18.04.2021 - 16:29 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Weiterleben nach dem Überleben: Gedenken zum 76. Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg

Erinnerung braucht Rituale und Symbole. Gerade weil Pandemiezeiten andere Themen verschütten. Das soll zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg nicht passieren.

Diese Bild entstand zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg im April 2015. Die Covid-Pandemie lässt es wie aus einer anderen Zeit erscheinen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Das letzte Aprilwochenende hat Flossenbürg bereits etliche Male für kurze Zeit zum internationalsten Ort Bayerns gemacht. Hunderte Menschen aus über 20 Nationen gedenken um den 23. April herum in der KZ-Gedenkstätte derjenigen, für die an diesem Tag 1945 der nationalsozialistische Terror ein Ende hatte, und derjenigen, die zuvor das Lager nicht überlebt haben.

Das Ganze begleiten normalerweise Jugendtreffen, Zeitzeugengespräche, Kranzniederlegungen, Reden und viele Kontakte zwischen Familien. Das war letztes Jahr nicht möglich, es ist dieses Jahr nicht möglich. "Die Begegnungen mit den Überlebenden und ihren Familien fehlen uns", sagt Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit. Er und sein Team haben im Rahmen der Corona-Möglichkeiten jedoch ein Programm konzipiert, das als Gedenkakt im kleinsten Kreis ein Signal aussenden soll und zugleich das Basis-Anliegen der Erinnerungsarbeit transportiert: den ehemaligen Häftlingen, die für ihre Peiniger nur eine Nummer in einer Kartei waren, Gesicht und Stimme zu verleihen.

Zukunft und Vergangenheit soll am Sonntag, 25. April, der Besuch der bayerischen Verkehrs- und Bauministerin Kerstin Schreyer verbinden. Zusammen mit Karl Freller, dem Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, wird sie am Vormittag eine Ansprache halten und die Toten ehren. Der Gedenkakt wird um 11 Uhr über einen Livestream in deutscher und englischer Sprache zu sehen sein. Die Gedenkstätte hat dazu eine eigene Webseite eingerichtet: www.weiterleben.gedenkstaette-floessenbuerg.de. Sie wird am Freitag, 23. April, ab 10.50 freigeschaltet. Es ist jener Tag und jene Uhrzeit, zu der amerikanische Streitkräfte das KZ erreichten.

Aufzeichnung in neun Sprachen

Die Aufzeichnung des feierlichen Akts vom 25. April wird im Nachhinein in polnischer, tschechischer, italienischer, hebräischer, ukrainischer, russischer und französischer Sprache zur Verfügung stehen. Schreyers Anwesenheit ist jedoch auch ein Fingerzeig zur Gedenkstättenarbeit hinsichtlich der Entwicklungen auf dem Areal des ehemaligen KZ-Steinbruchs. Es wird 2024 in die Gedenkstätte integriert.

Ehemaligen Gefangenen Gesicht und Stimme verleihen: Auch dafür ist die neue Webseite "Weiterleben" ein Vehikel. Anhand von acht Kurzfilmen stellt die Gedenkstätte dabei vor allem die Biografie der Überlebenden nach der KZ-Haft in den Mittelpunkt. Es sind Geschichten von Trauma und Schuldgefühlen, von Verlust und Neuanfang, Verwundung und Genesung sowie Bezeugen und Schweigen. Sie alle zeigen, dass der Beginn eines neuen Lebens für keinen leicht war.

Beispielhafte Biografien

Da ist Richard Grune: Der gebürtige Kieler ist ein begabter Zeichner und stammt aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Den Sprung zum Studium am Bauhaus in Weimar schafft er nicht, seine erste Ausstellung in seiner Heimatstadt 1926 ist jedoch ein Erfolg. 1933 wird er bei einer Razzia gegen Homosexuelle verhaftet. Er kommt in mehrere Lager und ab 1940 nach Flossenbürg. Dort zeichnet er heimlich. Doch Terror und Grauen aus dem KZ mag nach 1945 niemand so recht bei Ausstellungen sehen. Grune wird 1948 erneut wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen verurteilt. Die Anerkennung als Nazi-Opfer bleibt aus. Mit der Auswanderung nach Spanien in der 1950ern erhofft er sich ein neues Leben, doch Finanznot zwingt ihn zur Rückkehr. 1984 stirbt er mit 81 Jahren in einem Pflegeheim in Kiel.

Da ist Jekaterina Filippowna Dawidenkowa: Die Russin wird als Partisanin 1943 verhaftet und landet in Auschwitz. Im Oktober 1944 kommt sie ins Flossenbürger Außenlager Mittweida in Sachsen. Mitte 1945 löst die SS das Lager auf. Auf einem Transport gelingt Dawidenkowa auf einem Prager Bahnhof die Flucht. Nach dem Krieg unterstellt ihr der sowjetische Staat aufgrund ihrer KZ-Haft Kollaboration mit den Deutschen. Als ihr Mann, ein Offizier der Roten Armee, befördert werden soll, wird er vor die Wahl gestellt: entweder er verlässt seine Frau oder die Armee.

Diese beiden Geschichten stehen für Zehntausende Überlebende des KZ Flossenbürg, die nach 1945 versuchten, ins Leben zurückzufinden. Ihr Glück haben dabei die Wenigsten gemacht. Ihr Vermächtnis zeigt jedoch, dass die Spuren der Verbrechen lange nachwirken – bis heute.

Ein Ausblick auf die Zukunft der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Flossenbürg

Gedenken in Flossenbürg am Beispiel des Italieners Andrea Schivo

Flossenbürg
Richard Grune.
Jekaterina Dawidenkowa
Hintergrund:

Das Konzentrationslager Flossenbürg

  • 3. Mai 1938: Erste Häftlinge treffen aus Dachau zur Zwangsarbeit im Steinbruch der SS-eigenen Firma Deutsche Erd- und Steinwerke ein.
  • 1943 werden Teile der Messerschmitt-Flugzeugproduktion aus Regensburg ins KZ verlagert.
  • 23. April 1945: US-Truppen befreien das Lager, in dem 1500 Schwerkranke zurückgeblieben sind.
  • Weitere 15000 Häftlinge treibt die SS auf Todesmärschen Richtung Süden. Sie werden von den Amerikanern eingeholt und befreit.
  • Zum Stammlager Flossenbürg gehörten etwa 90 Außenlager.
  • Von 1938 bis 1945 waren rund 100000 Menschen darin inhaftiert.
  • 30000 Gefangene überlebten nicht.

 

 

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