22.02.2021 - 12:49 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Abschied von Vittore Bocchetta: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg trauert um vielseitigen Künstler

Vittore Bocchetta ist tot. Der wahrscheinlich älteste noch lebende Ex-Häftling des Konzentrationslagers Flossenbürg starb vergangene Woche mit 102 Jahren in Verona. Bekannt wurde er als Maler und Bildhauer.

Vittore Bocchetta bei der Eröffnung einer Ausstellung mit seinen Werken in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die ihm ein ehrendes Gedenken bewahrt.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

2001 kam Vittore Bocchetta erstmals seit 1945 wieder nach Deutschland. Damals war er 83 Jahre alt. Nicht nur wegen seines Alters war der Besuch alles andere als selbstverständlich. In Deutschland erlebte er "Jene fünf verdammten Jahre". So hießen seine 2003 erschienen Erinnerungen an die Lagerhaft im KZ Flossenbürg und dem Außenlager Hersbruck.

Er überlebte diese Jahre mit knapper Not. Im Mai 1945 floh er zusammen mit einem Franzosen auf einem Todesmarsch in der Nähe von Schmidmühlen. Völlig entkräftet irrte er zunächst umher und brach schließlich vor dem Zaun des Straflagers 383 in Hohenfels zusammen. Dort päppelten ihn alliierte Kriegsgefangene wieder auf. Wenig später wurde das Lager von den Amerikanern befreit.

Bocchetta kam am 18. November 1918 auf Sardinien zur Welt, wuchs aber in Verona auf. Dort kam der Kunststudent schon bald mit dem antifaschistischen Widerstand in Kontakt, was ihn schließlich ins KZ brachte. Enttäuscht von der Verdrängung von Faschismus und Nazismus in Italien, emigrierte Bocchetta nach Argentinien und später nach Venezuela.

Richtig Erfolg hatte er in Südamerika lange nicht. Er schlug sich mit Zeichnungen für die Werbebranche sowie als Latein- und Spanischlehrer durch. Nach einem Putsch in Venezuela verließ er das Land 1958 und ging nach Chicago. Dort stehen einige seiner bekanntesten Skulpturen.

1989 kehrte Bocchetta nach Verona zurück, wo er nun auch Anerkennung als Maler expressiver Gemälde und als Bildhauer erfuhr. Ein Teil seines Schaffens ist der Erinnerung an die Zeit des Zweiten Weltkriegs gewidmet. Eine Reproduktion eines seiner berühmtesten Bilder hängt im Häftlingsbad der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Sie zeigt die "Begrüßung" der Neuankömmlinge im Lager mit Gummiknüppeln und Schlägen. Dieses Erlebnis fasste der Zeitzeuge Bocchetta mit einem Satz zusammen, der inzwischen in vielen Geschichtsbüchern zu finden ist und die Befindlichkeit der Deportierten treffend zusammenfasst: "Hier haben wir nicht nur die Kleidung verloren, sondern unsere Seele."

Doch Bocchettas Schaffen lässt sich nicht auf dieses dunkle Kapitel reduzieren. Ölgemälde, Plastiken und Zeichnungen zeigen eine vielseitigen Künstler, der Stimmungen mit Perspektiven und Porträts präzise einfängt und sie zum Teil mit kräftigten Farben unterstreicht oder kontrastiert. Das war Anfang 2012 bei einer Ausstellung in der ehemaligen Wäscherei der Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen. Sie rückte Bocchetta bewusst nicht nur als Chronist des Lagergrauens in den Fokus. Dennoch: Thomas Heyden, Leiter des Neuen Museums Nürnberg, stellte als Kurator Bocchettas Werk damals an die Seite jener Kunstwerke, die man nicht vergisst: Goyas "Erschießung der Aufständischen", Pablo Picassos "Guernica" und den "Schützengraben" von Otto Dix.

Am Donnerstagabend ist der Künstler in seinem Haus in Verona friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Ein Besuch Vittore Bocchettas in Schmidmühlen 2005

Schmidmühlen

Vittores Bocchettas Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

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