27.08.2020 - 10:32 Uhr
Oberpfalz

Aus der Kirche ins Wirtshaus

Gotteshäuser und Gasthäuser gehören in Bayern zusammen. Oft sind es Orte mit großer Geschichte und langer Tradition. Das Projekt "Kirche und Wirtshaus mit Pfiff" feiert das bereits viele Jahre mit Führungen - drei Tipps in der nördlichen Oberpfalz für Erkundungen auf eigene Faust.

von Rainer ChristophProfil

Als in Regensburg im Juni 2019 das Haus der Bayerischen Geschichte eröffnet wurde, betonte Kurator und Leiter Dr. Richard Loibl, dass das "Wirtshaus in Bayern einen besonderen Stellenwert" besitzt. "Wir haben kein Museumscafé, sondern ein Wirtshaus. Dafür ist Bayern nun mal bekannt."

Ein lebendiges Symbol bayerischer Lebensart ist auch der Verbund "Kirche und Wirtshaus". 1998 wurde in Regensburg von Stadtheimatpfleger Dr. Werner Chrobak die Idee "Kirche und Wirtshaus mit Pfiff" geboren. Das Projekt, das Kirchen und Wirtshäuser bei Führungen vorstellt, breitete sich ab 2002 schnell in ganz Bayern aus, darunter im Landkreis Amberg-Sulzbach. Auch die Landkreise Tirschenreuth und Neustadt/WN müssen sich nicht verstecken. Drei Beispiele:

Gasthof Rosner ("Kapplwirt")/Große Kappl in Münchenreuth bei Waldsassen

Berühmt ist die besondere Rundkirche der Heiligen Dreifaltigkeit des Klosters Waldsassen. Erbaut wurde sie nach Plänen des berühmten Baumeisters Georg Dietzenhofer, der sein Handwerk in Prag erlernt hatte. Der Gasthof mit Metzgerei daneben ist seit 1826 im Familienbesitz. 307 Jahre geht die Geschichte des "Würthshauses" zurück. Die Rinder grasen direkt vor dem Biergarten. Im Verbund mit den Zisterziensern gesehen, gehen seine Urspünge bis ins 12. Jahrhundert. Allein die Lage auf dem 600 Meter hohen Gelände, eingebettet in die herrliche Natur des Stiftlandes, ist unschlagbar.

Mehr Informationen auf www.kapplwirt.de.

Gasthof "Kleine Kappl"/Wallfahrtskirche St. Sebastian in Ottengrün bei Neualbenreuth

Gar nicht so weit entfernt von Waldsassen, am Golfplatz bei Ottengrün (Neualbenreuth), steht die Wallfahrtskirche St. Sebastian auch "Kleine Kappl" genannt. Ottengrün war im 14. Jahrhundert eine "Egerische Enklave". Die Rokokokanzel und die Deckenmalereien vom Elias Dollhopf sind historische Besonderheiten in der "Kleinen Kappl". Einst gehörte sie zum Dekanat Eger.

Der heutige Zustand ist Johann Werndl von Lehenstein, dem ersten Bürgermeister von Eger, zu verdanken. 1725 ließ er die baufällige Kirche abreißen und eine neue erbauen. Drei reichverzierte Rokokoaltäre hat die Kirche.

Im Morgenschatten steht der teilweise im Egerländer Stil erbaute Gasthof "Kleine Kappl". 1803 wird er erstmals erwähnt. Dem damaligen Wirt wurden einst ein Bierausstoß von 100 Litern und der Betrieb einer Bäckerei genehmigt. Seit 1907 ist das Wirtshaus in der fünften Generation im Besitz der Familie Betzl.

Mehr Informationen auf www.kleine-kappl.de.

Gaststätte Hammerwirt/Schlosskirche in Neuenhammer bei Georgenberg

Auch bei diesem Anwesen standen zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Zisterzienser aus Waldsassen Pate. Die Vogtei Neuenhammer übertrugen sie 1350 dem Brüderpaar der Leuchtenberger Landgrafen. Zwei Jahre später trennten sich die Mönche endgültig von dem Besitz durch einen Verkauf an Konrad und Heinrich von Waldau. Die Wasserkraft des Zottbaches wurde für eine Mühle, später für ein Hammerwerk, danach für eine Glasschleife genutzt.

In der Oberpfalz, als "Ruhrgebiet des Mittelalters" bekannt, förderten bereits die Sulzbacher Grafen die Erzgewinnung, so auch im Zottbachtal. So entstand Ende des 12. Jahrhunderts das erste erfolgreich arbeitende Hammerwerk in Neuenhammer. Unterbrochen durch die Hussitenkriege, den Dreißigjährigen Krieg und weitere Kriege, ging es danach wieder aufwärts.

Der Hammer durfte sein Eisen nach Amberg liefern und im Gegenzug dafür Amberger Erz erhalten. Geregelt wurde dies durch die Bergwerksgesellschaften in Amberg und Sulzbach, die Verträge mit den Hammerwerken abschlossen.

1867 hatte Neuenhammer 15 Gebäude und 77 Einwohner (die Werksgebäude wurden vor rund 25 Jahren abgerissen). Anfang des 19. Jahrhunderts gerieten die Eisenwerke der Oberpfalz in Schwierigkeiten. Einige Gründe waren die schlechte Verkehrsanbindung, die altmodischen Hammerwerke, Miniaturhochöfen und die Holz-Krise. Wie viele Hammerwerke wurde auch Neuenhammer in eine Glasschleife umgewandelt. 1833 kaufte ein Johann Michael Eduard Franz Rath das Hammergut Neuenhammer. Über drei Jahrzehnte führte er mit seiner Frau Theresia das Anwesen.

Auf dieses tiefgläubige Gutsbesitzerehepaar geht der Bau der heutigen Schlosskirche im Jahre 1873 zurück. Wegen des sumpfigen Untergrunds musste die Kirche auf Eichenholzbohlen erbaut werden.

Ursprünglich war eine kleine Hauskapelle für die Familie und die Angestellten geplant. Dass der Bau überhaupt erlaubt wurde, ist die Geschichte einer Freundschaft zwischen dem Regensburger Bischof Franz Xaver von Schwäbl (geboren 14. November 1778, gestorben 12. Juli 1841) und dem damaligen Gutsbesitzers Johann Michael Eduard Franz Rath. Beide kannten sich vom Studium aus Ingolstadt. Der Bischof riet seinem Freund, die Kirche etwas größer zu bauen, da die beiden Nachbarkirchen zum Ort weiter weg lagen und im Winter oft nicht erreichbar waren.

Die Kirche befindet sich Mauer an Mauer am Hammerschloss. Besonderheit und noch heute erhalten, ist die verglaste und beheizbare Stube im Dachgeschoss des Schlosses mit Blick in die Kirche. Von dort aus konnte die Familie dem Gottesdienst beiwohnen.

Im Laufe der Jahrzehnte kam es zu häufigen Besitzerwechseln. Die heutigen Besitzer, Familie Maurer, kam vor rund 70 Jahren durch Heirat und Erbschaft in den Besitz des Hammerschlosses mit Kirche.

Es gibt einen wichtigen Passus im Kaufvertrag, bestimmt durch die Vorbesitzer Rath: "Die Kirche geht stets kostenlos an einen neuen Besitzer über."

Der Eingang zur Kirche ist auf der Straßenseite. Die üppig geschnitzte Kirchentür stammt aus dem Jahr 1837 und ist, wie das alte Türschloss, noch im Original erhalten. Der eher kleine Kirchturm sitzt auf dem Giebel des Eingangs. Im obersten Bereich hängen offen zwei Glocken. In einer Nische an der Außenseite über der Tür steht mittig die Statue des Heiligen Christophorus mit dem Jesuskind.

Der einfache Kirchenraum mit Platz für 100 Gläubige weist eine flache Decke auf. Hinter der Apsis ist die Sakristei. Der Kirchenraum ist klassizistisch/neugotisch gestaltet. Die Orgel stammt aus Eger und wurde um 1840 eingebaut. Aufwendig geschnitzt sind die ebenfalls original barocken Wangen der Kirchenbänke. In der Nähe des Ausgangs ist eine überlebensgroße Nepomukfigur.

Der spätbarocke, hölzerne Hochaltar ist eine Spende von Bischof Schwäbl aus dem Regensburger Dom. Drei dieser Altäre, so wird berichtet, hatte König Ludwig I. 1834 entfernen lassen, einer fand in Neuenhammer eine Bleibe.

Aus dem rund 300 Jahre alten Hammerschloss wurde ein Gasthof mit eigener Metzgerei und Biergarten. Für Kinder und Erwachsene gibt es im Wildgehege einiges zu sehen. Gasthof und Schlosskirche stehen unter Denkmalschutz und somit ein typisch bayerisches Ensemble von Kirche und Wirtshaus.

Mehr Informationen auf www.hammerwirt-neuenhammer.de.

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