18.10.2020 - 11:16 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Das Kirchenthumbacher Rathaus: Eine bewegende Geschichte

Wo stand früher das alte Kirchenthumbacher Rathaus? Wie hat es ausgesehen? Warum ist es weg? Diese Fragen stellen sich oft Bürger, die sich zusehends für die Heimatgeschichte interessieren. Die Antwort darauf ist schwierig.

So sah das Kirchenthumbacher Rathaus 1968 aus, von seinem Vorgänger aus dem 14. Jahrhundert gibt es aber keine Unterlagen mehr.
von Fritz FürkProfil

Nachforschungen in der Geschichte eines Ortes ergeben oft Interessantes: Wer heute zum Kirchenthumbacher Rathaus will, fährt zur Bahnhofstraße 18. Doch das war nicht immer so, denn das Gebäude stand früher ganz woanders und sah auch anders aus. Fest steht: Das Rathaus stand mitten am Marktplatz zwischen dem jetzigen Gasthof Thumbeck und dem Postwirt und hatte ein Ausmaß von 8 mal 16 Meter. Das Gebäude dominierte mit dem Oberen Tor und der Pfarrkirche den Marktplatz. Vom Bau selbst fehlen aber greifbare Unterlagen, und auch Urkunden gibt es keine nicht. Vermutlich sind sie durch die beiden großen Brände des Marktes in den Jahren 1634 und 1871 sowie durch den Dreißigjährigen Krieg vernichtet worden.

Textbeiträge von Pfarrer Paulinus Fröhlich lassen aber vermuten, dass das Rathaus eine ähnliche Architektur hatte, wie das Rathaus von Auerbach. An der Längsseite waren Arkaden mit Nischen zum Verkauf von Fleisch, Fisch und Wurst. Zudem waren im Erdgeschoss ein Gefängnis und eine Büttelei (Amtssitz des Bannwarts) eingebaut. Im Obergeschoss waren ein geräumiges Zimmer für die Rats-und Gemeindeversammlungen sowie Gerichtsverhandlungen untergebracht. Weitere Räume beherbergten die Akten und die Wohnung des Ratsdieners.

Es ist denkbar, dass das Rathaus im 14. Jahrhundert erbaut worden ist. In dieser Zeit begann der wirtschaftliche Wohlstand. Handel und Gewerbe blühten auf, der Wille zur Selbständigkeit und zu einer eigenen Verfassung wurde immer stärker. Der Ruf nach einem gemeindlichen Mittelpunkt wurde stets lauter.

Nach Recherchen von Fritz Fürk soll das Rathaus im Jahr 1816 jedoch wieder abgerissen worden sein. Schon damals gingen die Bürger auf die Barrikaden. Mehrmals musste Assessor Greger vom Landgericht nach Thumbach reisen, um den Abbruch zu forcieren. Doch selbst den wiederholten Dekreten der Regierung folgten die Thumbacher nicht. Der Rat bekam es mit der Angst zu tun und ließ den Landgerichtsassessor schalten und walten. Aus Sorge alle Rechte ohne Rathaus zu verlieren, verschärfte sich der Widerstand. Vor allem die Frauen gingen ohne Furcht gegen den Gerichtsassessor vor. "Als die Thumbacher Weiber" gegen Assessor Greger zu Felde zogen und ihm Ungemach androhten, flüchtete dieser auf die höchste Spitze des Rathauses. Dort waren der Zimmermeister Lauber und der Wagnermeister Hertel damit beschäftigt, die Dachziegel herunter zu nehmen. Greger änderte seine Meinung und plötzlich war das Rathaus baulich wieder in Ordnung, die Reparaturkosten gering. Diese könne der Markt selbst tragen. Gegen Freibier bestätigten die Handwerker den guten Zustand des Rathauses.

Auch im Jahr 2020 wird über einen Abriss in Kirchenthumbach entschieden

Kirchenthumbach

Doch die Regierung blieb unbeugsam und der Abriss des Rathauses war nicht mehr aufzuhalten. Bürgerbegehren wie heutzutage gab es damals nicht. Es war ein Armutszeugnis für den privilegierten Ort mit Marktgerechtigkeit, ein Rathaus abzureißen. Als Grund gaben Bürgermeister und Rat damals an, das Rathaus sei baufällig, und man brauche Ziegel für einen Schulhausneubau. Die Wahrheit aber war wohl eine andere, es waren Privatinteressen. Der Postwirt (Hörl) und der Landrichter (Eckert heute Thumbeck) lagen im wirtschaftlichen Streit. Damit jeder sehen konnte, wer in welches Wirtshaus einkehrt, forderten sie den Abriss. Das Volk reagierte. Bei den anstehenden Kommunalwahlen wurden die meisten der Räte nicht mehr gewählt. Zudem wurde die Zahl der Räte von sechs auf zwölf Personen erhöht, um die Eigeninteressen auszudünnen.

Seit 1816 verfügte der Markt Kirchenthumbach über kein Rathaus mehr. Fortan befand sich die spärlich ausgestattete Gemeindekanzlei in den Wohnungen des jeweiligen Bürgermeisters. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das ehemalige Schulhaus neben der Pfarrkirche zu einem Rathaus umfunktioniert. Dies war man vor allem dem Bevölkerungszuwachs durch die Heimatvertriebenen geschuldet. Hinzukam die Eingemeindung der damals noch selbstständigen Gemeinden Metzenhof und Treinreuth. Als äußeres Zeichen der Verwaltungshoheit wurde in die Längsfassade ein großes Gemeindewappen aus Sandstein eingemauert. Erster Bürgermeister in den neuen Diensträumen war Josef Albersdorfer (Schlattermüller). Doch schon 1972 rückte die Abrissbirne an. Das neuromanische Gotteshaus wurde dem Erdboden gleichgemacht. Im selben Aufwasch wurde auch die Gemeindekanzlei niedergerissen. Für viele Thumbacher war dies ein Schlag ins Kontor. Die Gemeindeverwaltung machte mit der Kirche ein Tauschgeschäft und zog in das Turnerhaus ein.

Durch die Gebietsreform wurde es zu eng in den Räumen des Provisoriums, das ursprünglich als Wohnung diente. Unter Bürgermeister Gerhard Sporer beschlossen die Gemeinderäte den Neubau eines Rathauses mit Sitz der Verwaltungsgemeinschaft, bestehend aus den Gemeinden Kirchenthumbach, Vorbach und Schlammersdorf. Dem Rat gehörten damals an: Josef Prüschenk, Wenzl Fenzl, Sebastian Mückl, Englbert Schecklmann, (Dritter Bürgermeister), Johann Kleber, Georg Weidner, Alfred Kirsch, Hans Roder, Ludwig Kellner (Zweiter Bürgermeister) Quirin Seemann, Alfred Schaub, Ludwig Heindl und Michael Paulus.

Über den Standort wurde viel und lange diskutiert, auch in einer Bürgerversammlung im Thumbecksaal. Nach den Vorschlägen von Josef Prüschenk sollte das Rathaus nach einem Umbau in das Baderhaus einziehen. Um Platz zu schaffen sollte der Thumbach mit einer Betonplatte eingehaust werden. Die Begründung von Prüschenk und nicht wenigen Kirchenthumbachern war: Ein Rathaus gehört in die Ortsmitte und nicht neben ein Kalkwerk und ein Getreidesilo. Die Entscheidung fiel anders aus. Mehrheitlich entschied sich der Gemeinderat für einen Rathausneubau auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände, die heutige Bahnhofstraße 18. Prüschenks Pläne wurden zu Grabe getragen. Architekt Albert Schneider wurde mit der Planung beauftragt. Baubeginn war am 16. August 1977. Die Einweihung fand am 11. August 1979 um 10 Uhr durch Pfarrer Josef Rosner und Pfarrer Christian Speiser statt.

Viele Bürger und Ehrengäste kommen 1979 bei der Einweihung des neugebauten Kirchenthumbacher Rathauses auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände zusammen.
Der Rathauslageplan um 1800.
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