20.05.2020 - 21:17 Uhr
HahnbachOberpfalz

Corona und Landwirtschaft: Herr der Bänke aus Hahnbach

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Fehlende Saisonarbeiter, Fleischpreis im Sinkflug: Für viele Landwirte bedeuten die wirtschaftlichen Tiefschläge während der Coronakrise ein Ringen um die Existenz. Für den Herrn der Bänke aus Hahnbach liegt das Geld gerade unter der Erde.

Thomas Trummer aus Hahnbach mit seinen Mädels Carolina (sitzend) und Theresa auf dem Kartoffelfeld. Ende Juni kann die frühe Kartoffelsorte "Valetta" geerntet werden.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Thomas Trummer sitzt auf seiner Terrasse mit Feldblick. Sein Handy klingelt. Nach einem kurzem Blick weiß er: "Wieder eine Absage." So sei das schon die vergangenen Wochen gegangen, erklärt der 40-Jährige aus Hahnbach, der Festzubehör verleiht und verkauft. Jeans, kariertes Hemd, kantige Brille mit schwarzem Rand. Kräftige Stimme. Auf den ersten Blick verrät nicht viel, dass Trummer auch Landwirt ist.

Der Weg zu seinem Haus hinter dem Hof dagegen schon: alte Landmaschinen, Pflüge und Zugwagen von Rost überzogen und mit Blumen bepflanzt. Die Wolken am Himmel sind dunkel an diesem Tag im Mai. Hohe Lagerhallen bieten Traktoren Schutz vor dem nahenden Gewitter. Es donnert.

Dunkle Corona-Wolken über der Landwirtschaft

Kein Mariahilfbergfest, kein Frohnbergfest: Rund 2500 Biertisch-Garnituren stapeln sich in den Hallen von Landwirt Thomas Trummer. Doch sein landwirtschaftliches Standbein kann ihn in der Krise über Wasser halten: In Form von Kartoffeln liegt das Geld für die Familie nun unter der Erde.

Auch über der wirtschaftlichen Situation vieler Bauern sind in den vergangenen Wochen dunkle Wolken aufgezogen. Das Coronavirus brachte die Gastronomie zum Erliegen. Kein Schnitzel im Biergarten. Keine Pommes an der Imbissbude. Das Virus erstickte Absatzmärkte für landwirtschaftliche Produkte im Keim. Der Schlachtpreis für Kühe sinkt in Kalenderwoche 19 auf ein Rekordtief unter 2,60 Euro. Der belgische Kartoffel-Dachverband bittet: Esst mehr Pommes! Denn im Nachbarland türmen sich Pommeskartoffeln, die momentan niemand will.

Die Spargelernte auf dem Laubhof klappt auch in Coronazeiten

Amberg

Düstere Festsaison 2020

Auf dem Trummer-Hof in Hahnbach stapeln sich keine Kartoffeln, sondern Bierbänke. Wie 68 Prozent der 1679 land- und forstwirschaftlichen Betriebe in Amberg-Sulzbach bewirtschaften auch die Trummers ihren Hof im Nebenerwerb. Neben dem Kartoffelanbau verkauft und verleiht die Familie Festzubehör. Vielfalt statt Einfalt rettet in Corona-Zeiten die Einnahmen. „Gesundheit, Familie, Freunde, Essen und Trinken – der Rest wird sich finden“, ist er sich sicher.

Amberg

Dabei hatte er erst im November in 400 zusätzliche Garnituren seines Festzubehörs investiert. "Jetzt habe ich 2500 Garnituren, die niemand braucht." Trummer klingt ironisch. Dabei sieht es für die Festsaison 2020 düster aus: Am 15. April beschließen Bund und Länder ein Verbot von Großveranstaltungen bis zum 31. August. "Dann ist die Saison so gut wie vorbei", weiß der Landwirt. Kein Mariahilfbergfest, kein Altstadtfest in Amberg, kein Frohnbergfest in Hahnbach. Und keine Garnituren von Thomas Trummer. Auf dem Bergfest in Amberg stammen 80 Prozent der Garnituren aus den Lagerhallen in Hahnbach, auf dem Frohnberg sogar alle. Hinter einem weißen Rolltor stapeln sich Biertische und -bänke bis unter die Decke. Dazwischen enge Gänge. Die hohen Stapel schlucken das Licht der Lampen.

Premiere am Bergfest für Amberger Brauerei fällt wegen Corona aus

Amberg

Angst vor der Zukunft

Auf ein paar Bänken klebt ein Schild mit der Aufschrift „Reparatur“. Jede einzelne Bank nimmt Trummer mit seinen Mitarbeitern vor Beginn der Saison in die Hand, um sie zu prüfen. Jede einzelne Bank wird dieses Jahr wohl an Ort und Stelle bleiben. Noch im März hatte er sich gefreut, dass sie dieses Jahr gut in der Zeit liegen. Trummer erzählt vom Aufbau-Team am Altstadtfest. Eine eingeschworene Truppe seien sie dort. "Das wird mir dieses Jahr gscheid abgehen."

Der junge Landwirt blickt an den Bänken entlang nach oben und schließlich in der Lagerhalle umher. "Ende Juni wäre hier alles leer." Den Lastwagen zum Transport habe er aus Kostengründen gar nicht erst angemeldet. Vor ein paar Tagen hatte er ihn angelassen, um ihn aus dem Weg zu fahren: "Da hat mein Herz geschmerzt." Natürlich habe er Angst vor der Zukunft. Angst, dass Großveranstaltungen auch kommendes Jahr noch ausgesetzt bleiben. Ein Jahr zu überbrücken sei kein Problem. Er schüttelt leicht den Kopf: „Aber länger?“

Laura, Goldmarie, Sissi und Valetta

In Krisenzeiten wie diesen kann sich die Familie Trummer auf ein landwirtschaftliches Standbein verlassen: die Kartoffelwirtschaft. Seit die Großeltern den Hof 1981 mit Milchvieh gegründet hatten, hat sich im Betrieb einiges verändert. 1999 wächst das Maislabyrinth, 2004 steigt Trummer in Winterdienst und Festzubehör ein. 2006 folgt ein tränenreicher Abschied von den Kühen. 2010 übernimmt Thomas Trummer mit seiner Frau Nicole die 22 Hektar Anbaufläche für Kartoffeln. Laura, Concordia, Sissi, Goldmarie - die Heldinnen der Krise sind fest- oder mehligkochend und bestechen mit brauner Schale und goldenem Kern.Während sich durch fehlende Saisonarbeiter und sinkende Preise für viele Bauern zahlreiche Probleme ergeben, halten die landwirtschaftlichen Wurzeln die Trummers über Wasser. Kurz gesagt: Das Geld in der Krise liegt unter der Erde.

Auf einem großen Holzschild über dem Hofladen im Hintergrund prangt ihr Name: Die Trummers.

Anders als bei Pommeskartoffeln ist der Absatz bei Speisekartoffeln ungebrochen (siehe Infokasten). Gerade zu Beginn sei es sogar zu Panikkäufen gekommen, berichtet Mutter Brigitte Trummer. Jeden Freitag verkauft sie auf dem Bauernmarkt in Amberg. Es habe sich viel verändert durch das Virus, erklärt sie. Neue Kunden seien gekommen, die Leute haben Bedarf, sich auszutauschen und erzählen viel. Die Kreisbäuerin beim Bauernverband hält Vorträge über die Kartoffel. Ihr Fazit aus der Krise: "Wir brauchen mehr Alltagskompetenz. Es haben Leute angerufen, die gefragt haben, wie man Kartoffeln kocht."

Vor Corona: Kinder zu Gast auf dem Trummer-Hof

Hahnbach

Auch wenn er der Herr der Bänke ist, hängt das Herz von Thomas Trummer an den "Erdäpfln". Die Chance für ihn in der Krise: mehr Wertschätzung und Bewusstsein für regionale Produkte. "Man muss immer bedenken, wer die Produkte in die Regale des Supermarkts bringt."

Der Himmel verdunkelt sich stärker, es regnet. Trummer freut sich, denn ohne Wasser bliebe die Kartoffel klein. In trockenen Sommern wie dem vergangenen gebe es außerdem viele Kartoffeln mit außergewöhnlichen Formen. Ein Exemplar an diesem Tag hat eine Herzform. Für Thomas Trummer und seine Familie ist die Kartoffel mehr als ein Nahrungsmittel. Sie ist eine Herzensangelegenheit.

Warum haben manche Kartoffelbauern Absatzprobleme während Corona und andere nicht?:

Trummer erklärt, der Unterschied liege in den verschiedenen Kartoffelsorten. Der Absatz für Speisekartoffeln sei gleich geblieben, habe durch Corona sogar etwas zugenommen. Pommeskartoffeln dagegen finden im Moment kaum Abnehmer. Sie haben einen hohen Stärkeanteil, schmecken mehlig und sind unverarbeitet fast ungenießbar. Die Gastronomie benötigt aber im Moment keine großen Pommesmengen. Da die Kartoffeln nicht unbegrenzt haltbar sind, wird ein Großteil nun zu Stärkepulver gemahlen. Das findet sich in mehr Produkten als man denkt, zum Beispiel bei der Herstellung von Medikamenten.

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