20.08.2020 - 10:53 Uhr
HahnbachOberpfalz

Rührei lässt kein Igel stehen

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Rosi Utz liebt Tiere. Ihren Kater Leo, alle Vögel in ihrem Garten und ganz besonders ihre nächtlichen Besucher: die Igel. Seit Jahren kommen sie in Erwartung feinen Futters auf ihre Terrasse. Sie werden nie enttäuscht.

Zwar können einige Igel-Arten gut klettern und halten sich manchmal auf Büschen auf, meist suchen sie jedoch auf dem Erdboden nach Nahrung.
von Helga KammProfil

Haus und Garten von Rosi Utz sind in einer Siedlung ihres Wohnortes, umgeben von anderen Familienhäusern und Gärten. Seit sie im Ruhestand ist, hat sie Zeit, ihre tierischen Gartenbewohner zu beobachten, zu schützen und zu füttern. Die Spatzen und Meisen finden nicht nur im Winter einen reich gedeckten Tisch. Sie genießen das ganze Jahr über Meisenknödel, Sonnenblumenkerne und gehackte Erdnüsse. Sie bewohnen verschiedene Nistkästen und Nester und ziehen ihre Brut groß. Wenn die Jungvögel flügge werden, ist Rosi Utz besonders auf der Hut. Denn ihr Kater Leo und auch die Nachbarskatzen werfen begehrliche Blicke auf die kleinen Federknäuel.

Anders verhält es sich mit den stacheligen Gesellen, den Igeln. Sie müssen nicht geschützt werden, denn ihr Stachelkleid schreckt mögliche Angreifer ab. Eigentlich müssten sie - zumindest im Sommer - auch nicht gefüttert werden, denn sie mögen Schnecken, Käfer und Würmer und finden sie auch in den Gärten. Aber natürlich sind Rosi Utz' Igel auf den Geschmack gekommen. Katzenfutter aus Leos Vorratskiste, Haferflocken mit einem Schuss Öl darüber und als Krönung des Ganzen ein Rührei - da kann kein Igel widerstehen.

Igel in Herbstnacht entdeckt

Angefangen hat das Verwöhnprogramm mit einem besonders kleinen Igelchen. "Der muss noch Gewicht zulegen, sonst übersteht er den Winter nicht" war Rosi Utz klar, als sie ihn in einer Herbstnacht auf ihrer Terrasse entdeckte. Sie machte ihm Rührei und sah befriedigt, wie das kleine Stacheltier schmatzte und schleckte. Das Problem war allerdings, dass auch die anderen Igel und selbst die Katzen der Umgebung dieses besondere Futter für sich entdeckten.

Was tat Rosi Utz? Sie zog eine dicke Jacke an und hielt Wacht. Hatte der kleine Igel seine Portion bekommen, konnte sie beruhigt schlafen gehen. Seit diesem einen Jahr wiederholt sich das Ritual, denn immer gibt es ein Igelchen, das klein ist und aufgepäppelt werden muss. Rosi Utz holt sich oft kalte Füße auf der nächtlichen Terrasse. Ihr Verbrauch an Eier ist beträchtlich. Aber den Igeln geht es gut, das ist ihre Freude.

Die Igel, die zu Rosi Utz kommen, haben ein großes Revier. Sie laufen kilometerweit durch mehrere Gärten, fressen nicht nur bei ihr, sondern auch auf anderen Terrassen, wo sie Katzenfutterreste finden und überqueren mehrmals eine Straße. Dennoch ist in vielen Jahren kein Igel unter die Räder eines Autos gekommen. Ebenso wenig hat durch einen Mähroboter ein Igel sein Leben lassen müssen. Die Mäher parken in der Nacht, wenn sich die nachtaktiven Stacheltiere auf den Weg machen.

Gespannt wartet Rosi Utz im Frühjahr auf den ersten Besuch ihrer stacheligen Freunde. Die Freude ist groß, wenn sie nach und nach eintreffen, die Großen und die Kleinen, die Dicken und die Schlanken nach einem Fett zehrenden Winterschlaf. Ob es die vom Vorjahr sind? Sind es Eltern und Kinder, sind es mehrere Generationen, wenn oft bis zu vier Igel schnaufend den Hang zu Rosi Utz' Terrasse hinauf laufen? "Ich hab' keine Ahnung, sie sehen ja alle gleich aus", kann sie da nur vermuten, wer sie besucht.

Igel sind keine Streicheltiere, sind nicht wie Hunde oder Katzen. Sie nehmen an, was sie bekommen, danke aber sagen sie nicht. Eines aber tun sie alle: Haben sie ihre leckere Abendmahlzeit verzehrt, muss Platz geschaffen werden im Darm. Dass sie ihre Hinterlassenschaft gleich neben das Futterschälchen setzen - "was soll's", sagt Rosi Utz und holt Besen und Schaufel.

Hecke oder Laubhaufen

So leben die Igel in den Gärten um ihr Haus einen Sommer lang. Wo sind sie am Tag? Das hat sie noch nicht herausgefunden. Fakt ist, dass das Angebot an Igelhäusern nicht genutzt wird. Die stacheligen Gesellen suchen sich einen ihnen genehmen Platz - eine Hecke, ein Gebüsch oder einen Laubhaufen. Ebenso halten sie ihr Winterquartier streng geheim. Reisighaufen, Kompost, der Platz unter der Terrasse, viele Möglichkeiten gibt es. "Hauptsache, sie kommen gut über den Winter", sagt Rosi Utz und hofft, dass alle das notwendige Gewicht dafür erreichen. Und sie sinniert, dass es die Igel eigentlich gut haben: Sie können den kalten Winter ganz einfach verschlafen.

Hintergrund:

Was tun mit dem kleinen Findling?

Eines Tages im September fand Rosi Utz in ihrem Garten einen stacheligen Winzling. Er wog gerade mal 150 Gramm, war also in größter Gefahr, den Winter nicht zu überstehen. Rosi Utz brachte ihn zunächst zum Tierarzt, der ihn entwurmte und von Flöhen befreite. Anschließend bekam das Igelchen einen Platz in einem ungenutzten Zimmer des Hauses. Rosi Utz stellte ihm einen Karton mit Schlafloch zur Verfügung, den sie mit alten Zeitungen auslegte. Gefüttert wurde das Igelkind mit Katzenfutter aus der Dose, mit Ei (gekocht oder gerührt), mit garem Geflügelfleisch und gebratenem Hackfleisch. Dazu gab es Haferflocken oder Igel-Trockenfutter und Wasser. All das hat dem Igel geschmeckt und gut getan. Nach rund sieben Wochen brachte der Kleine 700 Gramm auf die Waage und konnte in die Freiheit entlassen werden. Noch heute erzählt Rosi Utz lachend über ihre Igel-Beschäftigungstherapie: „Er bekam jeden Tag eine Sulzbach-Rosenberger Zeitung, die er zerwühlt und zerfetzt hat.“

Was Igel nicht vertragen: Obst und Gemüse, Milchprodukte wie Joghurt und Käse, Nüsse und Rosinen. Auf keinen Fall dürfen Igel Milch trinken. Sie schädigt ihren Darm.

Hilfe: Wer einen kranken oder schwachen Igel findet, ruft am besten einen Tierarzt vor Ort oder ein Tierheim an. Sie können meist den Kontakt zu einer Pflegestelle herstellen. Für den Raum Amberg-Sulzbach ist das die Igel-Fachfrau Claudia Fleck in Amberg (Telefon 0157/36568472). Sie übernimmt die kleinen Igel-Patienten für die Auffangstation für Wildtiere und Exoten in Hahnbach-Kümmersbuch (Telefon 0172/8226953).

Mähroboter: Gerade im Sommer werden viele durch Mähroboter verletzte Igel gefunden. Sie sollten nicht rund um die Uhr fahren, sondern am frühen Abend geparkt werden. (hka)

Steckbrief:

Igel

  • Igel sind auf die Alte Welt beschränkt. Sie kommen in Europa, Afrika und in Teilen Asiens vor. In Amerika und Australien fehlen sie.
  • Sie haben als Verteidigungswaffe etwa sechs- bis achttausend Stacheln am Rücken und an den Flanken. Im Bedrohungsfall können sie sich zu einer Kugel zusammenrollen und die Stacheln aufrichten.
  • Außerhalb der Paarungszeit führen Igel ein meist einzelgängerisches Leben.
  • Sie sind vorwiegend dämmerungs- oder nachtaktiv und halten Winterschlaf.
  • Igel bringen ein- bis zweimal im Jahr Nachwuchs zur Welt. Die Jungtiere haben bei der Geburt noch weiche Stacheln und öffnen erst nach 12 bis 24 Tagen die Augen. (hka)

Tipps des LBV

Neustadt an der Waldnaab
Es ist angerichtet: Rosi Utz stellt Rührei auf das Igel-Büfett.

Erika Passon päppelt Igel auf

Scheckenhof bei Neustadt am Kulm
In der Dunkelheit kommen die Igel angeschnuppert.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.