15.01.2019 - 16:22 Uhr
KemnathOberpfalz

Falscher Arzt macht einfach weiter

Dumm, dreist, gemeingefährlich: Zwei Monate arbeitete ein Libyer als falscher Arzt in Kemnath. Zuvor schon an anderen Kliniken. Der Betrug flog jedes Mal auf. Dennoch trat er wieder eine Stelle als Bereitschaftsarzt an.

Ein 38-jähriger Libyer, der als falscher Mediziner in Kemnath gearbeitet hat, kann es einfach nicht lassen. Trotz Verurteilung tritt er in Melsungen (Hessen) eine Stelle als Bereitschaftsarzt an.
von Hubert Lukas Kontakt Profil

Für seine Machenschaften hat ihn das Kasseler Amtsgericht im vergangenen Mai bereits zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Wegen Sozialbetrugs und Fälschung von Urkunden, mit denen er sich in Kassel und Hildesheim Anstellungen als Assistenzarzt erschlichen hatte. Auch die Kliniken Nordoberpfalz AG hatte den Mann in Vorjahr im März und April am Kemnather Krankenhaus im Nachtdienst eingesetzt. Er war ihr von einem Arbeitnehmerüberlassungsunternehmen vermittelt worden, gegen den die Kriminalpolizei Kassel zu ermitteln begann.

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Kemnath

Da das Kasseler Urteil noch nicht rechtskräftig war, kam der Libyer aus der Untersuchungshaft gegen Auflagen wieder auf freien Fuß. Das ermutigte ihn offenbar, seine Masche an einer privaten Klinik in Melsungen (Nordhessen) zu wiederholen. Gleich im Juni trat er eine Anstellung als Bereitschaftsarzt an. Nach fünf Diensten war aber auch dort Schluss mit dem Schwindel. Wie die Hessische Niedersächsische Allgemeine Anfang dieser Woche berichtet, entlarvten ihn aufmerksame Pflegekräfte.

Den Krankenschwestern war aufgefallen, dass der angebliche Mediziner eine Blutkonserve für eine Transplantation in einem Büro am PC statt in einem Sterilraum vorbereitet hatte. Auch soll er keine konkreten Anordnungen für Medikamente gegeben haben. Das Personal erstattete Meldung beim Chefarzt, Hausverbot und Kündigung folgten prompt. Ebenso eine Anzeige der Klinik.

Wie deren Leitung gegenüber der Hessenschau mitteilte, hatte ihr der 38-Jährige – wie der Kliniken Nordoberpfalz AG – neben einer gefälschten Approbationsurkunde auch unechte Zeugnisse vorheriger Arbeitgeber vorgelegt. Allerdings räumte der Melsungener Klinikmanager ein, dass die Bewerbung online erfolgt sei. Die Unterlagen im Original habe der Libyer trotz mehrmaliger Aufforderung nicht eingereicht. Besonders dreist in diesem Fall: Nach der Kündigung erhält das Melsungener Haus von ihm eine Kündigungsschutzklage. Auch soll er seine zurückgehaltene Bereitschaftsdienstvergütung eingeklagt haben.

Ebenso berichtet das Regionalmagazin des Hessischen Rundfunks mit Verweis auf die Staatsanwaltschaft Kassel von einem Berufungsverfahren im Oktober. Das Urteil vom Mai wollte der 38-jährige Libyer offenbar so nicht hinnehmen – und hatte damit auch Erfolg. Die Richter reduzierten das Strafmaß auf zwei Jahre und fünf Monate. Allerdings werden sie ihm jetzt wohl doch wieder einiges zusätzlich „aufbrummen“. Der Mann sitzt nun jedenfalls in Untersuchungshaft.

Informationen:

In Kemnath 200 Arzt-Patienten-Kontakte

Nachdem der falsche Arzt im Kemnather Krankenhaus aufgeflogen war, begann die Kliniken Nordoberpfalz AG umgehend damit, die Akten der dort während des Zeitraumes von März bis April 2018 behandelten Patienten zu überprüfen. Diese Aufgabe fiel den beiden Kemnather Chefärzten, Dr. Florian Höhler (Chirurgie) und Dr. Gerhard Jilge (Innere Medizin), zu. Laut Michael Reindl, Leiter Öffentlichkeitsarbeit und Patientenbelange, sind sie damit „soweit fertig“.

Die Ärzte haben rund 700 Patientenakten gesichtet. In etwa 200 Fällen habe es einen Arzt-Patienten-Kontakt gegeben, berichtet Reindl. Die betroffenen Personen seien inzwischen schriftlich darüber informiert worden. Darin werde ihnen auch ein Gespräch mit Höhler oder Jilge angeboten.

Nun nimmt sich die Staatsanwaltschaft Weiden der Akten an. Mit ihr „wird eng kooperiert“, erklärt Reindl. Er versichert zudem, dass für die Patienten keine akute Gefahr bestanden habe, der Arzt habe nie alleine über die Behandlung oder Entlassung entscheiden können. Auch die Kliniken AG sei über den erneuten Betrug in Melsungen informiert. Daran sehe man, dass es ein bundesweites Phänomen und nicht nur auf Kemnath beschränkt sei: „Der Mann war relativ breit aufgestellt.“

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