17.12.2020 - 10:33 Uhr
KonnersreuthOberpfalz

Das sanfte Gruseln vor der Bescherung

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Seit über 30 Jahren versammeln sich Kinder, ihre Eltern und Großeltern am 24. Dezember am Therese-Neumann-Platz in Konnersreuth. Mit dem 12-Uhr-Glockenschlag gehen dort die Spechten um.

Handzahm geben sich die Spechte. Sie haben Süßes für die Kinder dabei.
von Josef RosnerProfil

Eigentlich war alles vorbereitet für die Mittagszeit an Heiligabend. Punkt Glockenschlag 12 Uhr wären die Spechten aus dem benachbarten Rehberg auf den Therese-Neumann-Platz gekommen und hätten vor Hunderten von Menschen ihr alljährliches Schauspiel abgezogen. Doch leider wird nichts draus. Die aktuelle Corona-Lage, so Stephan Lauterbach, lässt einen Auftritt nicht zu. So muss heuer das "Spechten gehen" an Heiligabend ausfallen. Aber nächstes Jahr, da sind sich die Organisatoren sicher, soll es wieder stattfinden.

Seit 2018 organisiert Stephan Lauterbach eigenverantwortlich diese Brauchtumspflege, nachdem er zuvor über 25 Jahre sein Vorbild Ludwig Günthner unterstützt hatte. Günthner hatte diese Tradition in der Marktgemeinde wieder salonfähig gemacht. Mehr als sechs Jahrzehnte lang stellte er das "Spechten gehen" auf die Beine. Die Süßigkeiten für die Kinder bezahlte er auf eigene Kosten. Gemeinsam mit Verwandten und einigen Freunden stellte er sich Jahr für Jahr für dieses Brauchtum zur Verfügung. Aus Altersgründen hörte Günthner 2015 auf, seinen Job übernahmen Siegfried und Christian Zitterbart, ehe Stephan Lauterbach vor zwei Jahren in die Bresche sprang, als sich keiner mehr fand.

Mit dem Glockenschlag

Höhepunkt ist an Heiligabend um die Mittagszeit, wenn die Glocke der benachbarten Pfarrkirche 12 Uhr schlägt. Ab diesem Zeitpunkt strömen die Spechten aus dem benachbarten Rehberg auf den Konnersreuther Marktplatz, wo sich Jahr für Jahr eine große Anzahl von Menschen versammelt haben.

Schon im Vorfeld haben die Verantwortlichen, zu denen seit vielen Jahren auch Monika Kreuzer, die Schwiegermutter von Stephan Lauterbach, gehört, die Hauptarbeit. Da gilt es "Spechtengürtel" aus Stroh vorzubereiten, oder die Gesichtsmasken wieder neu herzurichten. All diese Utensilien sind echte Handarbeit - das braucht einfach seine Zeit. Schon im Sommer werden Kräuter gesammelt, damit werden die Gesichtsmasken "verschönert". Jedes Jahr neu angefertigt werden die Strohbänder, die die "Specht" als Gürtel trägt.

Früher war die Specht eher nicht öffentlich. Seit rund 30 Jahren wagen die "Spechten" die großen öffentlichen Auftritte am Therese-Neumann-Platz. "Sogar ein Filmteam des Bayerischen Fernsehens war schon mal da", erinnert sich Lauterbach.

Ursprung Rauhnächte

Die Specht, so die Sage, hat ihren Ursprung in den Rauhnächten und eine Tradition von über 300 Jahren. In zahlreichen Orten im Stiftland, ganz besonders jedoch in Konnersreuth, hat sich das Brauchtum von der Specht bis heute erhalten.

In jüngster Zeit wird das "Spechten gehen" auch anderenorts kopiert - doch das Original gibt es nur in der Marktgemeinde Konnersreuth. Lauterbach erinnerte sich an das frühere Sprichwort: "Wenn keine Specht kommt, kommt auch nichts vom Christkind." Auch dieses Mal sollte die Specht am Heiligen Abend kommen, doch Corona verhindert zumindest heuer das Spektakel. Stephan Lauterbach hatte bereits sechs Spechten - groß und klein und gruselig - für heuer organisiert.

Kerne und Gräten

Normalerweise bringen Kinder Essensreste von zu Hause mit, etwa alte Brotscheiben, Zwetschgenkerne, Heringsgräten und Kartoffelschalen, die sie der Specht anbieten. Dafür erhalten sie - dies war allerdings früher nicht so - als kleines Dankeschön einige Süßigkeiten von den Spechten. Die Essensreste erinnern daran, dass früher der Heilige Abend ein strenger Fasttag war und eben nur Essensreste übrig blieben. Mit "Wetze, wetze Bauch aufschneiden" gehen die Spechten durch die Menschenmenge und so manch kleiner Steppke, der vorher noch lauthals tönt, versteckt sich zur Sicherheit hinter dem Vater oder dem Opa. Ganze 30 Minuten dauert normalerweise das gruselige Schauspiel, ehe der Spuk vorbei ist und sich die Spechten wieder im nahen Rehberg verziehen.

Hintergrund:

Specht

  • Die winterliche Brauchtumsfigur Specht ist hauptsächlich in Nordostbayern verbreitet und diente früher als Kinderschreck.
  • Ihre Ursprünge liegen vermutlich in der Gestalt der „Bercht“ oder „Percht“.
  • In Tschechien treibt im Egerland die „Sperte“ ihr Unwesen, im Tepler Hochland die „Sperchta“ sowie in Mähren die „šperechta“. In diesen Bezeichnungen ist die Namensverwandtschaft zur „Percht“ noch deutlicher. In Nordostbayern verschwand nach und nach das „r“ aus dem Namen und wurde zu „Specht“.
  • Die Specht kommt heutzutage in Tirschenreuth, Konnersreuth, Münchenreuth bei Waldsassen, Maiersreuth bei Bad Neualbenreuth, Schönficht und Pleußen. (dt)

Die Hintergründe der Rauhnächte

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