14.10.2021 - 10:09 Uhr
KönigsteinOberpfalz

Die Wiederentdeckung der "bäuerlichen Naturapotheke"

Zu Zeiten, als der nächste Arzt fern und Arzneimittel aus der Apotheke teuer waren, wusste man sich mit Extrakten aus der Natur zu helfen. Die Wirksamkeit ist inzwischen teils sogar wissenschaftlich belegt.

Schafgarbe-Kamille-Tinktur eignet sich für kleine Entzündungen und Blessuren.
von Adele SchützProfil

Die "bäuerliche Naturapotheke" gewinnt in unserer Zeit wieder immer mehr an Bedeutung und erfährt eine regelrechte Renaissance. Die Autorin, Kräuterexpertin und Landfrauenberaterin Markusine Guthjahr aus Königstein kennt sich bestens mit den alten Hausmitteln aus und gibt einen Einblick in den reichen Wissensschatz der früheren Generationen.

Früher sei das wertvolle Erfahrungswissen über Hausmittel – Anwendungen und Rezepturen aus der Zeit, als es kaum fertige Arzneimittel gab – in der bäuerlichen Familie von Generation zu Generation weitergegeben worden. Zudem sei der Weg zum Arzt weit gewesen und viele Menschen hätten sich die meist teure Medizin nicht leisten können. Kräutertees, Tinkturen und Heilsalben seien oft selbst hergestellt worden, so Guthjahr. Sie hätten geholfen, auf natürliche Weise manches „Zipperlein" zu lindern. Unpässlichkeiten oder auch Krankheiten und Verletzungen seien mit Pflanzen aus Garten, Feld und Wald behandelt worden.

Heute ließe sich feststellen, dass immer mehr Menschen natürliche Heilmittel wieder bevorzugen, wie bei einfachen Infekten, Erkältungskrankheiten, Magen-Darm-Beschwerden oder bei Schlafstörungen, weiß Guthjahr. „Die Wirkung von pflanzlichen Mitteln ist sicherlich keine Einbildung, denn das überlieferte Erfahrungswissen aus der Pflanzenheilkunde kann heute mit genauen wissenschaftlichen Methoden überprüft werden“, so die Kräuterfachfrau. Es sei bekannt, dass viele Würzkräuter auch gleichzeitig Heilpflanzen seien. Sie würden beispielsweise das menschliche Immunsystem stärken, regten Nieren, Herz und Kreislauf an, ihre ätherischen Öl-, Gerb- und Bitterstoffe aktivierten die Verdauungsorgane und den Stoffwechsel. „Selbstverständlich ist es wichtig, dass bei dem erwachenden Interesse an Großmutters Hausmitteln die überlieferten Rezepturen kritisch überprüft und hinterfragt werden. Man muss hier die Spreu vom Weizen trennen und Untaugliches oder sogar Schädliches von wirkungsvollen, gesundheitsfördernden Anwendungen unterscheiden“, betont Guthjahr.

Ein Einblick in die bäuerliche Hausapotheke:

Kräutertee: Der Heilpflanzentee ist die am meisten genutzte Anwendung. Heilkräuter bekommt man in Apotheken und Reformhäusern. Verschiedene Teesorten kann man aber auch im eigenen Garten anbauen, wie Minze, Melisse, Majoran, Thymian, Salbei, Schafgarbe und vieles mehr. Die richtige Zubereitung von Arzneitees hängt von den Inhaltsstoffen der jeweiligen Pflanzendroge ab. So unterscheidet man folgende Methoden:

Aufguss (Infus): Blätter werden mit siedendem Wasser überbrüht. Man lässt sie in einem Gefäß drei bis fünf Minuten zugedeckt ziehen. Die Flüssigkeit dann durch ein Sieb gießen und den warmen Tee schluckweise trinken.

Abkochung (Dekokt): Man setzt zerkleinerte Pflanzenteile, meistens Wurzel oder Rinde, mit kaltem Wasser an, und erhitzt sie langsam 15 bis 20 Minuten. "Dann nicht länger als fünf Minuten kochen", erklärt Guthjahr.

Kaltauszug (Mazerat): Wenn die Wirkstoffe der Pflanze keine Hitze vertragen, setzt man die Pflanzenteile kalt an und lässt sie fünf bis zwölf Stunden in einem bedeckten Porzellangefäß stehen. Dann abseihen und leicht angewärmt schluckweise trinken.

Das Fachpersonal in Apotheken kann Auskunft darüber geben, welche Zubereitungsmethode für die jeweilige Teedroge am geeignetsten ist. "Auf jeden Fall sind Arzneitees nur gezielt einzusetzen und nicht für den Dauergebrauch bestimmt", sagt Guthjahr. Tees und Teemischungen eignen sich auch für den äußerlichen Gebrauch, zum Gurgeln und Inhalieren, als Kopfdampfbad oder als Badezusatz.

Extrakte und Tinkturen: Als Pflanzenextrakt bezeichnet man eingedickte Auszüge aus frischen oder getrockneten Pflanzen oder eingedickte Pflanzensäfte. Tinkturen sind konzentrierte Pflanzenauszüge, die mit Alkohol hergestellt werden.

Heilsalben und Heilöle: Beides eignet sich für Einreibungen und Auflagen. Man bekommt sie in Apotheken und Reformhäusern. Heilsalben und -Öle lassen sich auch selbst aus Kräutern herstellen, wie Johanniskraut-Blütenöl oder Ringelblumensalbe. "Gegen viele Krankheiten ist ein Kraut gewachsen, man muss wissen, wie man es richtig anwendet", so Guthjahr.

"Aus der Speisekammer der Natur" mit Markusine Guthjahr

Königstein
Service:

Rezepte für traditionelle Hausmittel

  • Heißer Tee: "Heißer Holunderblütentee oder Lindenblütentee sind ausgezeichnete Mittel gegen Grippe", sagt Markusine Guthjahr. Beide Tees würden das körpereigene Abwehrsystem stärken und seien gute Vorbeugungsmittel gegen Erkältungskrankheiten. "Bereits bei leichtem Frösteln sollte man den Tee trinken. Die Wärme durchflutet sofort den ganzen Körper von der Haarwurzel bis zur Fußspitze." Wolle man diesen Wärmeeffekt noch erhöhen, nimmt man ein heißes Fußbad und trinkt dabei schluckweise den Tee.
  • Heißes Fußbad mit ansteigender Temperatur nach Pfarrer Kneipp: Einen großen Eimer bis zur Hälfte mit warmen Wasser füllen (35 bis 37 Grad Celsius). Zwei Esslöffel Kochsalz dazugeben. Die Füße hineinstellen und ab und zu heißes Wasser nachgießen, bis eine Temperatur von 40 bis 42 Grad Celsius erreicht ist. Nach 20 Minuten das Fußbad beenden und warme Wollsocken anziehen. "Dieses Fußbad ist nicht geeignet bei Venenleiden."
  • Schlafkissen mit Lavendelblüten: Aus hübschem Baumwollstoff kleine Kissenhüllen nähen (15 mal 15 Zentimeter), mit dünner Verbandswatte polstern und in die Mitte 20 Gramm getrocknete Lavendelblüten füllen. Dann das Kissen zunähen. Das Duftkissen abends auf den Oberkörper oder unter den Kopf legen. Die Körperwärme aktiviert die Heilstoffe und beim Einatmen wirken diese schlaffördernd. Guthjahrs Tipp: "Eignet sich gut als Mitbringsel bei Krankenbesuchen."
  • Lavendelblüten-Tinktur: Zwei Handvoll frische Lavendelblüten in ein helles Schraubglas füllen und mit Franzbranntwein bedecken. Zwei Wochen auf die warme Fensterbank stellen, ab und zu schütteln. Danach abfiltern, in kleine Fläschchen füllen und beschriften. Tipp: "Diese Tinktur eignet sich zum Einreiben bei Muskelverspannung und rheumatischen Beschwerden."
  • Schafgarbe-Kamille-Tinktur: Je eine Handvoll frische Kamillen- und Schafgarbe-Blüten in ein helles Schraubglas füllen und mit 38-prozentigem Korn bedecken. Auf eine sonnige Fensterbank stellen und täglich einmal schütteln. Nach sechs Wochen abseihen, in kleine Flaschen füllen und beschriften. Tipp: "Diese Tinktur eignet sich sehr gut zum Behandeln von kleinen Blessuren und Entzündungen."
  • Ringelblumenbalsam: 200 Milliliter gutes Olivenöl, 25 Gramm Bienenwachsblättchen, eine Handvoll Ringelblumenblätter (abgezupft). Zubereitung: Das Olivenöl mit dem Bienenwachs in einem kleinen Gefäß im Wasserbad erwärmen, bis die Wachsblättchen geschmolzen sind. Die Ringelblumenblätter mit der Schere klein schneiden und in die heiße Öl-Wachs-Mischung geben. Kurz aufwallen lassen und dabei umrühren. Den Topf sofort von der heißen Kochplatte nehmen und die Mischung einen Tag lang stehen lassen. Dann wieder im Wasserbad erwärmen, abseihen, in eine kleine Porzellanschale füllen und mit einem Holzlöffel oder Pistill so lange rühren, bis eine cremige Masse entsteht. Danach in kleine Salbendosen füllen, beschriften und dunkel stellen. Haltbarkeit zirka ein Jahr. "Den geschmeidigen Handbalsam nach Bedarf anwenden."

 

 

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