Vor 480 Jahren verschwinden zwölf goldene Apostelfiguren

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Die Mönche des Klosters Kastl verstecken vor der drohenden Säkularisation ihre Preziosen, darunter wohl auch die Darstellungen der Jünger Jesu. Immer wieder wird nach den Figuren gesucht. Gefunden hat sie bisher niemand.

Diese Vignette aus Karl Winklers „Oberpfälzisches Heimatbuch“ (1925) zeigt die Klosterkirche Kastl. Die Auflösung des Klosters fand am 29. November 1556 statt.
von Josef SchmaußerProfil

Jedes Schulkind in Kastl (Landkreis Amberg-Sulzbach) und Umgebung kennt die geheimnisvolle Sage von den "12 goldenen Aposteln" aus der dortigen Klosterkirche. In der Gegend werden mehrere Stellen genannt, wo die vor zirka 480 Jahren verschwundenen Heiligenfiguren versteckt wurden. Sie wurden bisher nicht wieder gefunden. Viele Kinder drängten ihre Eltern, in Höhlen und Kellern der näheren Umgebung nach den verschollenen Aposteln zu suchen.

Welcher wahre Kern steckt in der mysteriösen Geschichte? Wir müssen in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückgehen. Die neue Lehre von Martin Luther hatte sich rasch im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ausgebreitet.

Die Religionsstreitigkeiten wirkten tief in das Alltagsleben der Bevölkerung. "Cujus regio, ejus religio!" - "Wer das Land besitzt, bestimmt die Religion!" Die Oberpfalz gehörte damals zur Pfalz bei Rhein.

Ottheinrichs Griff nach den Reichtümern der Kirche

Ottheinrich von der Pfalz oder Ottheinrich von Pfalz-Neuburg - eigentlich Otto Heinrich - aus der Familie der Wittelsbacher war Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg - ab 2. Juni 1522 auch Pfalzgraf-Kurfürst von der Pfalz - vom 26. Februar 1556 bis zu seinem Tod. Geboren wurde er am 10. April 1502 in Amberg, gestorben ist er am 12. Februar 1559 in Heidelberg.

Ottheinrich führte 1557 die Reformation nach lutherischer Richtung in der Kurpfalz und ihren Kondominien ein (bei einem Kondominium teilen sich mehrere Staaten die territoriale Souveränität über ein ihnen gemeinsam gehörendes Gebiet.).

Der ausschweifende Lebensstil des Renaissancefürsten Ottheinrich wirkte sich in gewaltigen Schulden aus. Im Jahr 1544 beliefen sie sich auf über eine Million Gulden.

Eine Möglichkeit, sich der enormen Schulden zu entledigen, war eine Säkularisation von Klöstern. Diese Tatsache dürfte, nachdem Pläne bekannt wurden, dass eventuell auch das Kloster Kastl säkularisiert werden könnte, den Hintergrund bilden, dass die Mönche wertvolles Inventar aus dem Kloster schafften und so vor dem Zugriff der Kommission retteten, welche eine Bestandsaufnahme der Preziosen vornehmen sollte. Die Auflösung des Klosters fand übrigens am 29. November 1556 statt.

Wo wurden die zwölf goldenen Apostel versteckt?

Manche Orte in der Umgebung werden als mögliche Verstecke genannt: So Höhlen beim Burgstall Scharfenberg bei Ursensollen, Höhlen nördlich von Dettnach (Marktgemeinde Kastl) oder die ehemalige Burg Zant oder Schloss Heimhof. Diese Orte sind eher unwahrscheinlich und bezeugen nur, dass das Kloster Kastl in der Gegend Besitz hatte.

Der ehemalige Heimatpfleger der Marktgemeinde Kastl, Hermann Römer, ein versierter Kenner seiner Heimat, vermutet, dass das Versteck in den vielen verborgenen Höhlen im Waldgebiet "Buchert", gegenüber der Klosterburg an der ehemaligen Lokalbahn Amberg-Lauterhofen liegen könnte.

Auf der Höhe, auf dem Kalvarienberg, waren noch in den 1950er Jahren Kalkgruben, um Löschkalk zu produzieren. Auch dort stieß man immer wieder auf Spalten und Höhlen. Einst, so wurde erzählt, gab es zwei Höhleneingänge.

Der ehemalige Konrektor der Volksschule Kastl kann sich noch erinnern, dass sein ehemaliger Volksschullehrer einst eine Gruppe seiner Schüler, darunter auch ihn, ausgewählt hatte, in einen der Höhleneingänge zu schlüpfen, um "zu forschen". Hermann Römer erinnert sich, dass der zirka 60 Zentimeter hohe Spalt gemauert war. Erfolg war den Buben nicht beschieden.

Der Heimatfreund Hans Metz, ein anerkannter Wünschelrutengänger, bestätigte vor Jahren bei einer Ortsbegehung, dass sich in dem Höhenzug Hohlräume befinden. Leider sind beide Höhleneingänge schon lange zugeschüttet.

Wie groß waren die Figuren?

Beim Hauptportal der Benediktuskapelle stehen rechts zwei Heilige, die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus. Ihre Größe (90 Zentimeter) sollen die früheren Apostelfiguren einst gehabt haben.

Dies scheint aber nicht realistisch zu sein. Das Gewicht einer einzelnen Apostel-Figur wäre viel zu schwer gewesen.

Auf dem Lettner (in mittelalterlichen Kirchen den Chor vom Langhaus trennende, plastisch ausgestaltete, hohe Schranke, eine Art Empore), auf der liturgische Schriftlesungen stattfanden und auch die Chorsänger Aufstellung nahmen, stand ein zweiter Altar.

Die Gläubigen hatten gar keinen Blick darauf, da eine steinerne Schranke diesen den Mönchen vorbehaltenen Sakralraum absperrte. Dort standen einst auch die zwölf goldenen Apostel. Sie glänzten aber nicht golden, sondern waren unter einer unscheinbaren Patina verborgen, vielleicht auch, um Diebe nicht anzulocken.

Letztendlich lässt sich das Geheimnis um die verschollenen zwölf goldenen Apostelfiguren aus der Kastler Klosterkirche nicht mehr lüften. Die Sage bewegt aber auch nach fast 500 Jahren die Fantasie und die Gemüter.

Altbürgermeister Franz Xaver Mosner schrieb in den 1990er Jahren in seinem "Kastler Heimatbücherl": "Man erzählt sich, dass die verschollenen Figuren erst wieder zum Vorschein kommen, wenn eines Tages der Papst von Rom Kastl besucht. Andere erzählen, dass die Apostel erst dann wieder auftauchen, wenn bei uns eine so große Not herrscht, dass die Menschen wieder gezwungen sind, in Höhlen Unterschlupf zu suchen."

Beinhäuser in der Oberpfalz

Amberg

Geschichte(n) der Oberpfalz in der Reihe "Damals"

Ein Blick von der Klosterburg Kastl in Richtung „Buchert“ (Kalvarienberg). Hier vermuten viele Einheimische die verschollenen zwölf Apostel. Diese Aufnahme vom Mai 2013 ist ebenfalls schon ein Zeitdokument und zeigt auch noch das inzwischen abgerissene Lagerhaus der Baywa.
Beim Hauptportal bei der Benediktuskapelle stehen rechts die Apostelfürsten Petrus....
... und Paulus. Ihre Größe (90 Zentimeter) sollen die verschwundenen Apostelfiguren haben.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.