Update 07.02.2019 - 07:27 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Schweiß, Schießlärm und Ärger rund um den Übungsplatz Grafenwöhr

Das Ministerium in Berlin schweigt. Es will die militärischen Geheimnisse der Verbündeten schützen. Doch das, was nicht an die Öffentlichkeit soll, veröffentlicht die US-Armee regelmäßig selbst - im Internet.

Specialst Louis Alacci, Kanonier beim 1. Bataillon des 82. Feldartillerieregiments, zieht die Abzugsleine seines Geschützes bei der Übung „Combined Resolve XI“ in Grafenwöhr.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Die Menschen in Fort Hood im fernen Texas und in Auerbach in der Oberpfalz sowie anderen Gemeinden rund um den Truppenübungsplatz Grafenwöhr atmen auf. Die amerikanischen Familien freuen sich über die Rückkehr ihrer Soldaten, die Oberpfälzer hoffen auf etwas Ruhe. Rund 1500 Geschosse habe sein Verband zuletzt verschossen, schreibt Oberstleutnant Matthew B. Dennis, Kommandeur des 1. Bataillons des 82. Feldartillerieregiments an die Familien und Freunde des Verbands. Die "Dragons (Drachen)", wie sich die Artilleristen nennen, die zuletzt auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr übten, packen zusammen. Nach sechs Monaten in Europa geht es zurück in die Vereinigten Staaten.

Wie laut es bei ihrem letzten Schießen im Januar war, wurde nicht gemessen. Zur Übung "Combined Resolve XI" gab es keine begleitenden Messungen, teilte eine Sprecherin des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr auf Anfrage mit. "Die Auswertung der bisherigen Messkampagnen dauert noch an und wird voraussichtlich am Ende des ersten Quartals 2019 abgeschlossen sein." Im September vergangenen Jahres wurde während der Übung "Saber Junction 18" an acht Punkten gemessen: an jeweils einem Punkt in Grafenwöhr, in Königstein-Kürmreuth, in Kirchenthumbach, in Ernstfeld und in Eschenbach sowie an vier in Auerbach, darunter auch in Nitzelbuch, das rund 500 Meter von der Schießbahn 213 entfernt ist.

Der Feuerball nach dem Abschuss einer Mine Clearing Line Charge (MICLIC) zur Zerstörung von Minenfelder wirkt spektakulär. Doch der Schießlärm in Grafenwöhr zehrt an den Nerven der Anwohner.

Messergebnisse geheim

Es sind nicht die ersten Messungen. Auch vor knapp zehn Jahren ermittelte die Wehrtechnische Dienststelle 91 der Bundeswehr die Lärmbelastung. Die Ergebnisse sind geheim. Das Verteidigungsministerium begründet dies mit Interessen der Landes- und Bündnisverteidigung. Die Werte ließen "Rückschlüsse auf das beübte Wehrmaterial fremder Staaten und damit deren militärische Fähigkeiten" zu, schreibt das Ministerium in seiner Antwort auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Stefan Schmidt (Grüne). Nur: Wann und mit welchem Material die US-Streitkräfte üben, lässt sich auf den sozialen Plattformen und den Armee-Seiten einsehen. Bilder, Videos und Berichte veröffentlicht die US-Armee selbst. Auch über Grafenwöhr. So lässt sich nachlesen, dass an der Übung "Combined Resolve XI (gemeinsame Entschlossenheit)" auf den Truppenübungsplätzen Hohenfels und Grafenwöhr mehr als 5500 Soldaten aus 16 Nationen teilgenommen haben.

Diese fand in zwei Phasen vom 26. November bis 14. Dezember und vom 14. bis 25. Januar statt. Den Großteil der übenden Truppe stellte die 1. Panzerbrigade der 1. US-Kavalleriedivision. Beim scharfen Schuss zum Abschluss ihres sechsmonatigen Aufenthalts in Europa ließen es dann die Panzermänner, Grenadiere, Pioniere und Artilleristen in Grafenwöhr im wahrsten Sinn des Wortes noch einmal richtig krachen.

Ein Bericht zur Stimmung in Auerbach

Auerbach

Vom jüngsten Geschützdonner der Artillerie schmerzen nicht nur den Anwohner des Militärgeländes in der Oberpfalz die Ohren, der Schießlärm hallt auch in Berlin nach. Dort liegen unter anderem im Bundesverteidigungsministerium Briefe des Bürgermeisters von Auerbach und örtlicher Abgeordneten vor. Der Tenor: Die Beschwerden der Bürger, Bürgerinitiativen und Politiker führen zu keinen Verbesserungen. So beklagt etwa der Auerbacher Bürgermeister Joachim Neuß (Freie Wähler), dass vom Lärm Betroffene bei Ämtern und Behörden "meist nur auf hilfloses Schulterzucken oder taube Ohren" stoßen.

Klage über Untätigkeit

Aus dem Bundesverteidigungsministerium gibt es derzeit keine zufriedenstellende Antwort, lässt der Bundestagsabgeordnete Schmidt erkennen. Der Regensburger wirft der schwarz-roten Bundesregierung vor, sie lasse die "Möglichkeit die US-Streitkräfte auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr in puncto Lärmschutzmaßnahmen härter an die Kandare zu nehmen ... nach wie vor ungenutzt". Zur Begründung verweist er auf das Instrument einer nachträglichen Anordnung, das die Bundesregierung habe.

In Auerbach sitzt der Ärger tief. Seit die US-Armee vor gut zwei Jahren die Schießbahn 213 im Westen des Truppenübungsplatzes reaktiviert hat, häufen sich dort wieder die Klagen über die Lärmbelästigungen durch den Schießbetrieb. Inzwischen keimt offensichtlich der Verdacht, die Menschen in der Gemeinde würden an der Nase herum geführt. Bei den Messungen im Jahr 2018 sei kein einziger Schuss gefallen, schreibt Neuss. Dabei wolle er nicht an Zufall glauben. Es liege der Verdacht nahe, dass "solche Maßnahmen lediglich zur Beschwichtigung beitragen sollen".

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.