30.03.2020 - 15:50 Uhr
HirschbachOberpfalz

Corona in der Pflege: "Wir fühlen uns wie Sträflinge"

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Coronavirus und Kontakt zu Senioren – ein Vabanquespiel, dem sich Pflegekräfte jeden Morgen aussetzen müssen. Eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes berichtet, wie sich ihr Alltag verändert hat und ob sie nun mehr Wertschätzung verspürt.

Das Coronavirus bringt für Beschäftigte in der Pflegebranche neue Herausforderungen mit sich.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Jeden Morgen ist Marina Rischan aus Hirschbach unterwegs, schließlich müssen ihre Pflegefälle versorgt werden. Corona hin, Corona her. Sie arbeitet für einen ambulanten Pflegedienst der Diakonie im unteren Pegnitztal. Etwa 45 Pflegekräfte sind für über 300 Patienten zuständig. Wie wirkt sich das Coronavirus auf ihren Arbeitsalltag aus? In kaum einer Branche kommt man Menschen so nah. Auf Tuchfühlung zu gehen, ist im Pflegedienst unvermeidlich. Und Senioren zählen zur Risikogruppe.

ONETZ: Frau Rischan, derzeit ist das Wort "systemrelevant" in aller Munde. Auch der Pflegebranche wird Systemrelevanz attestiert. Was hat sich für Sie und Ihre Arbeit durch das Coronavirus verändert?

Marina Rischan: Es ist vor allem ein Problem aufgetaucht: Wir kommen alle in die Minusstunden, weil wir nur noch knapp 30 Prozent unserer Arbeit machen können. Viele, die jetzt nicht arbeiten müssen, pflegen ihre Angehörigen im Moment selbst. Meine ganzen Pflegeberatungen fallen außerdem weg. Nach dem Coronavirus kommt dann alles geballt. Wir schieben eine gewaltige Welle vor uns her.

ONETZ: Und in der Arbeit mit den Pflegebedürftigen? Den angeordneten Mindestabstand können Sie ja schlecht einhalten.

Rischan: Wir haben ohnehin eine No-touch-Technik, berühren also nur das, was unbedingt notwendig ist. Außerdem tragen wir jetzt Mundschutz. Zwei Kolleginnen sitzen daheim und nähen in Akkordarbeit für uns, weil keine Masken mehr verfügbar ist sind. Eigentlich müssten wir den Mundschutz ja regelmäßig wechseln. Das geht natürlich nicht, wenn man ihn selbst nähen und waschen muss. Das ist schon kritisch. Wir haben überall nachgefragt – keine Chance. Traurig, wenn man im Fernsehen Hinz und Kunz mit Mundschutz sieht und wir haben keinen. Mittlerweile gibt es öffentliche Ausschreibungen, um selbstgenähten zu bekommen. Ansonsten achten wir noch mehr auf Handhygiene. Sorgfältig arbeiten ist für uns selbstverständlich.

Große Geste: Eine Frau aus Auerbach spendete Mundschutz und Hygieneartikel.

Vilseck

ONETZ: Was sagen denn die Pflegefälle zur aktuellen Lage?

Rischan: Die sind eigentlich wie immer, meine sind alle über 90 Jahre alt. Manche bekommen schon etwas mit. Sie wissen, dass es zurzeit so etwas wie eine weltweite Grippe gibt. Andere wundern sich, warum ich plötzlich Mundschutz trage. Vor allem die Angehörigen wollen, dass wir noch mehr aufpassen. Wir fühlen uns ein bisschen, wie Sträflinge und denken: „Hoffentlich bringe ich nichts mit.“ Aber wenn ich das ständig im Kopf hätte, hätte ich die letzten 20 Jahre nicht in dem Beruf arbeiten können.

ONETZ: Was würde passieren, wenn bei ihrem Pflegedienst mehrere Mitarbeiter ausfielen?

Rischan: Dann könnte es schon eng werden. Wir wissen im Moment nicht, wie es weitergeht. Gerade am Morgen, wenn wir alle Patienten gleichzeitig besuchen, da geht's rund. Zum Beispiel müssen alle um die selbe Zeit gespritzt werden. Deshalb müssen wir so breit aufgestellt sein. Danach wird es leichter. Fallen viele von uns aus, dann könnten wir bei einigen erst gegen Mittag kommen. Kleinere Stationen haben es da noch schwieriger.

Traurig, wenn man im TV Hinz und Kunz mit Mundschutz sieht, und wir haben keinen.

Marina Rischan, Pflegekraft

Marina Rischan, Pflegekraft

ONETZ: Spüren Sie mehr Wertschätzung, seit die Menschen merken, welches Gewicht Ihre Branche in der aktuellen Krise hat?

Rischan: Ach, was heißt denn Wertschätzung? Über fehlende Wertschätzung kann ich mich jedenfalls nicht beklagen, die bekommen wir von Angehörigen wie von Patienten. Wir verdienen auch gar nicht so schlecht, wie es der Ruf der Branche ist. Wenn das mehr Leute wüssten, würden sich vielleicht auch mehr bewerben. Klar ist aber: Es ist ein Job mit viel Verantwortung, du musst deinen Kopf schon dabeihaben.

ONETZ: Wie verbringen Sie die zusätzliche Freizeit daheim?

Rischan: Es bleibt schon noch genug Arbeit, etwa in der Verwaltung. Außerdem habe ich ein Pferd und vier Katzen, spiele Zither und Klarinette. Mir wird so schnell nicht langweilig.

Hintergrund:

Pflegende Angehörige: Hilferuf aus Amberg

Minusstunden bei ambulanten Pflegekräften, eklatante Mehrbelastung bei Verwandten? Der Amberger Verein „Pflegende Angehörige eV“ bittet in einer Online-Petition um Unterstützung. Fast 80 Prozent aller Pflegefälle würden hierzulande von Verwandten betreut. Laut einer Pressemitteilung des Vereins brächen zum einen in der aktuellen Lage zahlreiche Hilfsangebote wie Tagespflege oder Therapien weg. Zum anderen fehle es – wie in vielen Branchen – an den nötigen Schutzmaßnahmen. „Nachschub ist nicht in Sicht“, so der Verein. Es drohe „eine unlösbare Katastrophe“.

Das digitale Hilfegesuch richtet sich im Speziellen an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er solle Herz zeigen und dort Hilfe gewähren, wo sie dringend notwendig sei. Die Online-Petition hat sich 50000 Unterschriften zum Ziel gesetzt, aktuell sind es 828 – nach vier Tagen. Noch sind aber volle drei Wochen Zeit, um die Marke zu erreichen.

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