04.08.2021 - 09:29 Uhr
KohlbergOberpfalz

#gehenstattessen: Dann fahr doch einfach Rad!

Im neuesten Teil seiner Serie versucht Peter Müller rauszufinden, ob er seinen Abnehmweg durch Fahrradfahren erweitern kann. Aber niedrige Gewichtsgrenzen der Hersteller und wenig Auswahl sorgen eher für Frust als für Freude beim Radeln.

Mit Übergewicht ein Fahrrad zu kaufen ist nicht so einfach. Die Auswahl an Rädern, die einen tragen wenn man mehr als 110 Kilo wiegt, ist sehr überschaubar und die verfügbaren Modelle sieht nicht gerade günstig.
von Peter MüllerProfil

"Radfahren und Schwimmengehen." Das sind typische Abnehm-Tipps. Schwimmen gehen? Öffentlich? Das kam für mich lange Zeit absolut nicht in Frage. Dafür waren die Erlebnisse bei meinen letzten Schwimmbadbesuchen als Teenager zu negativ. Zu prägend die Blicke, und die dummen Sprüche zu verletzend. Mit 250 Kilo wollte ich mich dann erst recht nicht bis auf eine Badehose ausziehen und so vor anderen Menschen zeigen. "Den Anblick will ich niemandem antun", war immer mein Spruch, wenn die Idee mal wieder an mich herangetragen wurde. Gemeint war immer: "Ich will mich in keine Situation bringen, in der ich noch schlimmere und verletzendere dumme Sprüche riskiere."

"Und Radfahren?" Beim Anblick der dünnen Rädchen und grazilen Speichen von so manchem Fahrrad war mir sofort klar, dass die Dinger nie im Leben für Menschen mit meinem Gewicht gemacht sind. 240, 250 Kilo auf Speichen, die nicht einmal einen Millimeter dick und Felgen, die keine zwei Finger breit sind? Das kann nicht klappen.

Inzwischen wiege ich nur noch um die 150 Kilo. Ein Gewicht, das nicht so wirklich selten ist. Da wäre es doch nicht abwegig, nicht mehr nur auf dem Heimtrainer zu strampeln, sondern mich wirklich auf den Radlsattel zu schwingen und "#gehenstattessen" um "#radelnstattessen" zu erweitern. Besonders, da nach meinem doofen Sturz die Knie und die Hüfte noch immer nicht so wirklich belastbar sind. (Und ja, einen Termin beim Orthopäden hab' ich schon ausgemacht.)

Mit wieviel Kilo aufs Radel?

Also hab' ich versucht, Informationen zu finden, "Radfahren mit Übergewicht" gegoogelt. Und dabei ist mir immer wieder eine Zahl begegnet: 120 Kilogramm. Systemgewicht 120 Kilo. Gesamtgewicht 120 Kilo. Ernsthaft? Ja! Fast alle Fahrräder auf dem Markt sind für ein Gesamtgewicht von 120 Kilogramm ausgelegt – also Fahrrad, Fahrer, Kleidung und Gepäck dürfen 120 Kilo nicht übersteigen. Bei E-Bikes ist es manchmal etwas mehr. Dafür wiegen die selbst meist schon zwischen 25 und 30 Kilo. Ein normales Fahrrad hat meist 10 bis15 Kilo. Also dürfen Fahrer, Kleidung und Gepäck zusammen höchstens 110 Kilo wiegen. Zumindest war das die Information, die ich online fand. Und einfach nicht glauben konnte.

Etwa fast ein Fünftel der Menschen in Deutschland dürfte dann also nicht Radfahren. Und ein Kasten Bier, ein Sackerl Grillkohle und ein bisschen Grillgut auf dem Gepäckträger bei der Tour zum Baggerweiher? Das dürfte für viele Nordoberpfälzer schon fast den Gewichtsrahmen sprengen.

Also habe ich einige Fahrradhändler der Region angerufen und bei diesen nachgefragt. Und auch von den beiden Oberpfälzer Fahrradherstellern, Ghost und Cube, wollte ich wissen, ob es bei ihnen ein Rad gibt, das ich mit 150 Kilo Körpergewicht fahren dürfte. Vorneweg die beiden negativsten Reaktionen, die mir bei dieser Recherche begegnet sind: Bei der Firma Ghost erhielt ich leider nur die Antwort, dass man sich für dieses Interviewthema gerade keine Zeit nehmen könnte, schließlich sei Hauptsaison. Ob die Produktverantwortlichen und die Marketingmitarbeiter gerade zusammen mit der Pressestelle wirklich Fahrräder montieren?

"Mit 150 Kilo kann man sich nicht mehr bewegen!"

Den sprichwörtlichen Vogel hat jedoch ein junger Mitarbeiter eines Fahrradhändlers abgeschossen. "Mit 150 Kilo kann man sich nicht mehr bewegen. Da braucht man auch kein Fahrrad kaufen", war die Antwort, die ich erhielt als ich mich am Telefon als Oberpfalz-Medien-Mitarbeiter vorgestellt und ihm mein Recherchethema gesagt hatte. Er habe selbst schon mal 100 Kilo gewogen und konnte sich da kaum noch bewegen. Jetzt habe er wieder auf 70 Kilo abgenommen. Er wisse also genau, wovon er rede und dass man sich mit 150 Kilo wirklich gar nicht mehr bewegen könne. Nach einer entsprechenden Antwort und ein paar gewichtigeren Angaben zu meiner Person war dieses Gespräch dann doch sehr schnell beendet. Sein Chef hat sich dann ein paar Tage später bei einem weiteren Gespräch für den "jungen und unerfahrenen" Azubi entschuldigt, und selbstverständlich seien auch Menschen mit mehr Kilos auf den Rippen in seinem Laden willkommen.

Und wie sieht es jetzt auf dem Fahrradmarkt aus? Mau! Nicht nur, weil gerade fast alle Radhändler leergekauft sind. Normale Fahrräder sind wirklich meist bis maximal 120 Kilo Gesamtgewicht ausgelegt. E-Bikes oft bis 140 Kilo – schließlich muss das höhere Eigengewicht des Rads ausgeglichen werden. Allerdings gibt es bei einigen Händlern XXL-Räder zu kaufen. Das sind Räder, meist E-Bikes, die auf 150 bis 170 Kilo Systemgewicht geprüft und zugelassen sind.

Wenig Auswahl und viel Nachfrage

Fast alle der kontaktierten Fahrradhändler hatten entsprechende Räder in ihrem Angebot. Aber jeweils nur ein oder zwei Modelle. Mehr nicht. Und alle mit einem maximalen Systemgewicht von 170 Kilo – bei E-Bikes. Denn auch darin waren sich die Fahrradhändler einig: Gerade E-Bikes sorgen für den Boom bei der Nachfrage nach Rädern von Menschen mit Übergewicht. Die elektrische Unterstützung erleichtere das Fahren deutlich, und so mache radeln eben auch einfach mehr Spaß, wenn man aus irgendwelchen Gründen schon etwas eingeschränkt sei. Egal, ob es Übergewicht, Alter oder sonstige Beeinträchtigungen seien.

Peter Stadler vom gleichnamigen Fahrradhandel in Amberg war der Einzige der angefragten Händler, der ein Rad mit einem Systemgewicht von 180 Kilo anbieten konnte. Dieses gibts als E-Bike und auch als "normales" Fahrrad. "Es wurde von einem Arzt entwickelt und ist gezielt auf Menschen mit Übergewicht ausgelegt", so Stadler. Mehr als die beiden Modelle gibt es bei ihm jedoch auch nicht. "Wir merken aber, dass es ein sehr großes Interesse an solchen Rädern gibt." Etwa 150 Stück habe er im vergangenen Jahr davon verkauft.

Und die Radhersteller? Anders als Ghost hat sich Cube die Zeit für eine schriftliche Stellungnahme genommen. Von den E-Bikes würden nach und nach immer mehr für ein Systemgewicht von 150 Kilo zugelassen. Normale Räder, ohne Unterstützung und Federung, hielten maximal 140 Kilo aus. Ein Anfang, aber leider nicht gerade "dickentauglich”.

Noch viel zu tun

Mein Fazit? Wer die Zahlen etwas überschlagen hat, wird bemerkt haben, dass es genau ein einziges Fahrrad gibt, dass ich mit meinen knapp 150 Kilo wohl fahren dürfte. Das von Peter Stadler. Und das ist leider ein Rad, das mir persönlich sowohl zu teuer ist als auch nicht gerade dem entspricht, was ich mir optisch unter einem Fahrrad vorstelle, das ich nutzen möchte. Bei allen anderen Rädern würde ich das Gesamtgewicht überschreiten. Auch wenn die Radhersteller so langsam sehen, dass ihre technischen Grenzwerte von der Realität überholt wurden, gibt es hier noch ziemlich viel Aufholbedarf. Schließlich sollen wir Dicke uns doch gesund und gelenkschonend bewegen können – auch draußen in der Natur.

Mein nächster Schritt wird sein, das 30 Jahre alte Mountainbike meines Dads in eine Fahrradwerkstatt zu bringen, um rauszufinden, was ich da reinstecken muss, um es zu nutzen. Da ist eh keine Gewährleistung mehr drauf, und so kann ich hoffentlich kostengünstig erst einmal feststellen, ob mir Radfahren wirklich Spaß macht. Und vielleicht nehme ich dadurch dann doch ganz schnell so viel ab, dass ich im Herbst oder im nächsten Frühjahr der Fahrradindustrie ein Rad abkaufen darf, ohne beim ersten Mal Draufsitzen jegliche Gewährleistungsansprüche plattzumachen.

Zum ersten Teil von #gehenstattessen

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