03.04.2020 - 12:36 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Verehrt und missbraucht: Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Nicht nur Christen lassen sich von Dietrich Bonhoeffer Gedanken inspirieren. Viele verehren den evangelischen Theologen, der vor 75 Jahren im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet worden ist. Einige missbrauchen aber das Erbe des Dissidenten.

Vor 75 Jahren wurde der Widerstandskämpfer und Theologe Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

In diesen Tagen ist es still, ungewohnt still in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN). Besucher sind seit gut drei Wochen verbannt. Die Gedenkstätte ist wie so viele staatliche Einrichtungen seit 15. März wegen der Ausbreitung des Coronavirus geschlossen. Eine Büste in der Kapelle oberhalb des "Tal des Todes" und eine Gedenktafel am Fuß des "Tal des Todes" erinnern an den am 9. April 1945 in Flossenbürg hingerichteten Widerstandskämpfer und evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Sie stehen sinnbildlich für die zwei Pole im Ringen um dessen Erbe.

Rechte Kreise versuchen die deutsche Widerstandsbewegungen und Bonhoeffer für ihre Zwecke einzuspannen. Vor allem die religiöse Rechte in den USA beruft sich auf die Widerstandsethik des evangelischen Theologen, um gegen einen vermeintlichen linken Zeitgeist zu kämpfen. Beide Gruppen verkennen, dass es Widerstand immer nur um des Rechts willen und gegen ein Verbrecher-Regime geben kann.

Eine besondere Rolle spielt ein lautstarker Apologet von US-Präsident Donald Trump, Eric Metaxas. Er hat mit seinem Buch "Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet" den evangelischen Theologen als Evangelikalen dargestellt und bringt ihn so der religiösen Rechten näher. Bis heute streitet Metaxas mit der Bonhoeffer-Society über das Vermächtnis des NS-Gegners - gerne über Trumps Lieblings TV-Sender Fox News oder bei evangelikalen Kongressen .

Kein Gedenken in diesem Jahr

Flossenbürg
Brief an Mahatma Gandhi:

Dietrich Bonhoffers Bitte um Hilfe

Schon früh hat Dietrich Bonhoeffer geplant, nach Indien zu reisen, um Mahatma Gandhi, den Anführer des gewaltfreien Widerstandes gegen die britische Kolonialherrschaft zu treffen, schreibt der Theologe Wolfgang Huber in der April-Ausgabe des Magazins „Zeitzeichen“. Darin veröffentlicht der frühere EKD-Vorsitzende eine Übersetzung und ein Faksimile des auf englisch verfassten Briefes Bonhoeffers an Gandhi vom 17. Oktober 1934.

Bonhoeffer bittet Gandhi um Hilfe und Rat wegen „der außerordentlich bestürzenden Situation in den europäischen Ländern“ und in Deutschland. Der damals 28-jährige Theologe spricht von seiner Sorge wegen des heraufziehenden Krieges, eines Krieges, der „gewiss den geistlichen Tod Europas zur Folge haben“ werde. Gandhi antwortete am 1. November und lud Bonhoeffer ein, schreibt Huber. Doch dieser folgte der Einladung nicht sondern gründete das Predigerseminar in Finkenwalde. (paa)

Der evangelikale Autor Metaxas grollt

Kein Wunder, dass Metaxas vor einem Jahr bei Twitter grollte, er sei empört, weil es ihm nicht möglich sei, zum Gedenkakt anlässlich des 74. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg zu kommen. Zuvor hatte der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, über Twitter verkündet, am Sonntag werde die US-Regierung in Flossenbürg Bonhoeffers gedenken. Vizepräsident Mike Pence, ebenfalls ein Evangelikaler, twitterte er wünschte, er könne dabei sein.

Am 14. April 2019 ist es soweit: Grenell enthüllt unter anderem zusammen mit dem Präsidenten der Kommission zu Bewahrung amerikanischen Kulturerbes im Ausland, Paul Packer, im "Tal des Todes" eine Gedenktafel, die die KZ-Gedenkstätte zum US-Kulturerbe erklärt und an Bonhoeffer erinnert. Die Unterschriften: US-Präsident Donald Trump, Pence, Grenell und Paker. Ein Erfolg für Grenell, der ein bekennender Bonhoeffer-Fan ist. So kommt es, dass ein US-Präsident, der White-Supremacist-Gruppen hofiert und immer wieder gegen Minderheiten hetzt, einen Widerstandskämpfer ehrt. Trumps Unterstützer, wie Metaxas, berufen sich bis heute auf Bonhoeffer, um Gegner, etwa Befürworter des gescheiterten Amtsenthebungsverfahrens zu diffamieren.

Beten, Tun des Gerechten und Warte auf Gottes Zeit. Das ist eine moderne Interpretation dessen, was schon Paulus im 1. Korintherbrief ins Zentrum gestellt hat: Glaube, Liebe und Hoffnung.

Heinrich Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof, zu Dietrich Bonhoeffers Auftrag an die Kirche

Heinrich Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof, zu Dietrich Bonhoeffers Auftrag an die Kirche

Für den evangelischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strom ist der Vereinnahmung Bonhoeffers durch die religiöse Rechte "ein eklatanter Missbrauch und eine politische Instrumentalisierung von Bonhoeffers Theologie". Schon damals sei "Bonhoeffer für grundlegende Orientierungen eingetreten, die heute auch für unsere demokratische Kultur von zentraler Bedeutung sind", schreibt der EKD-Ratsvorsitzende auf Anfrage. Er verweist auf Bonhoeffers "Eintreten für die Bürgerrechte der Juden im April 1933 nach dem Boykott der jüdischen Geschäfte". Der Theologe habe damals mit "Blick auf diese staatlichen Diskriminierungen davon gesprochen, dass man dem ,Rad in die Speichen fallen' müsse".

Den mehr als 30 000 Opfern und dem Theologen und Dissidenten Dietrich Bonhoeffer ist die US-Gedenktafel gewidmet. Unterschrieben haben US-Präsident Donald Trump, US-Vizepräsident Mike Pence, US-Botschafter Richard Grenell und Paul Packer, Präsident der Kommission zur Bewahrung amerikanischen Kulturerbes.

Gedenkakt im vergangenen Jahr

Flossenbürg

Bonhoeffer steht für Gerechtigkeit und Frieden

Bedford-Strohm zitiert aus einen Brief Bonhoeffers an dessen Bruder Karl Friedrich vom 14. Januar 1935, worin dieser schreibe, es gebe Dinge, "für die es sich lohnt, kompromisslos einzutreten. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus sei so etwas". "Das alles steht in tiefem Widerspruch zu den rechtspopulistischen Abwertungen ganzer Menschengruppen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religion", betont der Landesbischof.

Auf die Frage, wie die Kirche dem Missbrauch Bonhoeffers entgegentreten könne, antwortet Bedford-Strohm: "Indem sie die Stimme Bonhoeffers selbst immer wieder zur Sprache bringt." Dieser habe den Auftrag der Kirche dreifach beschrieben: "Beten, Tun des Gerechten und Warte auf Gottes Zeit. Das ist eine moderne Interpretation dessen, was schon Paulus im 1. Korintherbrief ins Zentrum gestellt hat: Glaube, Liebe und Hoffnung."

Zusammen mit fünf Mitgliedern des Widerstands vom 22. Juli 1944 wird Bonhoeffer auf Befehl von Adolf Hitler in Flossenbürg gehängt. Seine letzte Notiz lautet: "Ich sterbe als stummer Zeuge Christi unter seinen Brüdern." Den Mithäftlingen soll er zum Abschied gesagt haben: "Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens."

Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit zu Dietrich Bonhoeffer

Zur Person::

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

Dietrich Bonhoeffer ist am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet worden. Er wird 39 Jahre alt. Der Theologe wird am 4. Februar 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau, dem heutigen Wroclaw, geboren und wächst mit sieben Geschwistern in Berlin auf. Im Alter von 21 Jahren schließt er sein Theologiestudium mit der Promotion ab, mit 24 Jahren wird er habilitiert und unterrichtet er als Privatdozent.

Während seines Studienjahres in New York erlebt er 1930/31 die Rassentrennung. Er und ein schwarzer Freund müssen in getrennten Straßenbahnwagen fahren. Zwei Tage nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 durch die Nationalsozialisten warnt Bonhoeffer im Rundfunk vor Adolf Hitler, dem „Verführer“. In der Folge wirbt der Theologe für Widerstand gegen das Regime, dafür „dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“. Später sagt Bonhoeffer sagt den vielzitierten Satz: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“

Im Jahr 1935 schließt sich Bonhoeffer der „Bekennenden Kirche“ an, die sich als Opposition gegen die Nationalsozialisten in der Kirche versteht. Er übernimmt die Leitung des Predigerseminars Finstenwalde bei Stettin. Doch schon 1937 wird das Seminar von der Polizei geschlossen. Im Sommer 1939 reist Bonhoeffer in die USA. Freunde bitten ihn zu blieben, doch er kehrt nach wenigen Wochen zurück: „Ich muss diese schwierige Periode unserer Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben.“

Über seinen Schwager Hans von Dohnanyi schließt sich Bonhoeffer im Jahr 1940 dem Widerstand an. Er ist Agent des militärischen Geheimdienstes. Tatsächlich informiert er im Ausland über Putschpläne. Im Januar 1943 verlobt sich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer. Doch im April wird er verhaftet. In seiner Zelle schreibt er sein Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. (paa)

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.