Jahresbeginn schließen.
200 Jahre lang gab es in Ensdorf keine Apotheke mehr – bis 2009 Viktor Hammer die Kloster-Apotheke eröffnete. Damit ist nun wieder Schluss: Trotz langer Suche hat sich kein Apotheker gefunden, der hier arbeiten wollte.
Hintergrund:

Rezept-Briefkästen in Ensdorf

  • Wo: An der ehemaligen Klosterapotheke Ensdorf (Schwandorfer Straße 1) und an der Gemeindeverwaltung Ensdorf (Hauptstraße 4)
  • Wie: Bürger werfen ihre Rezepte ein, die Briefkästen werden morgens und abends zwei Mal täglich geleert
  • Lieferung: Die Medikamente werden innerhalb eines Tages vom Botendienst nach Hause geliefert.
  • Kosten: Für die Lieferung fallen keine Extra-Kosten an

"Es ist so gut wie unmöglich, einen Apotheker zu finden, der bereit ist, aufs Land zu gehen."

Apotheker Viktor Hammer

Apotheker Viktor Hammer

 

 

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