05.12.2019 - 15:17 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Erinnerung ohne Zeitzeugen: Gedenkstätten-Mitarbeiter suchen neue Wege

49 Experten aus deutschen Gedenkstätten tauschen sich in Flossenbürg über Herausforderungen und Methoden künftiger Erinnerungskultur aus

Ohne Zeitzeugen müssen Gedenkstätten neu denken. Thomas Lutz, Lena Gorelik, Stefan Maier und Knut Nevermann (von links) haben dazu Vorschläge.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Auf der einen Seite: Schüler, die das Wort Holocaust nicht mehr hören können; Rechtspopulisten in Parlamenten; Tendenzen zu staatlich verordneter Erinnerung. Auf der anderen Seite: Rekordbesucherzahlen in KZ-Gedenkstätten und neue Museen; immer mehr Jugendliche, die an die Demokratie glauben; Erinnerungskultur, die andere Länder als vorbildlich ansehen.

An Fragen, die sich in diesem Spannungsfeld auftürmen, arbeitet sich zwei Tage lang die 8. Bundesweite Gedenkstättenkonferenz in Flossenbürg ab. 49 Teilnehmer aus unterschiedlichsten Gedenkstätten der Republik tauschen sich aus.

Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, hat die Tagung mit Blick auf die Jahrestage zu "75 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus" im nächsten Jahr organisiert. Die fallen mit einer Zäsur zusammen: Die Zeitzeugen sterben endgültig weg, und die Achtundsechziger, die Pioniere der Gedenkstättenkultur, gehen in den Ruhestand.

Am Mittwochabend sucht ein hochkarätig besetztes Podium bei einer Diskussion Antworten auf die nun anstehenden Herausforderungen. Moderator Stefan Maier, der Programmchef von Bayern-2-Radio, hat dazu drei Experten um sich, deren Biografien unbedingt einen Blick in Wikipedia wert sind:

Knut Nevermann, 76, Bildungspolitiker und ehemaliger Staatssekretär in Berlin, Sachsen und Hamburg.

Lena Gorelik, 38, Journalistin und Schriftstellerin, die als jüdischer Kontingentflüchtling mit elf Jahren aus Russland kam.

Thomas Lutz, 62, Referatsleiter bei der Stiftung "Topographie des Terrors" in Berlin.

Gorelik berichtet von einem Auftritt vor einer neunten Klasse in einem Gymnasium, in der viele eine Woche nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle erstmals überhaupt davon hören. Auch Fragen wie "Auschwitz, war das nicht irgendwas mit Juden?" sind ihr untergekommen. Nevermann kennt so was: "Eine Schülerin hat mir mal gesagt: Wir können es nicht mehr hören, weil wir doch wissen, wie es endet."

Parallelen ziehen

Ist das Ende bekannt, ist eine Geschichte also nicht mehr so interessant. Also müssen gute Geschichten her. Gorelik empfiehlt die Tom-Sawyer-Methode. Mark Twains Jugendbuchheld ist unter anderem berühmt, weil er die aufgebrummte Aufgabe des Zaunstreichens anderen Kindern so spannend darstellt, dass jeder einmal mitmalen will und der Zaun bald ohne große Anstrengung in neuer Farbe glänzt.

Im deutschen Miteinander könnte das so aussehen: Spreche man mit zugewanderten Jugendlichen aus muslimischen Ländern über Fluchterfahrungen und ziehe Vergleiche zu jüdischen Schicksalen, könne dies antisemitische Ausfälle abfedern. "Diese Jugendlichen kennen den hier verwurzelten Antisemitismus mit Klischees wie dem geldgierigen Juden nicht. Die hassen den Staat Israel, weil sie so aufgewachsen sind," erklärt Gorelik.

Nicht immer nur Holocaust

Für Lutz liegt das Problem auch darin begründet, dass nationalsozialistische Verfolgung in Schulen zu sehr auf den Holocaust verengt wird. Gedenkstätten können weiterhelfen. Dort lernen Besucher auch andere Facetten, alltäglichere, von Diktatur und Terror kennen.Bei allen Defiziten, die im Wissen rund um 1933 bis 45 vorhanden sind, ist Lutz und Nevermann aber nicht bange. Man treffe auch immer mehr historisch sattelfeste junge Leute. Und AfD, Pegida und Co? Bekommen einfach zu viel Aufmerksamkeit, meint Nevermann.

Doch wie kriegt Erinnerung Aufmerksamkeit? Mit Lena Goreliks Roman "Mehr Schwarz als Lila", empfiehlt Stefan Maier. Darin wird eine Klassenfahrt nach Auschwitz beschrieben, die nicht Betroffenheit verordnet, sondern die Pubertät samt Joints und Hormonstau nicht ausblendet. Die von Gorelik geschaffenen Tom Sawyers lernen trotzdem, was Gaskammern bedeuten. Parallel dazu fließt in Gedenkstätten wegen des Vormarschs der AfD derzeit wieder mehr Geld, sagt Thomas Lutz. Das zahlt sich in Besucherrekorden aus. In Flossenbürg sind es heuer 90 000. Der Mitarbeiterstamm hat sich vom Ein-Mann-Team Skriebeleit 1995 auf rund 45 Personen 2019 erweitert.

Geld allein reicht nicht

Doch Geld allein ist nicht nachhaltig, warnen Tagungsteilnehmer. Etwa Thomas Köcher aus Bremen: So glänze Sachsen in Mathematik bei der Pisa-Studie auf Kosten des Politikunterrichts. Jonas Kühne aus Leipzig nennt das Bundesprogramm "Demokratie leben", das auch in der Oberpfalz Projekte unterstützt. "Das Geld daraus soll bei uns mehr von den Kommunen vergeben werden. Wir merken nun genau, dass dort, wo es bei der Wahl nach rechts ging, weniger fließt".

Nicht zuletzt deshalb wünschen sich Gedenkstättenleiter einen institutionellen Überbau. Knut Nevermann könnte sich eine Art Lenkungsstiftung des Bundes vorstellen. In Flossenbürg funktioniert es schon eine Nummer kleiner, verweist Maier auf das Museumscafé. "Wenn Leute hierher zum Kaffee kommen, sehen sie sich auch gerne mal was an." Tom Sawyer kann eben sogar Cappuccino brühen.

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