17.12.2020 - 10:03 Uhr
VilseckOberpfalz

Wilde Jagd durch die Oberpfalz: Schauriges Treiben in der Nacht

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Zahlreiche Sagen sind mit den Rauhnächten, zwölf Tagen "zwischen den Jahren", verbunden. Die "Wilde Jagd" und Dämonen sollen ihr Unwesen treiben. Perchten sind allerdings in der Oberpfalz eine eher neue Tradition.

Schaurige Gestalten treiben ihr Unwesen - und sorgen auch für Unterhaltung.
von Christa VoglProfil

Gehörnte, furchterregende Gestalten, die abends lärmend durch die Straßen ziehen, bekleidet mit Fellen und finsteren Masken, Krampusse und Perchten, Hexen, die mit Zaubersprüchen die "Wilde Jagd" beschwören, finstere Dämonen und anderes Geistervolk, der Tod, schauriges Treiben in der finsteren Nacht: Sind das wirklich alte Traditionen und überlieferte Bräuche, die früher typisch für die Rauhnächte in der Oberpfalz waren und die heute wieder zu neuem Leben erweckt werden?

"Nein, das ist keine alte Tradition", sagt Dr. Manuel Trummer, Privatdozent für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg, und erklärt auch gleich, warum das so ist: "Zwar gibt es Sprachforscher, die der Meinung sind, dass das Wort ,rauh' früher auch ,pelzig' bedeutete und damit einen Hinweis lieferte auf die vermummten Pelzgestalten, die Krampusse. Aber das ist eher unwahrscheinlich."

Eisige Kälte

Wahrscheinlicher sei eine ganz andere Herleitung. "Damals waren die Tage zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag eine ganz besondere Zeit, eine finstere Zeit", erklärt der 41-jährige Hochschullehrer aus Vilseck. "Sie war oft geprägt durch eisige Kälte, Winterstürme, die an den Fensterläden rüttelten, und Kerzen als einzige spärliche Lichtquelle." Um zumindest in der Küche für ein gewisses Maß an Behaglichkeit zu sorgen, musste das Holzfeuer im Ofen unterhalten werden. Aus den Kaminen der Häuser stieg beständig Rauch auf. Daher stamme wahrscheinlich der Begriff "Rauchnächte".

Dazu kam, dass in dieser Zeit das Leben draußen zum Erliegen gekommen war, die Menschen saßen in der Stube beieinander, arbeiteten, reparierten, schnitzten, spannen und erzählten sich dabei Geschichten. Weil die Geschichten oftmals richtig gruselig waren - zum Beispiel wenn von der "Wilden Jagd" erzählt wurde, einem Geisterheer, das über den Himmel jagt - verbanden sich dieser Grusel und die gefühlte Bedrohung nach und nach auch eng mit den Rauhnächten.

Heilige Zeit

"Die Wurzeln für die Rauhnächte liegen aber eindeutig im Christentum", erklärt Manuel Trummer. Denn die zwölf Rauhnächte sind begrenzt von zwei christlichen Festen: Der Geburt von Jesus Christus am 25. Dezember und dem Dreikönigstag oder Epiphaniasfest am 6. Januar. Dieser Tag erinnert an die Ankunft der Weisen aus dem Morgenland bei Jesus an der Krippe - und an das Erscheinen Gottes in der Welt. "Diese zwölf Tage waren eine heilige Zeit im christlichen Glauben, eine Zeit der Besinnung, der Einkehr ins Innerhäusliche, ins Private, eine spirituelle Zeit."

Auch die Krampusläufe, die heutzutage einen wahren Hype erleben, haben einen christlichen Ursprung. "In Erinnerung an den Bischof von Myra wurde es ab dem 17. Jahrhundert Brauch, dass am 6. Dezember der Hl. Nikolaus zu den Kindern kam und sich erkundigte, ob sie während des Jahres brav gewesen waren. Er fragte ihr Wissen über den Katechismus ab und belohnte sie", erzählt Trummer. "Oder er ließ sie bestrafen von seinem Diener, dem Krampus, dem Teufel, der den Hl. Nikolaus begleitete."

Schon im 15. und 16. Jahrhundert, also im Spätmittelalter, hatten die Krampusse jedoch überhand genommen: Immer mehr Menschen waren in die Rolle des Krampus geschlüpft. Es kam zu sogenannten Krampusläufen: maskierte Gestalten, die miteinander durch die Straßen liefen, um die Menschen zu erschrecken. Doch als das Treiben zu eskalieren begann, und der christliche Sinn zu verschwinden drohte, versuchte die Kirche, dem ein Ende zu setzen.

Tugend und Laster

Auch die christlichen Umzüge zum Dreikönigsfest am 6. Januar erlebten eine Veränderung: Perchten waren ursprünglich Tugend- und Lasterfiguren, die durch die Dörfer und Städte zogen mit edlen und schönen Kostümen. Sie brachten dadurch der einfachen Bevölkerung wichtige Glaubensinhalte anschaulich näher. In der modernen Brauchtumspraxis von heute würden diese edlen Perchten oft kurzerhand mit den wilden Krampusteufeln des Nikolaustages vermischt, weil vielen Perchtengruppen ihre Herkunft und Geschichte nicht bekannt sei.

Überkommener Aberglaube

Mit dem Zeitalter der Aufklärung um 1700 und der damit verbundenen Entwicklung von rationalem Denken und der Hinwendung zu den Naturwissenschaften verschwanden allerdings diese Krampus- und Perchtenläufe vielerorts wieder. Die Herrschenden - auch die Kirche - sahen darin häufig einen überkommenen Aberglauben, der nicht mehr in die moderne Zeit passte.

Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die Rauhnachtläufe erneut belebt: "Durch den Tourismus in Österreich ist das Ganze wieder aufgekommen. Vor allem als die Handwerker im alpenländischen Raum um 1930 begannen, Masken für Krampusse professionell als Souvenirs für die Sommerfrischler zu schnitzen", sagt Trummer. Von Tirol und vom Salzkammergut wurden diese Läufe vor allem ab den 1990er-Jahren wieder touristisch genutzt. Von dort aus seien sie dann um die Jahrtausendwende nach Bayern "geschwappt" - und damit auch in die Oberpfalz. "In der Oberpfalz sind diese Rauhnachtläufe ein sehr, sehr junges Phänomen", so der Hochschullehrer.

Hoher Unterhaltungswert

Manuel Trummer sieht in diesen Veranstaltungen nichts Negatives. Sie sollten aber als das betrachtet werden, was sie sind: Kommerziell geprägte Inszenierungen, Erfindungen des 21. Jahrhunderts. Mit einem hohem Unterhaltungswert, jedoch weitgehend ohne historische oder gar heidnische Vorbilder und mit vielen Elementen aus der Fantasy- und Mittelalterszene. Doch warum sind die Rauhnachtläufe so beliebt? "Unsere Welt wird von vielen Menschen als kühl empfunden", versucht der Dozent diese Erscheinung zu erklären. "Diese Perchten- und Krampusgestalten faszinieren in ihrer Archaik, sie sind mystisch, sie verzaubern. Sie bringen einen Hauch von Kontrollverlust in unsere durchrationalisierte Welt."

Schon lange sind die Rauhnächte nicht mehr so finster, so kalt, so bedrohlich und stürmisch wie früher. Auch die dazugehörigen Bräuche und Traditionen haben sich mit den Jahren stark verändert. Trotzdem bleiben die zwölf Nächte zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag eine besondere Zeit. Und zwar nicht nur für Christen: Weil Jesus - das Licht der Welt - als Kind in der Krippe auf unsere Erde gekommen ist, sondern für alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben: Weil Zeit ist zum Innehalten, zum Zurückblicken und zum Neuausrichten.

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Über die Zeit "zwischen den Jahren"

Dr. Manuel Trummer ist Dozent für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität in Regensburg: „Die Wurzeln für die Rauhnächte liegen eindeutig im Christentum.“
Schaurige Gestalten in gruseligen Kostümen, feuerspuckende Ungeheuer, kreischende Hexen und mittendrin der Krampus: Hier verkörpert von dem Verein „Oberpfälzer Schlossteufel“.
Perchten waren ursprünglich Tugend- und Lasterfiguren, die durch die Dörfer und Städte zogen.
Hintergrund:

Rauhnächte

  • Die Zahl der Rauhnächte ist regional unterschiedlich. Sie variiert zwischen drei und zwölf Nächten.
  • Die vier wichtigsten Rauhnächte sind der kürzeste Tag des Jahres, die Nacht auf den Thomas-Tag, am 20./21. Dezember, die Christnacht am 24./25. Dezember, Silvester am 31.Dezember/1. Januar und der Dreikönigstag am 5./6. Januar.
  • In den Rauhnächten sei es laut Sagen und alten Erzählungen möglich, Geister zu beschwören, Wahrsagerei zu betreiben (heute noch im Brauch des Bleigießens zu Silvester zu finden) oder in Kontakt mit Tieren zu treten.
  • Um Mitternacht sollen in manchen Rauhnächten die Tiere im Stall die menschliche Sprache sprechen und die Zukunft vorhersagen. Wer sie sprechen höre, sterbe allerdings kurz danach.
  • In der Silvesternacht soll die „Wilde Jagd“ übers Land toben. Die Grenze zwischen dem Reich der Toten und dem Reich der Lebenden steht offen.
  • In früher keltischen Regionen und Ländern gibt es die Sage, dass unverheiratete Frauen um Mitternacht an bestimmten magischen Orten ihren zukünftigen Bräutigam sehen könnten. Er durfte allerdings nicht angesprochen werden.
  • Im Haus darf in den Rauhnächten keine Unordnung herrschen.
  • Auf der Leine darf keine weiße Wäsche hängen. Die Reiter der „Wilden Jagd“ könnten sie stehlen, das weiße Tuch würde im Laufe des Jahres zum Leichentuch für den Eigentümer.
  • Wäscheleinen durften mancherorts generell nicht gespannt werden, da sich die „Wilde Jagd“ darin verfangen konnte.
  • Frauen und Kinder durften nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr alleine auf der Straße unterwegs sein.
  • Kartenspiele waren verboten. (dt)

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